Pfalz: Schwammerl gesucht

Fünf Wanderer halten Ausschau nach Delikatessen – Rundtour vom Forsthaus Lindesmannsruhe über den Ungeheuersee

Meine erste Pilzwanderung sollte in der Eifel stattfinden, dem Mittelgebirge zwischen Ruhrpott und Mosel, in dem es zwar Vulkane, aber sonst nicht viel gibt. Pilze gab es auch keine. Zumindest als ich dort war. Es war ein pilzfreies Jahr. Ich weiß nicht, was die Pilze sich dabei gedacht haben.

Die Frau im Besucherzentrum meinte, es sei sehr trocken gewesen. Die geführte Pilzwanderung, die ich Monate im Voraus gebucht hatte, fiel aus. Dafür habe ich Heino gesehen – im Hotel in Bad Münstereifel. Dort haust der Schlagerstar zwischen Goldenen Schallplatten und Fotos von Musikerkollegen. Samt Sonnenbrille und Blondschopfjünglingsfrisur. Ein paar Pilze wären mit lieber gewesen, obwohl Heino mit blasser Haut und feingekämmter Haartolle durchaus etwas Pilzartiges an sich hat.

Der Traum vom Pilzragout

Seit der abgesagten Pilzwanderung in der Eifel habe ich ein Schwammerltrauma. Entweder verstecken sich die Pilze vor mir, oder sie treten in Massen auf, aber niemand ist in der Nähe, der sich damit auskennt. Vielleicht bin ich verflucht und nicht dafür bestimmt, in die geheime Welt der Pilze einzudringen. Wenn ich im Herbst durch den Odenwald oder die Pfalz schlendere, sind sie überall: braune, weiße, lilafarbene Kappen. An jedem Baumstumpf klebt eine gesellige Pilzfamilie. Sie warten am Wegesrand auf Wanderer, die einem Pilzragout auf Semmelknödeln nicht abgeneigt sind. Sie werfen sich mir zu Füßen wie willfährige Sklaven.

Doch in diesen Momenten bin ich allein. Meine Pilzkenntnis erstreckt sich auf exakt zwei Sorten: den Parasol- und den Fliegenpilz. Immerhin ist der erste der beiden essbar, wie ich nach einer Wanderung im Odenwald gelernt habe. Ansonsten bleibt mir die Welt kulinarischer Herbstwaldgenüsse verschlossen. Ich kann weder einen Steinpilz noch einen Pfifferling eindeutig erkennen. Also lasse ich die Finger davon. Die Gefahr, dass ich nach dem Abendessen halluzierend in Mannheim herumstolpere, ist mir zu groß.

Zu Hause im Wohnzimmerschrank steht ein Buch mit dem Titel »Der große BLV Pilzführer für unterwegs« . Es hat 718 Seiten und versprüht krötenhaftem Charme. Der Buchbrummer listet 1.200 Arten und erklärt lapidar: »Natürlich ist es auch hier unmöglich, alle 4.000-5.000 Großpilzarten unserer Heimat abzubilden.« Von diesem Buch hatte ich mir Erkenntnis erhofft.

Aber mit dem Buch allein bin ich nicht weit kommen: Seitenweise Pilze, einige davon ähneln Tiefseelebewesen oder Außerirdischen, andere sind unscheinbar und nur durch winzige Merkmale von ihren tödlichen Verwandten zu unterscheiden. Ob es einen Menschen auf der Welt gibt, der sie alle kennt? Oder leide ich an Fungiagnosie – der Unfähigkeit, verschiedene Pilze auseinanderzuhalten?

Mir war klar, dass ich Hilfe brauchte. Deshalb die Pilzführung in der Eifel. Aber ohne Pilze keine Heilung. Das Pilzuniversum würde mir weiter verschlossen bleiben.

Doch dann kam A., der in der gleichen Tanzschule tanzt wie ich, und sagte: »Wir könnten mal eine Pilzwanderung machen – und dann ein Pilzmenü kochen.« A. wäre meine Rettung im Labyrinth der 1.200 Pilze.

Ich kenne A. schon seit einigen Jahren. Er weiß nicht nur einiges über Pilze, sondern auch sonst ziemlich viel. Also los! Ab in die Pfalz! Auf zu den Pilzen! Im Oktober war es so weit.

Lindesmannsruhe: Abmarsch im Regen

Zu fünft starten wir am Wanderparkplatz Lindemannsruhe in der Nähe von Bad Dürkheim. A. hat einen großen Korb, ein paar Pilzbestimmungsbücher und ein kleines gebogenes Pilmesserchen dabei. Ich fühle mich in guten Händen. Es beginnt zu regnen. Wir lassen uns nicht aufhalten.

Ich setze den Pilzblick auf, die Augen aufs Unterholz gerichetet, und scanne die Umgebung. Den etwas sperrigen Pilzkorb tragen wir abwechselnd. A. lotst uns querfeldein einen Hang hinab. Der Boden ist feucht und rutschig. Auf einem Stamm liegt ein abgeknabberter Fichtenzapfen. Das Laub reicht mir bis zum Knöchel. Wir stolpern zwischen Steinen und Ästen ins Tal hinunter, dann auf einmal: Pilzalarm. A. ruft die Truppe zusammen. Er hält einen etwa zeigefingerlangen Pilz in der Hand, der braune Hut hat gerade mal den Durchmesser einer Mokkatasse. Der Stiel ist schlank und schwarz gesprenkelt.

»Ein Birkenpilz«, erklärt A. und zeigt das Exemplar herum. Ich bin froh, dass doch kein Pilzfluch auf mir lastet. Wir haben einen Pilz entdeckt – und noch dazu ein essbares Exemplar. Satt werden wir von dem Winzling nicht, aber immerhin.

A. erläutert, woran man den Birkenpilz erkennt. Wir schnuppern an unserem Fund. Ich finde, er riecht nach Pilz. Vorsichtig legen wir unsere Ernte in eine Tupperdose in unserem Korb und suchen die nähere Umgebung ab. Wo sich ein Birkenpilz versteckt, sind vielleicht noch mehr. Fehlanzeige. Der Pilz war ein Einsiedler.

Später schlage ich den Birkenpilz in dem dicken Wälzer nach und erfahre, dass Birkenpilze gerne mal auch schwarze oder weiße Hüte tragen und der Heide-Rotkappe sowie dem Hainbuchen-Raufuß sehr ähnlich sehen. Sie alle sind essbar. Das ist die Hauptsache.

Auf den nächsten Kilometern machen sich die Pilze wieder rar. Es gibt ein paar grünlich-weiße Exemplare, von denen A. abrät. Auch er kann sie nicht eindeutig bestimmen. Immerhin liegen uns Esskastanien zu Füßen. Wir lesen sie vom Waldweg auf, und bald strahlt der Boden des Korbs in glänzendem Braun. Man muss nehmen, was man kriegt.

Von Lamellen, Röhren und Sporen

A. bemüht sich, unseren Pilzkenntnissen auf die Sprünge zu helfen. Er erzählt von Lamellen und Röhren, von angewachsenen Hüten und genatterten Stielen. Außerem schärft er uns ein, Pilze, die man nicht mitnimmt, immer mit den Lamellen oder Röhren nach unten zu drehen, damit die Sporen hinausfallen können und die nächste Pilzgeneration eine Chance hat.

Als wir auf Boviste treffen, leiste ich gleich Geburtshilfe. Die braunen Knollen umgeben von einem sternfömrigen Blätterkranz pupsen einen Schwall ihrer schwarzen Sporen in die Luft, sobald man auf ihnen herumdrückt (siehe Video unten). Aus dem Pilzführer lerne ich, dass es sich um Exemplare der Gattung Erdsterne handelt. Essbar sind die Pupspilze nicht.

Wir stärken uns an der Pfälzerwaldhütte am Ungeheuersee mit neuem Wein, Käsewürfeln und Kuchen und finden dann immerhin noch einen Semmel-Stoppelpilz, auf dessen Unterseite kleine Auswüchse wachsen, fast so, als hätte der Pilz vergessen, sich zu rasieren.

Auf dem Rückweg zu unserem Auto setzt wieder Regen ein. A. lässt uns noch einmal ausschwärmen, weil er an einem schmalen Pfad in einem birkendurchzogenen und bemoosten Gebiet noch Pilze vermutet. Die feuchte Luft legt sich wie eine Creme auf meine Haut. In der rechten Hand halte ich den Regenschirm. Meine Haut kühlt langsam ab. Ein Pilz zeigt sich nicht, ich bin trotzdem zufrieden. Unser Pilzmenü wird eben etwas magerer ausfallen.

Ein prächtiger Steinpilz

Kurz vor dem Ende der Wanderung kommt uns eine andere Wandergruppe entgegen und wir beraten kurz, ob wir einen Überfall wagen soll. Ein Herr mittleren Alters trägt eine durchsichtige Plastiktüte. Darin ruht – trophäengleich – ein honigemelonengroßer Steinpilz: wuchtige Kappe, fetter runder Stamm. Wie ein dicker Herr im Herbstmantel sieht der Steinpilz aus. Wir entscheiden uns gegen den Pilzraub und nicken dem erfolgreichen Sammler bewundernd zu.

Nach rund dreizehn Kilometern fahren wir zurück nach Mannheim. Ich schlafe im Auto auf der Rückbank ein und träume vom Pilmenü. Pilze suchen macht müde.

Aus unserer winzigen Ausbeute kredenzt A. eine Zwergenportion Pilzragout, die wir unter uns fünf aufteilen. Aber A. wäre nicht A., hätte er nicht vorgesorgt. Tage vorher war er ausgezogen, um eine Handvoll Parasolpilze zu ernten. Zusammen panieren wir die flachen Hüte und machen daraus eine Art Pilzschnitzel. Steinpilzpesto hatte A. noch zu Hause, und die Semmeknödel hatte er sowieso schon vorbereitet.

Von den 1.200 Pilzen in meinem Buch kenne ich jetzt schon fünf. Wird schon, denke ich, und lasse mit die Knödel schmecken.

Rheinland-Pfalz: Rundwanderung im Pfälzerwald

Land: Deutschland (Rheinland-Pfalz)

Anreise: Der Startpunkt am Forsthaus Lindesmannsruhe ist vom Bad Dürkheimer Bahnhof mit der Buslinie 489 erreichbar. Alternativ kann man am Wanderparkplatz am Forsthaus sein Auto abstellen.

Gehzeit: rund 4 Stunden für 13,3 Kilometer (3. Oktober 2021)

Herausforderungen: Die Strecke ist gut begehbar und hat nur einige kürzere steilere Teilstücke. Die Rundwanderung verläuft in weiten Teilen parallel zum Ganerbenweg, einem gut ausgeschilderten Premiumwanderweg, der mit einer schwarzen Axt auf gelbem Grund markiert ist. Wer es sich also leicht machen will, folgt einfach dem Ganerbenweg. Ansonsten könnt ihr den GPX-Track unserer Tour hier herunterladen:

Höhepunkte: Rast am Ungeheuersee mit neuem Wein, Pfälzerwald, viele kleine schmale Pfade, Esskastanien, Pilze, verrückt aussehende Raupe

Geburtshilfe bei einem Bovist im Pfälzerwald.

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Linsenfutter sagt:

    … sehr schön.

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    1. Jana sagt:

      Danke für die Blumen!

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