Pfalz: Es dämmert

Ganerbenweg: Rundwanderung bei Bad Dürkheim

Im Nachhinein wundere ich mich, dass ich mich nicht gewundert habe. Auf Dutzenden Wanderungen bin ich über ein kurioses Phänomen der deutschen Geschichte gestolpert, ohne darüber nur ein einziges Mal den Kopf zu schütteln: Wieso stehen überall Bismarcktürme?

Dem ersten dieser absonderlichen architektonischen Gebilde bin ich als Grundschulkind begegnet. Mit Stullen und Caprisonne im Gepäck sind wir mit der Klasse zur Hügelkuppe gewandert, von der aus der Bismarckturm auf den Hunsrück schaut – über gelbe Rapsfelder und grünes Getreide. Hoch ist er nicht, der Bismarckturm an der Nunkirche bei Sargenroth, eher so ein landschaftlicher Stummel.

Dass ich mich als Achtjährige eher für Alben mit glitzernden Bärchenaufklebern und Gummitwist als für die Historie eines Turms interessiert habe, will ich mir heute nicht vorwerfen. Aber ich bin ich älter geworden, durch deutsche Mittelgebirge gestreift und hätte in all den Jahren einmal stutzig werden müssen. Immer wieder habe ich davor gestanden, Rast gemacht, mir einen Kaffee gekauft, bin Wendeltreppen hinaufgestiegen oder habe mich untergestellt. Sie alle tragen den gleichen Namen und haben keine besondere Funktion, außer dass sie als Wanderziel oder Aussichtspunkt taugen. Erst nach dem Ganerbenweg in der Pfalz habe ich mir die Mühe gemacht herauszufinden, was es mit all den Bismarcktürmen eigentlich auf sich hat.

Premiumwanderweg wie ein tiefer Atemzug

Der Ganerbenweg ist ein junger Premiumwanderweg in der Nähe von Bad Dürkheim in der Pfalz: weicher Waldboden, schmale Pfade, ein See, an dem Frösche quaken, alte Grenzsteine, rostrote Felsen. Der Ganerbenweg fühlt sich an wie ein tiefer langer Atemzug: erholsam, entspannend, erfrischend.

Direkt am Pfad in der Nähe des Gasthauses Lindesmannsruh thront ein ziemlich beeindruckendes Exemplar von Bismackturm: rot leuchtender Sandstein, ein breiter Fuß, darauf die zweite Etage mit drei rundbogigen Fenstern auf den Seiten. Das dritte Stockwerk wächst wie ein Fabrikschornstein in den Himmel. Der alte Bismarck schaut ernst von seinem Relief auf die Wanderer hinunter. Sein Walroßschnauzer ist etwas aus der Mode gekommen. Ich winke ihm zu. An der Vorderseite des Turms gibt ein kleiner Kiosk Getränke und Snacks aus; unter dem Schriftzug »Dem grossen Deutschen« warten Radfahrer und Wanderer, bis sie an der Reihe sind.

Reichskanzler Bismarck war es nicht, der seinem Volk befohlen hat, für ihn Türme zu bauen. Es sind auch keine Wehranlagen, die allesamt die Typenbezeichnung »Bismarck« tragen. Es sind weder Funkmasten und noch Sternwarten.

Die Türme verdanken wir einem studentischen Hobby, das mittlerweile ausgestorben sein dürfte: Bismarck-Verehrung. Es passt zu Deutschland, dass es den Studenten nicht gereicht hat, dem Reichskanzler ein Denkmal zu setzen. Nein, gleich auf allen Höhen der Heimat sollten die Türme stehen, als »Sinnbild der Einheit Deutschlands« – so hieß es in einem Aufruf, den die Studenten Ende des neunzehnten Jahrhunderts an alle großen deutschen Zeitungen schickten. Auf »ragender Höhe fern von anderen größeren Gebäuden« wollten sie die Denkmäler errichtet wissen.

Die Studenten verschickten Tausende Bittbriefe an Städte, Gemeinden und einflussreiche Bürger. Die Crowdfunding-Kampagne funktionierte. Man spendete – und zwar eine Menge Geld. Der Sargenrother Turm war noch verhältnismäßig günstig: Die Bauherren kamen dank kostenlosem Grundstück und Sachspenden mit 13.300 Goldmark aus. Das entspricht heute knapp 90.000 Euro.

Die Götterdämmerung gewinnt

Ein Architekturwettbeweb sollte sicherstellen, dass die Bauwerke dem Reichskanzler zur Ehre gereichen würden. Aus nichts anderem als härtestem deutschen wetterfesten Granit sollten die Türme bestehen. Die zehn prämierten Entwürfe trugen Namen, die nach heutigem Maßstab so anachronistisch und kitschig-heroisch klingen, als wäre die Germania persönlich von ihrem Denkmal herabgestiegen, um die Türme zu taufen. Sie hießen zum Beispiel »Dem deutschesten Deutschen«, »Eroika« oder »Höhenfeuer« .

Das Rennen machte der Entwurf »Götterdämmerung«, die Stummelvariante mit quadratischem Grundriss, einem einfachen Sockel und einer Rundsäule an jeder Ecke. Fast fünfzig Götterdämmerungen schafften es in die Landschaft. Aber die meisten Bismarckfans wollten es dann doch etwas individueller und griffen auf andere Entwürfe zurück.

Mit der Turminvasion allein war den deutschen Studenten der Verehrung Bismarcks aber nicht genüge getan. Auf allen Türmen wollten sie Feuerschalen anbringen und an festen Tagen zu Ehren des einstigen Reichskanzlers ein Licht entfachen. Daraus wurde aber nie so recht was – unter anderem konnte man sich nicht einigen, an welchem Tag man dem Reichskanzler gedenken sollte.

Huldigung für die Kultfigur Bismarck

Bismarck hat den größten Teil des Kults um seine Person nicht mehr miterlebt. Er starb 1898. Bis zu seinem Tod standen gerade mal ein gutes Dutzend Türme. Erst danach ging es mit der Turmbauerei so richtig los. Bis 1934 stellten seine Verehrer mehr als 220 weitere Monumente auf – einige davon in weit entfernten Ländern wie Kamerun oder Chile. Rund 170 von ihnen gibt es noch heute.

Auf dem Ganerbenweg reckt sich der höchste Bismarckturm in Rheinland-Pfalz über die Baumkronen. Mit sechunddreißig Metern ist er fast doppelt so hoch wie sein kleiner stummeliger Bruder in Sargenroth. Ein Schnäppchen war er nicht: Auf 33.000 Mark sollen sich die Kosten belaufen haben. Zur Einweihnung im Jahr 1903 pilgerten Tausende Bismarck-Anhänger auf den Peterskopf.

In den neunziger Jahren hat der Dürkheimer Drachenfelsclub, dem der Turm heute gehört, das Bauwerk saniert. Kostenpunkt: eine Million Mark.

Ich lege den Kopf weit in den Nacken, um mir den Turm als Ganzes anzusehen. Er hat etwas Burgenhaftes, Trotziges, Wahnhaftes. Ich könnte hinaufsteigen und mir die Pfalz von oben ansehen. Mache ich aber nicht. Es regnet, und auf dem Peterskopf zieht Wind auf. Der Turm heult. Bismarcks Blick ist müde. Ich ziehe mir meine Kapuze ins Gesicht. Als ich den Turm hinter mir lasse und wieder in den Wald eintauche, dämmert es mir, dass ich im Geschichtsunterricht irgendetwas verpasst haben könnte.

Zu Hause recherchiere ich, was es mit den Bismarcktürmen auf sich hat. Und ich wundere ich mich. Dass ich mich nicht gewundert habe. Und dass anscheinend selbst die verrücktesten Ideen das Potenzial haben, Geschichte zu schreiben.

Pfalz: Ganerbenweg

Land: Deutschland (Rheinland-Pfalz)

Anreise: Der Wanderparkplatz am Gasthaus Lindemannsruh ist mit dem Auto oder mit dem Bus von Bad Dürkheim aus erreichbar (Linie 488). Die Haltestelle heißt Leistadt/Lindemannsruhe.

Gehzeit: rund drei Stunden für 10,4 Kilometer (1. Mai 2020)

Herausforderungen: Der Ganerbenweg ist als Premiumwanderweg hervorragend ausgezeichnet. Ihr folgt einfach der schwarzen Axt auf gelbem Grund. Die Route hat nur wenige Höhenmeter und ist auch für weniger konditionsstarke Wanderer geeignet.

Höhepunkte: Krumholzer Bank (eine riesige Steinstufe, die aussieht wie eine Bank), Ungeheuersee, schmale Waldpfade, Bismarckturm

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