Odenwald: Pilzpanorama

Kurz vor dem Hexentanzplatz falle ich über einen Brombeerstrauch her. Nicht dass ich schon weit gekommen wäre, aber als Wanderer sollte man keine Gratismahlzeit verschmähen.

Der Platz – an dem übrigens keine Hexen spuken – liegt auf einer Anhöhe mit Blick auf Birkenau nicht weit vom Startpunkt der Wanderung entfernt. Dort stieg 1913 eine fette Dorfparty. Ich tanze in Gedenken an die Festivitäten ein bisschen Walzer, aber Hexen kommen trotzdem keine.

Wanderersnacks am Wegesrand

Es ist Herbst und ich hoffe auf reiche Wegzehrung. Meistens finde ich auf Wanderungen zumindest einen Snack: Ein paar Bärwurzbüschel fürs Butterbrot, ein saures Streuobstwiesenäpfelchen oder eine Handvoll Walnüsse.

Mein Ziel für heute: Esskastanien. An der Strecke rund um den Götzenstein wurzeln einige Bäume, aber die Maronen sind unreif, mickrig, verschrumpelt oder verfault. Am Götzenstein – etwa die Hälfte der Strecke ist geschafft – bete ich zu den Göttern, während ich auf einer Bank liege und auf meinem Käsebrot herumkaue. Vielleicht sollte ich hier Eichhörnchen schlachten und den Göttern opfern? Als Tausch gegen Kastanien?

Nach der Pause scharre ich auf den Waldwegen mit den Wanderschuhen im Kastanienlaub, um wenigstens ein paar brauchbare Käschdeexemplare zu ergattern. Ich kraxele Hänge empor, um nach den Früchten zu suchen, und bin bereit, ein Eichhörnchen zu entführen und zu foltern, damit es mir verrät, wo es all die guten Esskastanien versteckt hat. Aber es ist kein Eichhörnchen da.

Die Wächter der Esskastanien

Die Tour durch den Odenwald ist fast zu Ende. Nach dem Franzosenkreuz, einem Flurdenkmal, das schon weit mehr als 500 Jahre dort herumsteht, dann meine letzte Hoffnung auf herbstliche Sammlerbeute: eine Esskastanie vor dem Ortseingang von Birkenau. Die Früchte werden bewacht. Und ihre Wächter, brusthohe Brennnesseln, sind für diplomatischen Austausch nicht zu haben.

Der territoriale Herrschaftsanspruch des Grünzeugs ist ausgeprägt. Trotz guten Zuredens weichen die Brennnesseln nicht von der Stelle. Ich gehe in die Offensive und marschiere im Brennnesselrevier ein. Die Pflanzen verteidigen die Esskastanien wacker und fahren ihre Stacheln aus.

Der Preis für Gratismahlzeit ist hoch: Juckende Brennnesselquaddeln für zwei Handvoll Kastanien. Das nächste Mal packe ich Handschuhe ein und ernte die Nesseln gleich mit. Ich werde sie in Olivenöl tunken und aus Rache bei lebendigem Leib in der Pfanne zu Brennnesselchips rösten.

Kenner in der Community

Etwa eine halbe Stunde später sitze ich müde im Zug zurück nach Mannheim und poste ein Foto auf Facebook. Ich habe Pilze gesehen. Viele Pilze. Weit aufgespannter kreisrunder gefleckter Schirm, leicht bräunlich mit ein paar Schuppen. Auf Wiesen und am Wegesrand strahlten Dutzende frisbeescheibengroße Exemplare um die Wette. Gepflückt habe ich keine. Denn ich kenne mich mit Pilzen so gut aus wie mit Astrophysik. Also gar nicht.

»Weiß jemand, was das für ein Pilz ist?«, frage ich in die Community. Die Antwort habe ich nach wenigen Minuten. Gleich mehrere Pilzkenner schreiben. »Das ist ein Parasolpilz. Den Schirm am besten panieren und in der Pfanne braten. Wie Schnitzel. Sehr leckerer Pilz.« Na, toll, denke ich, und reibe meine Quaddeln.

 

Birkenau: Götzenstein-Panoramawanderung

  • Land: Deutschland (Odenwald)
  • Anreise: Mit der Bahn vom Mannheimer Hauptbahnhof über Weinheim zum Bahnhof in Birkenau. Dort beginnt die Wanderung.
  • Gehzeit: ca. 4,5 Stunden für 15,6 Kilometer (17. Oktober 2017)
  • Höhepunkte: Götzenstein, Parasolpilze, Esskastanien, Wege über Wiesen mit freiem Blick auf den Odenwald
  • Herausforderungen: Keine besonderen, wenn man nicht gegen Brennnesseln kämpft. Am Weg direkt liegen keine Einkehrmöglichkeiten. Die Strecke ist durchgängig gut mit dem Wegkennzeichen B9 markiert.

 

Am Panoramaweg bei Birkenau stehen prächtige Exemplare des Parasolpilzes.
Großer Schirm, helle Bräune: Am Panoramaweg bei Birkenau stehen prächtige Exemplare des Parasolpilzes.

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Danke – jetzt weiß ich endlich, welche Pilze ich an der Mosel gesehen habe. Stichwort Frisbeescheibe – das war auch meine Assoziation 🙂

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    1. Jana sagt:

      Gerne. Ich bin auch froh, dass ich jetzt wenigstens einen der Pilzgesellen erkenne. Vielleicht kommt nächsten Herbst eine zweite Art hinzu …

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  2. Hättste von unterwegs getwittert, hätt‘ ich Dir den Pilz direkt empfohlen. Er ist wirklich lecker. Und kaum verwechselbar.

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    1. Jana sagt:

      Ich bin ein Pilzbanause … *seufz*

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