Pfalz: Wein? Gut!

Winterwanderung mit der Bad Dürkheimer Weinprinzessin

Lea ist Prinzessin, zumindest für ein Jahr. Sie trägt ein Krönchen aus silbernen Weinblättern, unter dem sich ihre langen glatten braunen Haare auf ihren Schultern ausbreiten. Es schadet wahrscheinlich nicht, überdurchschnittlich ansehnlich zu sein, wenn man Bad Dürkheimer Weinprinzessin werden will.

Lea führt die Winter-Wein-Wanderung an diesem Januartag an. Ehrenamtlich souverän. Vor dem Bad Dürkheimer Riesenfass verteilt die junge Frau Weingläser und -flaschen. Die Wanderer verstauen Weißwein, Rosé und Co. in ihren Rucksäcken. Lea hat die Weine selbst ausgewählt. Wahrscheinlich hat sie mit ihren knapp zwanzig Jahren schon mehr Weine probiert, als ich es in meinem Leben jemals schaffen werde. In den nächsten zweieinhalb Stunden teste ich immerhin vier verschiedene Sorten und einen Sekt.

Mein Freund und ich mischen uns unter die rund fünfundzwanzig Teilnehmer. Fast alle sind Patienten der psychosomatischen Klinik in Bad Dürkheim. Und mir wird bewusst, dass Bad Dürkheim nicht nur den Wurstmarkt hat (das größte Weinfest der Welt), sondern eben auch Kurort ist.

Der Reha-Aufenthalt der Patienten dauert Wochen, und irgendwie müssen sie die Zeit rumbringen. Mittwochs ist Karaoke im Musikkeller Nanu. Tanzveranstaltungen gibt es reichlich. Schon bevor ein Tropfen Alkohol fließt, schäkern und witzeln die unternehmungslustigen Klinikbewohner. Einer erzählt von seinem Auto, ein anderer von einem Segeltörn mit Kollegen. Erwischen lassen sollten sich die Patienten bei ihrem Weinausflug nicht. Das gäbe unter Umständen Ärger mit den Therapeuten, wie uns eine Teilnehmerin später erzählt.

Vesper bei Kerzenschein

Wir kehren im Weingut Wolf ein, im Kerzenschein-Gewölbekeller gibt’s eine Vesper: Brote, Käse, Oliven, Salami, Blut- und Leberwurst. Dazu einen Rotwein. Lea sitzt neben mir. Ich nutze die Gelegenheit für Weinprinzessinneninsiderinfos – vor allem für die Gretchenfrage: Was macht sie mit dem ganzen Alkohol? In Leas Adern fließt zwar Winzerblut, aber sie ist rehschlank – nicht gerade eine Kampftrinkerstatur. Lea antwortet diplomatisch. Der Wein gehöre dazu. An Tagen wie diesen mit Weinwanderung und anschließenden abendlichen Repräsentationspflichten, halte sie sich eben zurück. Und auf Weinfesten nähmen viele Winzer Rücksicht, und sie bekäme eine extra dünne Schorle. Ordentlich essen helfe natürlich auch, erklärt sie, schnappt sich ein Stück Käse von der Vesperplatte und lobpreist die Pfälzer Leberwurst.

Nach der Vesper zieht die Truppe durch die grün-braunen Weinberge. Ein Weinstock reiht sich an den nächsten und reckt sich der spärlichen Sonne entgegen. Ich sauge kalte Winterluft durch die Nase und höre die Schüsse einer Wildschweintreibjagd. Die Wutzen haben bestimmt keinen so guten Tag wie ich. Meine Wangen brennen rot. Mein Hirn hat sich in Zuckerwatte verwandelt, und ich bemerke erhebliche kognitive Ausfallerscheinungen. Ist mir aber herzlich egal. Es lebe die Pfalz! Hoch auf Weinprinzessin Lea! Wo sind die Rebläuse, mit denen ich tanzen kann?

Anstoßen auf die Demokratie

Die Weinprinzessin gibt nicht nur Einblick in ihr hoheitliches Leben, sondern kennt sich natürlich mit dem Rebensaft selbst ziemlich gut aus. Sie erklart die Unterschiede zwischen Edelstahl- und Holzfass, weiß, wie die alten Römer Wein kelterten, und nutzt die typischen Weinvokabeln: mineralisch, beerig, fruchtig, weich, Barrique. Und sie erzählt die Geschichte von Johannes Fitz. Seinen Nachfahren betreiben heute das Weingut Fitz-Ritter, in dem unsere Tour endet. Johannes Fitz ist ein Lokalheld. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts kämpfe er auf dem Hambacher Schloss für Demokratie und Pressefreiheit. Den Oberen gefiel das irgendwann nicht mehr. Fitz floh nach Frankreich – und brachte von dort die Idee mit, auf seinem Weingut Sekt zu keltern. Ich nicke anerkennend.

Mittlerweile ist die Truppe euphorisch. Wie stoßen mit unserem Sekt auf die Demokratie an. Für das Volk!

Weil Lea an diesem Tag noch weitere hoheitliche Pflichten hat, verabschiedet sie sich – mit einem breitem Lächeln. Dass sie dabei gegen eine Säule im Raum dotzt, macht die Bad Dürkheimer Weinprinzessin nur noch sympathischer.

Winter-Wein-Wanderung in Bad Dürkheim

Land: Deutschland (Rheinland-Pfalz)

Anreise: Bad Dürkheim ist gut mit der Bahn zu erreichen. Vom Bahnhof aus ist man innerhalb von wenigen Minuten zu Fuß am Bad Dürkheimer Fass, wo die Wanderung beginnt.

Gehzeit: Die Strecke ist nur knapp sieben Kilometer lang – insgesamt waren wir rund drei Stunden (18. Januar 2020) unterwegs, was allerdings weniger an der Strecke, als vielmehr am Wein und der Vesper lag.

Herausforderungen: Die meist flache Strecke ist auch für Ungeübte geeignet. Viel schwieriger ist es, bei all dem leckeren Wein nicht völlig die Kontrolle zu verlieren. Nach knapp einem halben Liter Wein und einem Glas Sekt brauchte ich erst einmal einen ausgiebigen Mittagsschlaf.

Höhepunkte: Vesper im Weingut Wolf, Michaelskapelle, Weinberge, Weinverkostungen, Plaudereien mit der Weinprinzessin

Lust auf die Pfalz bekommen? Auf dem Blog findet ihr noch mehr Wandergeschichten aus dem Landstrich voller Reben und Wälder, etwa vom Max-Slevogt-Weg oder dem Drachenfels.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s