Bibbulmun: Gefundenes Fressen

Ein Überraschungspaket in einer australischen Wanderhütte

Beim Wandern kommt es mir oft so vor, als würden unsichtbare Feen Glitzer auf den Weg und in die Landschaft streuen. Natürlich kein echtes Glitzer, sondern eher Glitzer getarnt als Riesenameise. Das Insekt taucht plötzlich aus dem australischen Busch auf, krabbelt über verrotendes Holz auf meinen Freund und mich zu und macht auf dicke Hose. Anscheinend hält es sich für unbesiegbar: Die Ameise attackiert den Wanderstock meines Freundes – ein rostbrauner daumennagelgroßer Panzer auf sechs Beinen, der wacker gegen die Invasoren auf seinem Territorium in die Schlacht zieht und sich am Alu die Zangen ausbeißt. Wir beobachten ihn ein wenig bei seinen Mühen. Was wohl im Kopf der Agro-Ameise vorgeht, die ja eigentlich Glitzer ist?

Das sind auch noch die kleineren Ameisen, die wir in einer Wanderpause mit Erdnusskrümeln füttern. Oder die Frischwasserkrabbe, die auf dem japanischen  Kumano Kodo unerwartet meinen Weg kreuzt. Das Feuer, das zwei Ranger für meinen Freund und mich gemacht haben. Der Regen, der mit einem Mal aufhört, das kleine Café hinter der nächsten Biegung, Kornblumen in einer Kolonie raschelnder Ähren, ein Frosch, ein Ameisenigel, Moose wie Marsmännchen, ein überheizter Bus an einem frostigen Februartag. Alles voller Glitzer!

Feenglitzer ist gutes Zeug, aber bei keinem Reiseanbieter erhältlich. Die Feen sind scheu, launisch und nicht bestechlich. Vielleicht glitzert es auch sonst überall, aber ich bin blind vor Alltag. Beim Wandern ändert sich das: Hinter jeder Biegung malt sich ein neues Bild. Das streifende Auge, ein offener Geist, gedankenverloren, stolpert eher über die Spuren fabelhafter Wesen. Kaum eine Geschichte zeigt das besser als die vom Linsensalat, dem Müsliriegel und dem Thunfisch in der Kiste.

Es ist der siebzehnte August 2018. Mein Freund und ich sind seit acht Tage auf dem rund tausend Kilometer langen australischen Fernwanderweg namens Bibbulmun unterwegs. Einkaufsmöglichkeiten gibt es nicht. Wir haben alles dabei, was wir für die mehr als zweihundert Kilometer lange Etappe brauchen. Eigentlich sollte die Tour von Kalamunda nach Dwellingup nur elf Tage dauern, wir werden insgesamt dreizehn  brauchen.

Ohne Extrawürste: Jede Portion ist abgezählt

Es ist nicht so, dass wir Hunger leiden. Aber alles ist abgezählt. Jeder Müsliriegel, die Schokolade, die Nüsse. Extraportionen und Nachschlag sind nicht drin. Alles ist  rationiert, und wir schwelgen in Fantasien: braungebrannte Bratkartoffeln mit Spiegelei, knuspernde Pizza, Brote mit extra dick Butter drauf. In ein Stück Käse beißen.

Es geht von Nerang nach Gringer Creek; die Strecke ist flach. Kängurus springen durchs lichte Buschland. Am Wegrand erheben sich mannshohe Termitenhügel wie die Außenposten einer außerirdischen Zivilisation aus dem Boden. Die Grastrees mit ihren verkohlten Stämmen und ihrer wilden grünen Mähne wirken wie eine Bande Hippies. Es passiert nicht viel. Mein Freund und ich versuchen erfolglos, eine fleischfressende Pflanze zu füttern. Aber es finden sich keine Insekten, die wir ihr in den Rachen werfen könnten.

Die Schutzhütte Gringer Creek erreichen gegen zwei Uhr nachmittags, und die Ankunftsroutine beginnt. Ausruhen, Platz in der Hütte auswählen, Isomatte aufblasen – und dann die Box öffnen, die in jeder der Hütten auf dem Bibbulmun steht.

In den Kisten aus Plastik findet man so allerlei. Neben den Hüttenlogbüchern, zu denen es eine eigene Wandergeschichte gibt, sammeln sich darin unter anderem: Kerzen, (wahrscheinlich leere) Batterien, Tempotaschentücher, Zeitschriften der Bibbulmun-Stiftung (durchaus interessant), Feuerzeuge, Kugelschreiber, Besteck, Salz und Pfeffer, Bücher (häufig mit fehlenden Seiten, die fürs Feuermachen geopfert wurden). Die Box ist ein Überraschungspaket. An diesem Tag finden wir darin einen Schatz. Essbares Feenglitzer.

Fernwanderer behaupten gerne, der Trail sorge für dich. Ich weiß jetzt, was sie meinen. Mich küsst dankbare Leichtigkeit. Feen sind zärtliche Wesen.

Ein herrenloser Haferriegel und mehr

In der Box liegen ein unverschämt dicker Haferriegel, haltbarer Thunfisch in einem Frischhaltebeutel, eine Packung ebenfalls haltbarer Linsensalat und eine Tafel Schokolade. Alles verschlossen. Kein Possum hat am Plastik genagt. Können wir das essen? Dürfen wir? Uns steht ein Festmahl bevor. Im Hüttenlogbuch lesen wir die Notiz von einer jungen Frau, die ihre Bibbulmun-Tour abbrechen musste. War sie die edle Spenderin?

Ich tanze ein bisschen um unseren Campingkocher und grinse dümmlich. Hans im Glück ist gar nichts gegen mich. Ich fühle mich, als hätte ich mit Feenstaub gedoped. In meinen Adern schimmert es golden.

An diesem Bibbulmun-Tag gibt es Vorspeise und Nachtisch. Ein weicher saftig-kerniger Haferriegel! Bissfeste, leicht saure Linsen mit einem Hauch Knoblauch! Feengeeschenke! Mein Freund nimmt sich des Thunfischs an; die Schokolade lassen wir übrig – für die nächsten hungrigen Weitwanderer.

Jetzt hofft ihr, liebe Leser, auf den Moment, in dem ihr auf einer tausend Kilometer langen Wanderung auf einen herrenlosen Haferriegel trefft und der ganze Feenglitzer nur so staubt. Pustekuchen. Das ist das Paradoxe an dieser Geschichte. So klappt es nicht. Frei von Erwartungen zu sein, heißt frei zu sein. Die großartigsten Dinge lassen sich nicht hoffen. Feenglitzer ist unsichtbar, solange du danach suchst.

 

Bibbulmun: Kalamunda bis Dwellingup

Land: Australien

Anreise: Mit dem Flugzeug nach Perth, von dort mit dem Bus nach Kalamunda.

Gehzeit: 13 Tage für 211 Kilometer (9. bis 21. August 2018)

Höhepunkte: Kängurus und Wallabys, Aussicht vom Mount Cooke, Grastrees, einäugige Maus, Papageien

Herausforderungen: Auf der gesamten Strecke gibt es keine Einkaufsmöglichkeit, entsprechend haben unsere Rucksäcke gefühlt Tonnen gewogen. Das Gewicht macht die Anstiege, die eigentlich nicht der Rede wert sind, beschwerlich. Der Abstieg vom Mount Cooke war heikel, da er über nackten Fels führt, der vom Regen glitschig und rutschig war.

Mehr Wandergeschichten vom australischen Bibbulmun findest du hier.

 

 

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