Pfälzerwald: Drachenfutter

In der Pfalz leben jede Menge Drachen. Sie sind aber scheu. Dafür hat unter anderem Siegfried gesorgt, der nichts Besseres zu tun hatte, als die Viecher ausbluten zu lassen.

Heute ist Drachenschlachten nicht mehr erlaubt. Ein Schild am Fuße des Drachenfelsens erläutert, dass das Gebiet unter Naturschutz steht und man wilde Tiere bitte in Ruhe lassen soll.

Ich bin erleichtert, dass die Drachenhöhle verweist ist. Denn ich habe keine Tarnkappe wie Siegfried und keinen Zauberring wie Bilbo Beutlin. Falls ein Drache gekommen wäre, hätte ich aber für euch ein Video gemacht. Das gäbe bestimmt viele Likes auf YouTube.

Früher hockten in der Höhle auf dem Drachenfels die Drachen und schauten runter ins Tal. Ab und zu kamen Wandersleut‘ vorbei, dann spuckten die Tiere ein bisschen Feuer und grillten die Wanderer. Sie steckten sie auf einen Buchenstamm. Das ergab einen leckeren Wanderersnack.

Drachenleichen müffeln

Langfristig war das den Pfälzern zu blöd, denn sie hatten vor, ihre Region touristisch zu vermarkten. Klar, sie hätten Drachenmeuchler losschicken können, aber wenn kein Schatz zu holen war, war dafür niemand zu begeistern. Außerdem waren die Drachenkadaver schwer zu entsorgen und müffelten wie angespülte Wale tagelang die Pfalz zu.

Also dachten die Pfälzer nach, was zu tun sei. Denn sie konnten noch nicht Drachen beseitigen bei Google eintippen.

So ein Drache muss fressen, dachten die Pfälzer, und beschlossen, die Viecher zu füttern. Sie schleppten zweitausend Leberknödel, siebzehn Fässer Sauerkraut, siebenhundert Pfund Leber- und Blutwurst, fünfzig Säcke Kartoffeln, mehrere Karren gepökeltes Schweinefleisch und ein Dutzend lebende Sauen auf den mehr also 500 Meter hohen Drachenfels. Die dapperten Echsen verschmähten aber die Pfälzer Kost und machten sich stattdessen lieber über die Überbringer her.

Moppelig statt aufgefressen

Nur einer von ihnen, ein gewitzter Bursche, handelte eine Schonfrist aus. Ihr Drachen, sagte er, wenn ihr mich nicht sofort fresst, sondern mich die Pfälzer Leckereien essen lasst, werde ich dick und rund und bin am Ende noch viel appetitlicher. Das fanden die Drachen vernünftig. Und so saß der Bursche erst Tage, dann Wochen und dann Monate auf dem Fels und vertilgte zweitausend Leberknödel, siebzehn Fässer Sauerkraut und siebenhundert Pfund Leber- und Blutwurst. Er war ein Fall für die Weightwatchers, als nur noch Kartoffeln, gepökeltes Schweinefleisch und ein paar grunzende Sauen übrig waren.

Weil der Bursche oben auf dem Berg nicht viel zu tun hatte, machte er damit Saumagen. Das Rezept hatte er von seiner Oma. Während er brutzelte und kochte, sabberten die Drachen plötzlich und guckten gierig. Von da an machte er Tag und Nacht Saumagen für die Drachen, die ihn nicht fressen wollten, so gerne mochten sie Saumagen. Drachen können Feuer spucken und fliegen, aber Saumagen machen, das können sie nicht.

Weil die Drachen so auf Saumagen standen, machte der Bursche ihnen ein Angebot: Wenn ihr die Wanderer in Ruhe lasst, erhaltet ihr überall in der Pfalz Gratissaumagen. Die Drachen nickten.

Der Vertrag, dem die übrigen Pfälzer schnell zustimmten, ging als Saumagenpakt in die Geschichte ein und ist der Grund dafür, dass sich der Saumagen in der Pfalz verbreitet und ihn nahezu jede Wandershütte auf der Karte hat. Helmut Kohl wusste, dass Saumagen Drachen besänftigt und hat ihn deshalb Margaret Thatcher serviert.

In der Lambertskreuzhütte nahe des Drachenfelsens futtert auch mein Freund eine Scheibe von der Pfälzer Spezialität. Wenn ihr mir meine Geschichte nicht glaubt, dann fragt euch mal, warum heutzutage keine Wanderer mehr von Drachen behelligt werden. Und: Habt ihr eventuell ein Rezept für fleischlosen Saumagen für mich? Ich bin Vegetarier.

Lambrecht über Drachenfels nach Frankenstein

  • Land: Deutschland
  • Anreise: S-Bahn von Mannheim Hauptbahnhof nach Lambrecht
  • Länge: 20 km
  • Gehzeit: rund 6,5 Stunden (1. Mai 2017)
  • Höhepunkte: Drachenfels, Drachenhöhle, gaaaaaaanz viel Wald
  • Herausforderungen: Anstieg direkt nach Lambrecht, Hunde (einer hat die Wade von meinem Freund erwischt), Nieselregen, Bahnhof in Frankenstein finden (befindet sich ganz am Ortsrand)

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