Pfalz: Alleingang

Wandertour von Weidenthal nach Wachenheim oder »Die schönste Hausaufgabe der Welt«

Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich fürchte. Ein bisschen vielleicht. Aber höchstens Mausefurcht. Bestimmt haben sie uns noch nicht alles beigebracht, was wir wissen müssen. Manche Tiere machen nachts komische Geräusche, aber ich habe Ohrstöpsel. Und es stolpern ja keine Bären durch die Pfalz und keine Vielfraße und keine Wölfe. Alles friedlich. Obwohl so einen Wolf könnte es geben …  Einem Fuchs würde ich gerne begegnen. Ja, ein Fuchs wäre toll.

Ich fürchte mich vor Hunde-Gassigängern und vor Jägern. Jäger sind streng. Und sie haben Waffen. Knall, puff – und du bist weg vom Fenster. War ein Versehen, sagen sie dann. Wenn du Glück hast, kriegst du einen Gedenkstein mit deinem Namen drauf – aber ansonsten war’s das.

Bei der Ausbildung haben sie gesagt, dass wir einen Vorsprung brauchen. Dass wir uns draußen wohlfühlen müssen wie der Bär in der weichgespülten Wäsche. Also los jetzt. Noch schnell frühstücken, dann in die Bahn. Mein Freund sagt, er ist mitaufgeregt. Weil er mich liebt, und ich draußen alleine im Wald in der Pfalz schlafe, und er auch denkt, die Jäger und all das. Kann ich ihm nicht verübeln. Weil ohne mich wird’s ihm vielleicht schnell fad. Er will über Nacht das Handy anlassen. Wenn es nicht mehr geht, holt er mich ab. Da will ich ihn mal sehen, wenn ich nachts um drei anklingele und sage: »Hier im Wald ist es zu krass gruselig«. Aber er würde kommen. Bin ich ganz sicher.

Bald bin ich zertifizierter Wander- und Naturreiseleiter, wenn nicht der Jäger … ihr wisst schon. Jetzt muss ich wandern üben und draußen schlafen. Ist die Hausaufgabe. Der Ausbildungsleiter will nicht, dass wir »Hausaufgaben« sagen. Das sind Vertiefungsübungen. Ich habe nichts gegen Hausaufgaben. Hausaufgaben sind einfach. Muss man nur machen und fertig. 

In der Straßenbahn gucken die Leute komisch. Als hätte ich ein fremdes Tier auf dem Buckel. Dabei sitzt da nur mein Rucksack. Ist Samstagmorgen, alle fahren shoppen und haben Stoffbeutel unter dem Arm. Ist schon fast heiß und schwül, wie im Dampfgarer sitzen wir alle in der Straßenbahn. Aber ich, ich fahre hinaus zum Abenteuer, und die anderen, die sehen nicht so nach Abenteuer aus, mehr so nach Diätkäse und Nikotinpflaster.

Starke Auberginenbeine

Vor mir eine alte Frau. Ihr Hals ist faltig, wie die Hautlappen von einem Hahn schaut das aus. Sie muss sich festhalten, wenn die Bahn stoppt, weil die Straßenbahnfahrer in Mannheim, die sind da nicht zimperlich. Ihr linker Arm zittert. Sie steigt am Marktplatz aus, wo sich so viele Tomaten, Salatköpfe und Erdbeeren stapeln, dass du denkst, hier in diesem Land sind alle ganz geil auf Vitamine.

Das blühlt mir auch. Diätkäse und Zittern und Hautlappen. In meinem linken Knie ist ein leichtes Unwohlsein, nicht stark, sehr subtil, dabei bin ich erst vierzig. Aber wer weiß? Vielleicht ist der Verschleiß exponentiell, und dann mit sechzig, bist du nur noch Ramsch. Wenn du so zitterst, dann ist das mit dem Wandern schwierig. Dann macht dich jeder Stein fertig. Ich hoffe, dass die Frau noch wandern kann – ohne Steine halt. Denn ohne Wandern, was macht man denn mit den ganzen Wochenenden? Ja, ich könnte auch Gleitschirmfliegen – nein, eher nicht, habe Höhenangst, oder Radfahren. Aber wandern ist praktischer. Schuhe an und los.

Auf einmal, so aus dem Nichts, quatscht mich eine andere Frau an. »Iss dähs net schwer?«
Sie zeigt auf meinen Rucksack. Ich sei so dünn. Die Frau ist selbst nur ein halber Spargel. Sie hat meine Waden nicht gesehen, fußballerdick. Auberginenbeine. Ich fühle mich stark, weil ich den Rucksack trage. Ich habe ein bisschen zu viel dabei. Meine gepunktete Tasse und den Campingkocher und das Tarp, obwohl ich das eher nicht brauche, weil kein Regenwölkchen am Himmel, und man kann auch ohne Tasse eine Weile überleben.

Die Spargelfrau denkt, dass sie den Rucksack nicht packt. Dabei kann selbst der dünnste Möhrchenmann so ein Ding tragen. Nur gut auf die Hüften musst du den Rucksack setzen. Das haben sie uns bei der Ausbildung schon gezeigt und so viel an Schnüren herumgezogen, bis alles sitzt wie angegossen. Wenn du natürlich so blöd bist und denkst, du musst zwanzig Kilo mit dir herumschleppen und eine Axt mitnehmen und Konservendosen, dann helfen auch die Schnüre nix. Dann hilft nur ausmisten.

Jedenfalls habe ich habe drei Liter Wasser dabei, weil ohne Wasser, da hängt dir ganz schnell die Zunge raus und dein Kopf läuft rot an, und dann kriegst du einen Hitzschlag. Und Brunnen und Quellen, darauf ist nicht so viel Verlass. Wegen des Klimawandels oder wegen der Bienen. Also vielleicht war das damals auch der Klimawandel, und die Bienen haben das nur augenutzt, aber die Bienen sind schuld, dass ich auf dem Westweg im Schwarzwald fast verdurstet wär. Da war ich schon den ganzen Tag gewandert, und dann kam endlich der Brunnen. Der war trocken wie ein Knäckebrot, und im Hahn hat ein Wildbienenvolk gelebt. Nix zu machen. Nächster Brunnen: noch fünf Kilometer.

Schleppe also lieber ein bisschen zu viel Wasser. Zur Not haben ich Chlortabletten dabei, falls das Wasser mir verdächtig vorkommt. Habe auf der Karte nachgesehen, wo Brunnen und Quellen sind. Soll keiner sagen, dass ich nicht vorbereitet bin. Aber wenn dann wieder Wildbienen sind, dann nützt halt die beste Planung nix.

Karten-Koller: Wo ist die Abzweigung?

In der Bahn schaue ich raus. Zuerst nur Häuser und Industrie und Felder, dann kommen die Hügel, auf denen überall Burgen hocken, und wo es so viel Wald hat, dass du denkst, fast wie im Märchen.
Dann Ankunft: Weidenthal. Ich die Karte in der Hand – Maßstab 1:25.000. Extra gekauft. Laufe die Dorfstraße entlang. Das ist so ein Dorf, da will man nicht wohnen, da will man nur wandern, weil das ganze Dorf an der Dorfstraße, und dann knattern die Motorräder vor deiner Haustür und an deinem Küchenfenster vorbei.

Die Abzweigung kommt nicht. Passt irgendwie nicht zusammen – Karte und Realität. Ich laufe zurück, als hätte ich was vergessen. Probiere die andere Richtung. Passt auch nicht. Da kommst du dir schon ziemlich bescheuert vor, wenn es nur zwei Richtungen gibt und beide falsch sind. Weil man ja das Gefühl haben muss, das eigene Hirn ist nicht mehr so ganz in Schuss, als ob du eine temporäre Demenz hast.

Muss vielleicht unter den Gleisen durch. Auf der Karte ist alles winzig. Der Weg steigt steil an. Kann nicht sein. Wollte eigentlich ohne Elektronik auskommen, aber jetzt verloren wie im tiefsten Dschungel. Aber was soll ich da jetzt machen? Haben sie uns auch nicht beigebracht. Da hilft dir der Kompass nix und auch nicht, dass du weißt, wie du deine Koordinaten auf der Karte abliest. Ich habe mich vor der Wanderung verlaufen. Wenn das so weitergeht mit mir, drehe ich mich nur noch wie ein Kinderkreisel, bis mir der Kopf so schwindelt, dass ich wieder nach Hause muss. Also doch Googlemaps. Wird ja immer heißer. Könnte mir Wasser über den Kopf gießen, mache ich aber nicht. Muss haushalten. Ich bin der graue Punkt auf dem Display. Passt immer noch nicht. Dann macht es Klack in meinem Gehirn, wie so ein Kofferverschluss, der einrastet. Nur weil da ein fettes »S« auf der Karte eingemalt ist, heißt das nicht, dass da der Bahnhof ist. Für den Bahnhof haben sich die Kartenmacher kein Zeichen einfallen lassen. Die erste Richtung hat gestimmt, muss nur weiterlaufen. Wieder zurück also.

Passt jetzt. Ich finde die Abzweigung, da plätschert ein Bächlein den Berg runter. Das gibt es laut Karte auch nicht. Und dann nach ein paar Minuten nur noch Baumstämme und nirgends ein Wegweiser und nix mit Schotterweg oder Teer, nur ein eingeschnittenes Tal voller Laub und Äste, die irgendwann einmal runtergestürzt sind. Ich: einen Fuß vor den anderen, stecke tief im Laub, und das Holz ist morsch und immer noch kein Weg. Ich muss nach oben. Also dann halt weiter mittendurch. Immer schön ruhig bleiben. Da oben scheint es einen Weg zu geben, also einen offiziellen. Ich bin gerade inoffiziell. Kraxeln halt.

Ich esse einen Buchenkeimling, weil wenn du dich so anstrengst, weil so ein steiler Remmel und nicht mal mehr ein Weg, dann lieber mal was zu dir nehmen. Ziemlich faserig, das Ding. Als Wander- und Naturreiseleiter erwarten das die Leute von dir: Dass du zwei Wochen in der Pfalz in einer Höhle hausen kannst und dich von Gräsern und Wildkräutern ernährst. Da übe ich lieber mal. Gibt vielleicht Extrapunkte bei den Hausaufgaben.

Irgendwann bin oben, schwitze. Trinke erst mal Wasser. Dann ist der Rucksack auch leichter. Hier sind Wegweiser. Ich weiß ungefähr, wo ich bin. Die Karte hilft nur bedingt. Kann hier auch nix anpeilen, weil überall nur Wald und keine Aussicht. Dann nettes Wanderhüttchen. Mache Pause. Die Karte verschweigt das Wanderhüttchen. Auch die App kennt das Hüttchen nicht. Ist aber trotzdem da.

Laufe weiter und esse Sauerklee. Muss bei Kräften bleiben.

Um 13 Uhr die Niederlage. Muss mir eingestehen, dass ich nicht mehr weiß, wo ich bin. Überlege, eine Beschwerde an den Kartenverlag zu senden. Da fehlen Wege. Bin wahrscheinlich einen Umweg gelaufen. Vorteil: Wenn du nicht auf der Hauptroute bist, dann nur Eichhörnchen und Amseln und Mäuse im Laub und sonst keiner da. Noch ist nichts verloren. Muss halt den Berg wieder runter, da ist ein Bach und da sind Stimmen. Wanderparkplatz, war klar. Wandergaststätte »Zum Saupferch«. Sonnenschirme und kalte Limo, aber nein, nix für mich. Will der Zivilisation ja entsagen.

Pause auf dem Drachenfels

Dann Drachenfels. Höhepunkt in der Pfalz: riesiger Stein, der mitten im Pfälzerwald liegt, samt Höhle, in der man hausen könnte, und spektakulär, aber viel los – fast wie auf einem Rummel mit vielen »Ahs« und »Ohs« wegen der Aussicht, obwohl letztlich auch nur Hügel mit Bäumen, aber jetzt halt von oben.

Esse vegane Chorizo-Würstchen und einen Apfel. Der Apfel ist besser als die veganen Würstchen. Auf dem Drachenfels musst du Pause machen, weil das der höchste Berg weit und breit ist. Da bist du dann schon geschafft, wenn du dich da hinaufgeschleppt hast.

Dann, ich denke noch, jetzt ist mir aber echt ein Wackelpudding ins Hirn geschwabbelt, erst das mit der Karte, und jetzt sehe ich auf einmal wandernde Katzen. Aber die anderen sehen’s auch, also bin ich beruhigt. Ist, als hätte jemand einen Luchs als Haustier – nur umgekehrt. Die Katze sitzt auf dem Trekkingrucksack von dem Mann. Sie darf runter, dann geht sie an ihrer Katzenleine. Die Katzenmama hält der Katze ein Schälchen hin, die Katze schlabbert. So was gibt es heutzutage.

Der Drachenfels ist urig. Überall altes totes Holz, ist Naturschutzgebiet. Also hier darfst du schon mal gar nicht übernachten. Wildzelten ist in Deutschland sowieso verboten. Wo kämen wir dahin, wenn alle im Wald campieren würden. Achtzig Millionen Waldschläfer – da müssten die Rehe sehen, wo sie bleiben. Übernachten, also ohne Zelt, ist so halb erlaubt. Trotzdem, die Jäger finden’s bestimmt nicht gut, wenn du da bei ihrem künftigen Rehgulasch liegst. Und auf dem Drachenfels, nein, das geht gar nicht – obwohl die Aussicht … Verlockend wär’s – so Sonnenaufgang in der Früh und dann Kaffee auf dem Fels, bevor die Wanderer mit den Katzen kommen.

Aber ich: total vernünftig, weiter geht die Tour. Überall Pilze auf dem toten Holz, weil ja Naturschutz, und dann bleibt alles schön, wo es ist. Fasse die Pilze an, kühl sind sie und glatt und saftig wie ein Hühchenbrustfilet. Komme an die Kreuzung »Sieben Wege«. Die Chancen stehen eins zu sieben, da kommt man schon in Versuchung, einfach auf die Schilder zu gucken, wo es lang geht, aber ich schon wieder total vernünftig, gucke ganz genau auf die Karte, und dann ab zum Lambertskreuz, wo jeder normale Mensch einkehrt, weil die Pfalz für ihre Hütten bekannt ist und weil jetzt ist es schon am späten Nachmittag und da hat man sich ein Stück Kuchen verdient, aber nix – Wildnishausaufgaben halt.

Hinter der Hütte schlendern zwei Jungs mit Bierflaschen. Die wandern nur wegen Corona. Ich sehe sowas. Haben keinen Schimmer. Überhaupt nicht passend ausgerüstet. Nicht mal ein Rucksäcklein auf den jugendlichen Rücken. Jetzt finden sie ihr Auto nicht mehr. Aber ich, ich bin hier der Pro, der Wander-Guru und kenne mich aus. Karte auf dem Boden ausgebreitet, Position gezeigt, Markierungen erklärt, rot-blauen Schildern folgen, dann ins Dreibrunnental, Himmelsrichtung, nächstes Etappenziel genannt. Haben die Jungs eigentlich kein Google?

Hinter Lambertskreuz: auftanken. Aus dem Nadenbrunnen sprudelt es. Ich trinke es das Wasser so – ohne Chlortabletten. In Deutschland hat nämlich alles seine Ordnung. Wenn wir hier einen Brunnen bauen und es kommt kein Trinkwasser raus, dann muss jemand ein Schild anschrauben »Kein Trinkwasser«.

Denke so vor mich hin, wie eine Reisegruppe die Tour fände, will ja schließlich Wander- und Naturreiseleiter werden. Die brauchen mehr Höhepunkte. Da reicht so ein Fels nicht, die wollen Abwechslung und Burgen. Hätte mehr Burgen in meine Tour einbauen sollen, war aber zu fixiert auf die Brunnen. Erst die Brunnen, dann die Burgen. Eine Ruine kommt ja nachher noch. Vielleicht ist das ja was. Ich müsste erzählen, was ich über die Pfalz weiß. Aber ich weiß quasi nix: Mittelgebirge, Buntsandstein, viele Kiefern, am Rand vom Pfälzerwald viel Wein, in den Hütten meistens Saumagen, viele Wanderwege, höchster Berg: Donnersberg. Daran muss ich noch arbeiten.

Ungebetene Gäste am Nachtlager

So langsam brauche ich ein Nachtlager, aber: überall Hochsitze. Da hocken die Jäger. Will zur Ruine »Schaudichnichtum«. Heißt wirklich so. In der Nähe sind noch »Kehrdichannichts« und »Murrmirnichtviel«. Kannst du alles an einem Tag erwandern.

Sehe mich schon gemütlich zwischen alten Mauern, Moos und warmem Stein sitzen. Wird aber nix draus. Ruine ist übertrieben. Da steht nix mehr. Die Leute vom Pfälzerwaldverein mussten extra einen Gedenkstein aufstellen, sonst läufst du da glatt an der Stelle vorbei und siehst nix, weil da ja auch nix mehr ist. Braucht man schon einen Archäologen, der für so was ein Auge hat. War mal ein Jagdhaus, denn der Adel, der hat nicht im Wald gehaust wie ich, sondern sich schön feist einquartiert und eine Weinschorle zum Rehgulasch getrunken.

Wenn du den ganzen Tag unterwegs bist, brauchst du ein gescheites Abendessen. Am nächsten Rastplatz hängt ein Schild: Hier soll man nicht rauchen und kein Feuer machen. Da habe ich mit meinem Spirituskocher schlechte Karten, obwohl irgendwo ohne Schild würde ich kochen, obwohl am Rastplatz genauso gefährlich wie anderswo.

Ich immer noch unterwegs, obwohl es schon Abend ist. Die Insekten machen auf Rushhour, und ein paar davon fliegen mir in den Mund, weil sie lebensmüde sind oder tollpatschig. Am Wegrand nur Brennnesseln und Fingerhut und steile Hänge, wo ich runterrolle, wenn ich da schlafe. Also Kartenstudium: Wenn die Höhenlinien weit auseinander sind, ist’s flach. Wusste ich aber schon vor der Ausbildung, weiß ja eigentlich jeder.

Am Steinkopf sieht’s besser aus. Da haben sich ein paar Felsen am Berg angesiedelt. Sehe ich vom Weg aus, weiter oben bin ich unsichtbar. Verschmelze mit dem Wald. Also querfeldein den Wald hoch: Lagerplatzcheck. Flach? Check! Nicht einsehbar? Check? Keine Hochsitze? Check!

Hunger. Endlich Tofubolognese. Selbst gedörrt im Dörrautomaten. Kann es nicht anders sagen: saugeil.

Während des Abendessens töte ich zwei Stechmücken. Gehören auch zur Natur, ist mir aber egal. Wenn es um mein Blut geht, verstehe ich keinen Spaß. Die meisten stellen sich eine Nacht im Wald ultraromantisch vor – wegen der Sterne und dem Käuzchen und dem Sonnenuntergang. Fehlanzeige: Bevor ein Stern am Firmament aufgeht, liegst du längst in deinem Schlafsack und schnarchst, dass dem Kauz die Ohren wackeln, weil du ja schon den ganzen Tag gewandert bist.

19 Uhr, immer mehr Stechmücken. Mir ist öd, keiner da zum Quatschen. Lesestunde, bisschen Stretching. Dann, unverschämt!, eine Zecke kriecht über meinen eBook-Reader. Scheißviecher. Die zapfen dich an, und schon hast du FSME und dein Hirn kocht. Oder Borreliose. Auch nicht schön. Mit einem Stock zerquetsche ich den Holzbock. Stirb!!!

Trekking ist nichts anderes als die Freude, überlebt zu haben. Da bist du gefordert, musst auf der Hut sein, dass du nicht den nächsten Remmel runterkullerst und dir abends die Zecken vom Arsch einsammeln. Du musst das fühlen, das fehlt in den Videos, wo nur die romantische Natur, aber keine Scheißviecher und keine Wege, die es nicht gibt. Da klebt dir beim Gucken kein Schweiß am Rücken. Dir tut nix weh. Deshalb mache ich hier Aufklärungsarbeit.

Ein Kauz ruft. Höre ihn trotz der Ohrstöpsel. Zum Einschlafen brauche ich Podcasts. Sonst wachsen die Geräusche im Wald, werden immer riesiger und dann ist die Mausefurcht plötzlich eine Monsterfurcht und ich muss meinen Freund anrufen. 5 Uhr morgens dann Vogelterror. Ist schön irgendwie, so wie alte Gemäuer schön sind.

Runterschauen: Wandermomente

Liege noch ein bisschen. Fühle mich klein, so klein, wie ein Mensch nur sein kann. Im Schlafsack ist es heiß. Ich habe geschwitzt.

Aufbruch gegen 7.30 Uhr. Will heute weiter nach Wachenheim, wo die Pfalz flach wird und alles voller Weinstöcke ist, dass du denkst, wir alle hier im Land haben einen Gewölbekeller unterm Haus. Navigation schwierig, wieder Wege, die es nicht gibt. Beobachte Mäuse oder eine Maus, die immer wieder woanders auftaucht. Laufe ein Tal hinunter. Habe in der Ausbildung gelernt, auf der Karte ein Tal von einem Grat zu unterscheiden. Praktische Sache.

Finde einen wunderbaren Rastplatz samt Brunnen. Hammelsbrunnen heißt er. Und der ist nicht erst seit gestern da; die Karte ist ein Vollidiot.

Dann – das ist so typisch, denn immer wenn du es nicht glaubst, passiert etwas Verrücktes – auf einmal steht ein Reh vor dir. Der Wind bläst von vorn. Ich: unsichtbar für das Reh, das Grünzeug rupft. Ich selig wie an Weihnachten – das Reh keine zehn Meter weg. Danach noch ein Frosch im Laub und der Bräuninger Felsen, von dem du weit gucken kannst, weil kurz hinter Wachenheim ist’s ja flach, aber du stehst oben und kannst das alles überblicken, und noch hast du kein Zittern und keine Demenz und kein gekochtes Hirn von der FSME, also bist du noch auf der Welt und wen stören da schon die Zecken?

Pfalz: Weidenthal nach Wachenheim

Land: Deutschland (Rheinland-Pfalz)

Anreise: Weidenthal ist ebenso wie Wachenheim mit der Bahn erreichbar. Ihr könnt die Tour auch umgekehrt laufen.

Gehzeit: 1,5 Tage für 29,4 Kilometer und 940 Höhenmeter im Auf- und 1.000 im Abstieg. Hier sind die GPS-Tracks:

Tag 1: Weidenthal bis Steinkopf (Achtung, diese Wegvariante enthält auch meine »Irrwege«), 17, 1 km

Tag 2: Steinkopf bis Wachenheim, 12,3 km

Herausforderungen: Rund 1.000 Höhenmeter sind für eine Tour im Mittelgebirge knackig. Wie beschrieben war die Navigation trotz Karte und Handy nicht ganz einfach. Es gibt einfach zu viele verschiedene Wege in der Pfalz. Wer fit und ohne schweren Rucksack unterwegs ist, kann die Tour auch an einem Tag bewältigen.

Höhepunkte: Drachenfels, Reh, Frosch, Hammelbrunnen, Tofubolognese im Camp, Wanderer mit Katze, Bräuninger Fels, Poppenheimer Tal bei Wachenheim, Fingerhutfelder, Abendsonne

Lust, in der Pfalz wandern zu gehen? Ich empfehle die Wachenheimer Waldrunde, den Ganerbenweg, den Hauensteiner Schusterpfad oder den Leininger Klosterweg.

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. lecw sagt:

    „Zertififizierte Wander- und Naturreiseleiterin“ – wie geil ist es denn? Das muss ich gleich mal googeln. Und die Hausaufgaben, einfach klasse!
    Alleine im Wald schlafen, das muss ich auch mal machen. Mikroabenteuer müssen her! 😁

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    1. Jana sagt:

      Ja, ich finde auch, dass das nach einer guten Sache klingt, ob ich jemals in dem Job arbeite, steht aber noch in den Sternen 🙂 Im Wald schlafen ist auf jeden Fall zu empfehlen.

      Gefällt 1 Person

      1. lecw sagt:

        Egal! Der Spaß und der Enthusiasmus an der Sache zählt. Und so ein angestrebtes Zertifikat verleiht der Neigung ein gewisses Ziel. Ich find‘s supergut!

        Gefällt 1 Person

      2. Jana sagt:

        Ja, genau! Ich bin überaus enthusiastisch. Die Ausbildung macht riesigen Spaß.

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