Odenwald: Holzwurmmusik

Es hatte eine Unwetterwarnung gegeben. Die Luft war schmierig und grapschte mit fettigen Fingern nach allen, die sich nach draußen trauten. Das Gras am Neckar war nur noch ein Feld verdurstender Halmsoldaten. Wolken rotteten sich zu klumpigen Ungeheuern zusammen; Starkregen drohte. Maden fraßen sich durch die Küchenabfälle in der Mülltonne im Hof, angefeuert vom überheizten Sommer. Es war kein Wochenende zum Wandern.

Fast ein Rückzieher

Wenn die Unterkunft nicht schon gebucht gewesen wäre, hätten wir es vielleicht gelassen und auf einen besseren Tag gewartet. Ausgeharrt, vielleicht eine Runde Scrabble gespielt, einen Tierfilm in der Mediathek ausgesucht und ein paar liegengebliebene Dinge erledigt. Fast hätte ich zum Telefonhörer gegriffen und die Übernachtung storniert.

Es sah sowieso nicht nach einer allzu spektakulären Tour aus. Der Odenwald hatte nichts versprochen, keinen Nervenkitzel, keinen Gipfelblick, weder Burgruinen noch schwarze Seen, keine Wellnessoase, keinen Champagner und kein Waldbeersorbet. Aber im Rückblick scheint es mir, als hätte er sich für uns besonders ins Zeug gelegt.

In den zwei Tagen, die mein Freund und ich zwischen Michelstadt und Mossautal-Hüttenthal über weiche Nadelpfade wippen, tischt er mächtig auf. Er kommt mir fast verschwenderisch vor, denn wir sind die einzigen Gäste seines verschrobenen Festbanketts. Erst am Ende der Tour kommen uns zwei Wanderer entgegen, und erst am Abend, als wir längst im Trockenen sitzen, trommelt der Gewitterregen auf die Ziegel des Heuhotels in Mossautal.

Feuchtes Fachwerk

Es nieselt, als wir am Rathaus Michelstadt loslaufen. Eine Hochzeitsgesellschaft duckt sich unter das Vordach des Fachwerkbaus, von dem US-amerikanische Besucher angeblich nicht glauben können, dass er schon vor der Entdeckung ihres Kontinents fertiggestellt wurde. In Erbach stellen wir uns unter. Der Regen fällt mittlerweile dicht. Vom Asphalt spritzen die Tropfen nach oben. Wir warten ab; der Odenwald nimmt Anlauf.

Er streut für uns als Amuse Gueule Blau- und Brombeeren an den Wegrand und hätte als Zwischengang im Restaurant Käs-Back in Elsbach Kochkäse serviert. Ich halte das für eine Art Fleischkäse, bis uns die Bedienung aufklärt, dass es sich dabei tatsächlich um eine Art Käse handelt, zu der sie allerdings nicht näher Auskunft geben kann, wie er hergestellt wird. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass Kochkäse eine vegetarische Odenwälder Spezialität ist, hätte ich zugeschlagen. Ich muss also irgendwann dorthin zurück. Kochkäse ist ein wunderbares Wort. Es schmilzt mir im Mund.

Nibelungen: ein Schuss Sagen und Mythen

Das Käs-Back ist nicht die letzte Einkehrmöglichkeit auf dieser Tour. Der Odenwald ist ein fürsorglicher Gastgeber. Sein Unterhaltungsprogramm ist dezent. Kein auf die Tasten hauender Alleinunterhalter, sondern ein müder Jazz mit ein bisschen Gitarre und raschelndem Schlagzeug. Er bleibt im Hintergrund.

Ein Reh springt in Deckung, hoch und leicht. Wir atmen den Schweiß der Bäume und sehen dem Tier hinterher. Siegfried soll hier einst auf der Jagd gewesen sein, bevor ihm Hagen von Tronje am Siegfriedsbrunnen die Lanze in die Schulter gebohrt hat. Unser Weg führt direkt an dem Brunnen vorbei. Der Odenwald trinkt Heldenblut; der Mythos tränkt das braune Laub in Nebelzauberstaub: Pilze, die aussehen wie Korallen, nisten auf sterbendem Holz, aus den tropfenden Kronen der Buchen sickert Vogelgesang, Ameisen bauen stille Metropolen. Windräder schwingen quietschend riesige Schwerter, und weit entfernt verscheuchen Kühe die Bremsen.

Am späten Nachmittag feuern die Zikaden. Die Wiesen vibrieren und der Odenwald lädt zum humoristischen Hauptgang: In Mossautal-Hüttenthal brummt ein Wurstautomat, kühlt geduldig lokale Spezialitäten. Würstchen neben Steak, Quark und eingelegter Ziegenkäse der Hüttenthaler Molkerei, gekühlte Getränke, Eier und Pasta, alle in Reih und Glied, warten sie auf die nächste spontane Grillparty im Dorf. Ein pausbackiges Schweinekopflogo preist »Dienstleistungen rund um die Wurst« an, ohne sich an seinem vegetarischen Angebot zu stören.

Das leise Spiel der Holzwürmer

Im Heuhotel am Abend genieße ich den letzten Gang – ein schabender, knirschender, kratzend-knuspriger akustischer Nachtisch. Ich halte das Ohr an den Dachbalken im Heuhotel und höre das erste Mal in meinem Leben die Essgeräusche von Holzwürmern – winzige beharrliche Nager, die sich unsichtbar durchs Gebälk bohren. Sie geben ein zartes Konzert, begleitet vom kräftigen Geruch des Heus, in dem ich die Nacht verbringe.

Die Zweitagestour lässt sich nirgends buchen. Reisebüros werben nicht mit Holzwürmern. In Prospekten regnet es nicht. Mittelgebirge tragen nicht zu dick auf. Jede blütengetupfte Sommerwiese ist ein Bonus, ein Geschenk, eine unterwartet freundliche Geste. Der Odenwald hat keinen Grand Canyon und keinen Lake Louise, und ich bin froh darüber. In meinem Kopf ist noch Platz für Bilder.

Ich kann Rehe nicht zwingen zu tanzen; die Holzwürmer siechen vielleicht längst dahin. Selbst wenn ich ein paar Maden in der Mülltonne aussetzen würde, könnte ich den Trip nicht wiederholen. Aber ich kann den Rucksack packen und losfahren. In den Odenwald – selbst wenn es so aussieht, als wäre es kein Wochenende zum Wandern.

Odenwald: Von Michelstadt über Mossautal-Hüttental nach Grasellenbach

Land: Deutschland

Anreise: Michelstadt ist von Mannheim aus mit dem Zug erreichbar.  Nach Grasellenbach fahren Busse, beispielsweise von Weinheim aus. Die Tour lässt sich auch umgekehrt laufen. In Mossautal-Hüttenthal gibt es neben dem Heuhotel auch andere Übernachtungsmöglichkeiten.

Gehzeit: ca. 7 Stunden (zwei Halbtagestouren) für rund 22 Kilometer (27. und 28. Juli 2019)

Herausforderungen: Zwischen Michelstadt und Mossautal-Hüttental verläuft eine Vielzahl von Wanderwegen. Es gibt entsprechend auch verschiedene Routen, die zum Ziel führen. Durch die vielen Optionen kommt man schnell auf den falschen Pfad; Karte und GPS sind hilfreich. Von Mossautal-Hüttenthal nach Grasellenbach lauft ihr einen Teil der dritten Etappe des Nibelungensteigs. Dank der Beschilderung kommt man hier auch ohne Hilfsmittel zurecht.

Die Wege sind gut begehbar, meist breite Waldwege. Es geht immer wieder hoch und runter, aber kein Teilstück ist so steil, dass es schwierig würde.

Höhepunkte: Rathaus Michelstadt, mehr Einkehrmöglichkeiten, als der gemeine Wanderer, wahrnehmen kann, Rehe, Wurstautomat, Holzwürmer, wuchtige Buchen, Vogellehrpfad bei Hüttenthal, Siegfriedsbrunnen, Schilder mit der Nibelungensage, ein Baum voller bunter winziger Vogelhäuschen

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