Yakushima: Dieselmonster

Der Kahn ist verbeult. Vielleicht hat er Schiffspest?, denke ich. Er quietscht und stinkt nach Diesel. Aus dem Schornstein weht eine dunkle Fahne hinaus aufs Meer. Container wanken an Kränen, Reifen scheppern über Metall. Das Wanderparadies namens Yakushima hat seine Köder ausgeworfen, und jetzt hängen mein Freund und ich am Haken. Am Horizont ist kein Land mehr zu sehen, und ich frage mich, ob es eine gute Idee war, die allergünstigste Fährverbindung nach Yakushima zu nehmen. Ich werde schnell seekrank.

Dreizehn Stunden auf einem Boot

Es wäre natürlich auch komfortabler gegangen, aber Japan schlägt auf’s Budget. Das Schnellboot ist meinem Freund und mir viel zu teuer. Deswegen schwimmen wir jetzt auf einem rostigen, Diesel fressenden Monstrum zum Eiland: Für rund 27 Euro pro Kopf schippern wir gen Süden. Und weil der Klapperkahn über Nacht unterwegs ist, sparen wir noch das Geld für die Unterkunft.

Dreizehn Stunden dauert das Abenteuer auf dem Frachtschiff. Da bereits eine kurze Tretbootfahrt ausreicht, damit sich mein Magen fühlt, als hätte man ihn in den Thermomix gesteckt, bete ich für eine ruhige See.

Holzklasse für alle

Das Boot trägt den unpassenden Namen »Hibiskus« und ist das Gegenteil eines Luxusdampfers. Keine Privilegien für betuchte Gäste, sondern Holzklasse für alle: Liegeflächen aus kratzigem Teppich, auf denen sich die Passagiere niederlassen. Die Fahrgäste verwandeln sich in verfilzte Riesenkaninchen, sobald sie sich in die braunen Wolldecken wickeln, die dafür bereitliegen. Im Schiffsrumpf wummert der Herzschlag des Dieseltiers. Der Boden schaukelt. Matrosen in Sicherheitswesten und schweren Schuhen laufen auf und ab wie Sklaven des Maschinenmonsters.

Obwohl der Boden pendelt und ich weiß, dass die Übelkeit sich für das Scheinwerferlicht bereitmacht, bin ich entzückt. Ich weiß, dass ich mich immer an diese Überfahrt erinnern werde. Weil so ein Boot auf Rhein oder Neckar nicht unterwegs ist. Weil ich nicht das Gefühl habe, in einer Touristenfalle zu sitzen. Weil hier definitiv keine Gefahr besteht, sich zu Tode zu amüsieren.

Die Bordküche bietet: Tassennudeln

Mein Freund und ich zerren Isomatten und Schlafsäcke aus dem Rucksack und suchen uns eine Ecke auf der Liegefläche aus. Die Schuhe haben wir ausgezogen. Sie haben – nach japanischer Manier – auf den Liegeflächen keinen Zutritt.

Die Fenster im Passagierraum lassen ihre Vorhänge hängen, als wären es die gelähmten Flügel eines altgewordenen Vogels. Ein Automat im Gang bietet japanische Spezialitäten preis: Cup-Noodles in verschiedenen Geschmacksrichtungen, darunter Curry und Seafood.

Gegenüber von uns lehnt ein Mann an der Wand. Er starrt auf einen der Fernsehbildschirme, die über den Liegeflächen montiert sind. Die flimmernden Bilder einer exhaltierten Unterhaltungswelt haben ihn in Trance versetzt. Seine Frau sitzt neben ihm. Sie schweigen.

Reise an einen Zauberort

Das hässliche Schiff mit den stummen Passagieren wird uns an einen Zauberort bringen: Yakushima ist überzogen von immergrünem feuchten Wald, in dem sich Zedern in Riesen und Moose in das Haar winziger Gnome verwandeln. Monolithen wirken wie die versteinerten Eier längst ausgestorbener Urvögel. Spinnen fangen in nassen Netzen – Yakushima gehört zu den regnerischsten Orten der Welt – gebrochenes Licht. Wurzeln fesseln den Boden und schließen die Höhlen zur Unterwelt. Verwunschene Prinzessinnen irren als Rehe, scheu und vertraut, durch explodierendes Grün.

Wir werden drei Tage auf der Insel wandern und den fast 2.000 Meter hohen Miyanoura-Dake besteigen. Die Tour wird mich an meine körperlichen Grenzen bringen. Wir werden Wanderschilder mit japanischen Schriftzeichen entziffern, mit Seilen Felshänge überwinden, uns mit japanischen Wanderen in eine viel zu kleine Hütte quetschen, den Regen abwarten, uralte Zedern grüßen und dem Nachtwind lauschen.

Abseits üblicher Reiserouten

Nach Yakushima verirrt sich niemand, der nur für drei Wochen in Japan ist. Die Insel liegt weitab der üblichen Reiserouten – weit, weit im Süden.

Die Fähren nach Yakushima legen in Kagoshima ab, einer Stadt mit immerhin rund einer halben Million Einwohner. Die Hibiskus startet nicht am zentral gelegenen Fährhafen, sondern weit außerhalb, zwischen Industrieanlagen und Schnellstraßen, in einer Landschaft aus Beton. Die Busfahrt dorthin dauert.

Aber Abenteuer lassen sich nicht abkürzen. Langsamkeit und Abgeschiedenheit hängen zusammen. Wer mit Schnellboot oder Flugzeug nach Yakushima heizt, verpasst die derbe Lust der Luxuslosigkeit.

Ein Vulkan raucht Pfeife

Die Fähre legt ab. Ich gehe an Deck, um meinem Thermomixmagen etwas Frischluft zu gönnen. Der Qualm des Diesels drückt mir in die Lungen; mein Magen plädiert für die Weiterfahrt unter Deck. Ich lasse mir von ihm nichts sagen, denn in diesem Moment wird der Himmel milchig, Japan färbt sich schwarz. Im Land der aufgehenden Sonne sehe ich zu, wie sie verlischt. Linker Hand zieht der Sakurajima vorbei, der Vulkan vor der Küste Kagoshimas. Er pafft, als würde er am Abend noch ein Pfeifchen rauchen.

Unter Deck dröhnt der Dieselbass. Ich liege, beobachte den Mann, der auf den Bildschirm starrt, und versuche, den Thermomix anzuhalten. Die meisten Passagiere steigen gegen zehn Uhr abends in Tanegashima aus. Wir sind allein im Raum. Die Lichter verlöschen, der Diesel schweigt. Das Schifft legt sich im Hafen zur Ruhe und wiegt uns in den Schlaf.

Erst am Morgen, als wir die Reise nach Yakushima fortsetzen, erwacht der Thermomix wieder. Die Nacht war kurz, so ein altes Schiff schnarcht. Ich muss schlucken, mein Freund ist bleich. Der Thermomix dreht auf, mein Magen klatscht hilflos gegen dessen Wände. Der Magenschleuderer saugt mir die Kraft aus Beinen und Armen, kann aber meinem immer noch frohen Gemüt nichts anhaben. Der Gedanke, dass ich den Japanern das Boot vollkotze, amüsiert mich. Bevor ich weiter darüber sinnieren kann, wie die japanische Crew wohl mit dem Inhalt eines Thermomixmagens umgehen würde, erreichen wir die Insel. Das Dieselmonstrum ist bezwungen. Ich bin bereit für den Schatz.

Yakushima: Dreitagestour über den Miyanoura-dake

Land: Japan

Anreise: Nach Yakushima kommt man am einfachsten von Kagoshima per Boot. Es gibt allerdings auch einen Flughafen. Die Fähren kommen in der Regel in Miyanoura an, dem größten Ort auf der Insel. Direkt von dort aus fahren zu den meisten Ausgangspunkten für Tageswanderungen oder mehrtägige Touren Busse, allerdings teilweise nicht allzu häufig. Einen Busfahrplan bekommt ihr in der Touristinformation, die direkt in Hafennähe liegt. Dort erhaltet ihr auch eine Wanderkarte. Hilfreiche Infos zur Insel gibt’s beim Wanderweib.

Gehzeit: Das Innere der Insel ist mit Wanderwegen durchzogen, sodass es viele verschiedene Routen (mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad!) zum Miyanoura-dake gibt. Wir haben folgende Route genommen: Shiratani Unsuikyo Ravine, Takatsuka Hut, Ishizuka Hut, Yakusugi Cedar Land. Dafür haben wir drei Tage gebraucht.

Herausforderungen:

  • Die Beschilderung der Wege ist oft nur auf Japanisch, eine Karte mit japanischen Schiftzeichen ist hilfreich.
  • Es gibt nicht überall und ständig Trinkwasser. Wenn ihr an einer geeigneten Quelle vorbeikommt, solltet ihr eure Flaschen auffüllen.
  • Die Wege sind zum Teil sehr, sehr steil und nur mithilfe von Seilen begehbar. Die Wege sind nur nur streckenweise ausgebaut, oft kämpft man sich über Wurzelwerk und Gestein. Ich fand die Tour sehr kräftezehrend. Es gibt im Inselinneren keine Orte, also auch keine Straßen oder Geschäfte.

Höhepunkte: Übernachtung in japanischen Wanderhütten (die Übernachtung ist gratis, man zahlt nur eine Art Spende als Eintritt in den Nationalpark), der Wald, Blick vom Miyanoura-Dake, Riesenzedern, Rehe, Makaken, Moos

Du willst mehr Wandergeschichten aus Japan? Dann kannst du hier nachlesen, ob es japanische Antilopen wirklich gibt, wie man ein Onigiri zubereitet und wo man in Kirschblütenkitsch baden kann.

 

 

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