Schwarzwald: Rentnertrail

Hinter der Frau, deren Rücken so krumm ist, als hätte man ihn über Nacht in eine Eierschale gepresst, wächst ein Hügel aus dem Tal, der sich kleidet wie ein edler Herr in einem dunklen Anzug. Der Schwarzwald hat an diesem Vormittag etwas vornehm Adliges.

Die Frau, die meinem Freund und mir entgegenkommt, ist mindestens so alt wie die riesigen Tannen, die sich im Schwarzwald in den Himmel bohren. Sie hat sich bei ihrem Mann – vielleicht ist es auch ihr Sohn – eingehakt und stützt sich mit der rechten Hand auf einen Stock, der einen Gumminnoppen am Fuß trägt, damit er nicht so leicht wegrutscht.

Wandern ist nicht das richtige Wort für das, was die beiden tun. Es ist eher eine Art Zeitlupen-Performance, eine Gehmeditation. Sie schieben sich den Hang ins Tal hinunter, einen flachen Schritt nach dem anderen. Alle paar Meter bleibt das Paar stehen, als wollte es sich vergewissern, dass es noch auf dem richtigen Weg ist. Ich nicke ihnen zu.

Ein Wanderweg für Anfänger

Despektierlich könnte man sagen, dass mein Freund und ich an diesem Tag auf einem Rentnertrail unterwegs sind (wobei ich zugeben muss, dass ich schon viele wandernde Rentner getroffen habe, die schnell wie ein Jaguar unterwegs waren). Wir befinden uns auf einem Weg für lungenkranke Rehapatienten, übergewichtige Kurgäste, Walkinganfänger ohne größere sportliche Ambitionen oder eben ältere Herrschaften mit Eierschalenrücken und Krückstock. Der Heimatpfad Baiersbronn zählt auf seinen rund zehn Kilometern gerade mal 165 Höhenmeter. Viel flacher dürfte es im Schwarzwald kaum gehen. Wandern für Anfänger, ein ambitionierter Spaziergang.

Genau deshalb haben wir den Weg ausgesucht. Ich bin selbst so etwas wie ein Rehapatient. Seit Tagen ernähre ich mich von Salbeibonbons und Hustensirup. An die Rucksacktour auf dem E8, die wir für die Osterfeiertage geplant hatten, war nicht zu denken: Mich hatte ein paar Tage zuvor ein Virus erwischt und ich lag mit Fieber, Hals- und Gliederschmerzen im Bett. Jeder Atemzug fühlte sich an wie ein verschlucktes Stück rostiges Metall.

Irgendwann wurde es besser. Mein Freund und ich entscheiden, dass ich im Schwarzwald bestimmt viel besser gesund werden kann als zu Hause.

Als wir die Ferienwohnung in Baiersbronn beziehen, strahlt die Welt in Himmeblau, und ich liege meinem Freund damit in den Ohren, dass das Wetter zu gut sei, um drinnen zu blieben. Vor mir lädt der Schwarzwaldfürst zum Flanieren ein. Vom Terassenfenster unserer Ferienwohnung aus sehe ich, wie Menschen zum Waldrand aufsteigen. Immer wieder nehme ich den Wanderführer zur Hand und blättere darin herum. Ich habe Wanderappetit.

Ich suche nach einer passenden Tour für virusgeschwächte Wanderjunkies. In einer Broschüre finde ich einen Rundweg, der sich wie ein schmales Band um den Tonbach bei Baiersbronn zieht. Er trägt den Beinamen »Wilder Wald im Wandel«, und ich zolle den Autoren Tribut, weil es nicht so leicht ist gleich drei Mal den Buchstaben W in einem Namen für eine Wanderung unterzubringen.

Ich packe noch ein paar Salbeibonbons in meine Jackentasche und wir fahren Richtung Tonbachtal. Das ist an diesem Ostermontag heillos überlaufen. Die Hotels im Ort scheinen Hochsaison zu haben. Tagestouristen wie wir müssen uns mit einem Parkplatz am Ortsrand zufriedengebeb. Dort rieselt Wasser einen Steinbrunnen hinab. In den Blumenbeeten posieren die Pfänzchen in der Vormittagssonne als wären sie Supermodels. Später erfahre ich, dass es in Tonbach ein Restaurant gibt, das drei Sterne sein Eigen nennen darf. Überhaupt ist die Gegend um Baiersbronn für ihre gehobene Küche bekannt. Gleich mehrere ausgezeichnete Restaurants tummeln sich in der Gegend.

Rund um den Tonbach

Jetzt liegt das Tal zu unseren Füßen. Auf dem Wanderweg hüpfen zwei Jungs von einer Seite zur anderen, ihre Eltern haben die Tagesrucksäcke auf den Schultern, zwei Frauen und ihre Hunde schlendern am Bach entlang, zwei junge Männer mit Trekkingausrüstung werden am Horizont immer kleiner. Wir mischen uns unter ein paar Spaziergänger und laufen die Serpentinen zum Bach hinunter, dort, wo uns ein paar Stunden später das ältere Paar entgegenkommen wird.

Wer jemals in einem gut gepflegten Kurpark unterwegs war, kennt das Gefühl, das sich auf diesem Wanderweg einstellt: Hier herrscht Ordnung, hier ist heilige Erholung Pflicht. Man bemüht sich ernsthaft um die Erfrischung des Geistes und die Ertüchtigung des eigenen Körpers.

Osterglocken blühen noch, dazwischen Wiesenschaumkraut wie impressionistische Farbkleckse und mittendrin der Tonbach als Frischequelle. Alles wirkt, als würde gleich jemand einen Werbespot für Mineralwasser oder für einen Duftbaum drehen, nur dass der Duftbaum nicht mit dem Original-Schwarzwaldduft mithalten kann. Ich vergesse, dass sich mein Brustkorb noch etwas eng anfühlt und mein ganzer Körper schwerer als sonst an sich selbst trägt.

Dann reiht sich ein »Guck doch mal!« ans Nächste, dass ich meinen muss, ich wäre in einem Freilichtmuseum gelandet. Die Reha-Patienten haben keine Zeit mehr an ihre röchelnde Lunge oder die schabenden Knochen in ihrer arthritische Hüfte nachzudenken. Ein kleiner Wasserfall, ein Brunnen mit Wasser aus dem Berg, ein Wildgehege, eine Köhlerhütte, ein Station zum Ernten von Baumharz, ein Brückchen über den Tonbach in Szene gesetzt wie von einem romantischen Maler, ein mächtiger Fels als Pausenplatz. Die Heimatkundler haben sich mächtig ins Zeug gelegt und erklären, wie einst mächtige Holzstämme auf dem Tonbach gen Tal geflößt wurden. Sie berichten von Zeiten, in denen die Bevölkerung ihre Autos mit Holz betrieb, von Flurneuordnung und von den Siedlern im Tal, die manchmal wohl nicht mehr Ein noch Aus wussten und dann ihr Häuser und Dörfer zurückließen, um anderswo ihr Glück zu suchen.

Die harten Zeiten sind mittlerweile vorbei. Das Dörfchen Tonbach ist vom Tourismus geprägt. Auch diese Geschichte erzählt der Heimatpfad.

Nach rund zwei Dritteln des Weges machen wir Pause auf einer der vielen Bänke am Wegesrand. Auf der anderen Seite des Tals präsentieren sich gleich mehrere mehrstöckige Hotels.

Von Google erfahren wir, dass ein Zimmer im Hotel Traube schnell mit mehreren Hundert Euro zu Buche schlägt. Wer will, kann also in Tonbach ein paar luxuriöse Tage verbringen, inklusive Besuch einer Baumhaussauna, die wie ein Bauwerk aus einem Fantasy-Film in einen ausladenden Baum hineingebaut ist. Fehlen nur noch ein paar Einhörner, die die Fußkranken durchs Tal tragen.

Luxusurlaub zwischen Wiese und Wald

Es beruhigt mich, dass auf zehn Kilometer so viel Landschaft passt. Dass sich das Wanderwundererlebnisgefühl auch dann einstellt, wenn die Strecke kurz ist. Dass der Schwarzwald es einem nicht immer schwermachen muss. Dass Flanieren auch fein ist. Denn wenn ich mich irgendwann auf einen Stock mit Gumminoppen stützen muss, mein Rücken eierkrumm ist und ich meinen Freund an meiner Seite brauche, um mich langsam einen Hang hinunter zu tasten, oder ich eine Einhorntour buchen möchte, komme ich zurück ins Tonbachtal.

Baden-Württemberg: Erlebnispfad Wilder Wald im Wandel

Anreise: Tonbach ist per ÖPNV von Baiersbronn aus erreichbar. Vom Hauptbahnhof in Baiersbronn aus fährt mehrmals täglich ein Bus zum Hotel Traube. Eine Anreise mit dem Auto ist ebenfalls möglich. Am Ortseingang findet sich ein kostenfreier Parkplatz.

Gehzeit: ca. zweieinhalb Stunden für 9,6 Kilometer (18. Apri 2022)

Herausforderungen: Kaum vorhanden. Der Weg ist gut ausgeschildert und führt in weiten Teilen über gut begehbare Waldwege.

Höhepunkte: Aussicht auf Tonbach, die vielen Bänke am Wegesrand, eine Erntetation für Baumharz, Infoschilder, Holzbrücke über den Tonbach, Wildgehege

Dir hat diese Wandergeschichte gefallen? Jede Menge Lesestoff gibt es in meinem Buch »Mittendrin im Draußen«, in dem ich dir vom australischen Bibbulmun erzähle.

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