Schwarzwald: Schönwetterzwang

Eine Tour auf den Belchen – Sonnenmagie im Winterhimmel

Vielleicht leide ich unter einer psychischen Störung namens Schönwetterzwang. Es hat schon etwas Neurotisches: Sobald die Sonne scheint, die Temperaturen einigermaßen erträglich sind, ruft mich das Licht, als wäre ich ein hormongeschwängertes Glühwürmchen auf Partnersuche.

Es kommt mir wie Verschwendung vor, meine Zeit in Innenräumen zu verbringen, wenn ich doch unter blauem Himmel flanieren könnte. Ich werde dann unruhig. Sonnensirenen schlagen Alarm. Im Sommer werfen sich Hummeln wie Kamikaze-Flieger gegen mein Fenster, als wollten sie sagen: Jetzt komm endlich! Raus hier! Ich höre neidisch die Kinder, die von ihren Eltern zu Frischluft verurteilt worden sind und auf dem Spielplatz vor meinem Haus plärren und kreischen als hätten sie illegale Substanzen eingeworfen.

Mein Freund findet zwar, dass es gerade bei gutem Wetter drinnen besonders gemütlich ist, aber mir kommt das vor, als würde ich einen Lottoschein mit sechs Richtigen nicht einlösen – und das nur, weil man ja auch ohne Reichtum glücklich werden kann.

Wanderer behaupten gerne, dass es kein schlechtes Wetter gibt. Das stimmt irgendwie, aber bei Temperaturen unter Null Grad und leichtem Nieselregen, fällt es mir leicht, die Füße stillzuhalten und bei einer Tasse Tee die Wolken vorüberziehen zu lassen.

Vergangenes Jahr im Schwarzwald hatte ich meine Neurose gut im Griff. Ich hielt es brav in unserer Ferienwohnung aus. Das Wetter führte mich nicht in Versuchung. Bis auf ein paar Spaziergänge im Regen nötigte ich weder meinen Freund noch andere Mitglieder unseres Reisetrupps zu einer Wanderung im Kleinen Wiesental.

Mit elf Erwachsenen, zwei Zweijährigen, einem Schulkind und zwei Hunden drohte in der Ferienwohnung der Lagerkoller. Das Wetter im Schwarzwald hatten wir uns anders vorgestellt: Ich träumte von Eisglitzer und Schneeknirschen, von frischen Fuchsspuren, zugefrorenen Seen und Ästen mit Weiß umhüllt als wären sie fette satte Robbenbabys.

Wasserperlen in der Wolle

Aber die Sonne hatte sich hinter einer filzigen Schicht verkrochen. Wir starrten aus den Fenstern, hockten so lange im Thermalbad in Badenweiler, bis wir schrumpelig waren, und wagten ebenjene winzigen Spaziergänge im Nieselregeln, bei denen sich die Tropfen in unseren Wollmützen verfingen als wären es kleine Perlen. Der Schnee hatte sich in Kuhlen und Senken zurückgezogen. Fürs Ski- und Schlittenfahren reichte es nicht mehr. Meine Träume vom Langlaufen, Schneeschuhwandern und Sonnenbaden in der Wintersonne schwammen im Dezembergrau davon.

Doch dann – ihr ahnt es vielleicht schon – kam es anders, von einem Tag auf den anderen, pünktlich zum Jahreswechsel am 31. Dezember 2021: Ein geleckter Himmel. Die Temperaturen hüpften nach oben, der Schnee machte sich zur Flucht bereit und quirlte in Bächlein die Berge hinunter. Es fühlte sich an, als wäre es über Nacht Frühling geworden.

Es kribbelte mir in den Füßen, und ich konnte kaum erwarten, bis alle mit dem Frühstück fertig waren und wir endlich aufbrechen würden. Alle sollten mit auf Tour: Hunde, Kinder, die gesamte Reisegesellschaft eben. Unser Beschluss lautete: Wir besteigen den Belchen. Aber was machen wir mit den beiden Knirpsen?

Meine Ideen, auf halbem Weg ein Basislager einzurichten und dort zu pausieren oder die beiden Hunde vor einen Schlitten zu spannen, auf dem die Kinder dann den Berg hinaufgezogen würden, verhallten ungehört. Die Kinder und ein paar andere Fußfaule würden also mit der Seilbahn nach oben fahren. Der Rest würde laufen. Treffpunkt: Bergstation auf dem Belchen.

Als wir starten, liegt das Kleine Wiesental noch im Schatten. Wir müssen einen ersten Anstieg hinauf. Die Wolkendecke ist zerrissen, auf den Wiesen ist Platz. Das Gras ist gelblich-braun vom Schnee zerdrückt wie eine schlecht sitzende Frisur am Morgen. Die Hunde laufen aufgeregt hin und her. In einem Wäldchen pumpt die Sonne Wärme bis zum Boden. Ich habe Sorge, dass ich mir einen Sonnenbrand hole.

Die Luft ist zitronig frisch, ein Wintersorbet. Nach und nach lasse ich meine Hüllen fallen. Ich winde mich aus Jacke und Fleece, reiße mir die Mütze vom Kopf, knülle meinen Schal zusammen, stopfe ihn in den Rucksack. Wie wäre es, mal im Bikini zu wandern? Ich verscheuche den Gedanken an halbnackerte Touren und konzentriere mich wieder auf den nächsten Schritt.

Hinauf auf 1.412 Meter

Böen huschen unter mein T-Shirt und fühlen sich an wie Almwiesengras. Der Belchen ist 1.412 Meter hoch. Meine Wangen werden rot vor Anstrengung.

Der Name des Berges kommt aus dem Keltischen und bedeutet »der Strahlende«. Das passt zu dem Wandertag, an dem der Himmel lacht.

Dass das Wetter im Schwarzwald so schnell umbricht wie an jenen Dezembertagen, ist nichts Ungewöhnliches. In wenigen Stunden verwandelt sich der Wald von einem lieblich Hain in ein dunkel-harsches Gruselkabinett. Die Wege werden zu Kanälen aus Schlamm, Regen sickert in Schuhe und Ärmel. Tannen sind Speere mit blutigen Spitzen, wässrige Waldgeister gleiten zwischen den Stämmen auf und ab. Ich weiß, wovon ich rede.

Genau das ist Teil eines Abenteuers, das es jeden Tag gratis gibt. Beim Wetter kann ich loslassen. Ist sowieso nicht zu ändern. Es entscheidet selbst, ob eine Tour ein kraftzehrendes Unterfangen oder ein Spaziergang wird. Wintersorbetwetter gibt es nicht oft, aber wenn es einmal da ist, leuchtet der Tag.

Die Route auf den Belchen führt lange auf einem Grat entlang, der nach links und rechts den Blick freigibt. Ich fühle mich wie eine Solarzelle, die nach langen dunklen Stunden endlich wieder ans Licht kommt. Zwar kann ich Sonnenlicht nicht direkt in Energie verwandeln, aber es fühlt sich zumindest so an.

An einer Felsnase macht unsere Gruppe Rast. Wir halten die Nasen in die Höhe. Dann folgen Serpentinen, immer weiter den Berg hinauf. Am Horizont sehe ich die Alpen, davor ein Hauch von Wolken. Je höher wir steigen, desto mehr Schnee kreuzt unseren Weg. Meistens angetaut oder noch stark vereist von den vielen Füßen, die ihn zusammengepresst haben. Er funkelt und blitzt wie eine Discokugel in Ekstase.

Der Anstieg zieht sich zwar, lässt sich aber gut begehen. Schmale Pfade, Wäldchen, der Ausblick – Schwarzwaldgenuss in Hochauflösung. Nach gut zweieinhalb Stunden nähern wir uns dem Gipfel. Und wir sind nicht allein.

Es muss noch jede Menge anderer geben, die unter Schönwetterzwang leiden. Die Bergstation spuckt Touristen aus wie ein Topf, in dem gerade Popcorn gemacht wird. Das Restaurant ist überfüllt. Kinder ziehen Schlitten über die letzten Schneereste; Erwachsene packen ihre Käsebrote aus. Jedes Jahr zählt der Belchen rund 300.000 Besucher – und ein großer Teil davon ist an diesem Tag dort oben.

Unsere Gruppe wartet auf die Seilbahnfahrer. Wir sitzen auf einem Mäuerchen, der Schwarzwald zu unseren Füßen, und holen nach und nach Schal, Mütze, Fleece und Jacke wieder aus den Rucksäcken. Auf dem Belchen pustet es ordentlich, sodass die Hunde auf einmal sehr windschnittig aussehen. Wir drücken uns an den Hang und blinzeln in die Sonne, bis der Rest der Truppe ankommt und wir uns aufmachen, die letzten Meter zum Gipfel gemeinsam zu bewältigen.

Per Seilbahn zum Gipfelkreuz

Ein Schotterweg führt zum und um das Gipfelkreuz und wir reihen uns in die Parade all jener, die einmal oben gewesen sein wollen. Dort ist es viel zu windig für eine Pause, die meisten Bänke sind auch schon belegt, aber am Gipfelkreuz wird Pause gemacht. Basta.

Die kleine Runde um den Kopf des Belchen ist auch mit den Knirpsen zu bewältigen. Wer nicht fit ist, darf dank Seilbahn Höhenluft schnuppern, ohne sich den Berg emporgeschleppt zu haben.

Wir beginnen den Abstieg, das Licht färbt sich schon orange. Ich freue mich auf den nächsten Tag: Wetter gibt es schließlich immer. Es bleibt spannend da draußen.

Schwarzwald: Belchenrundwanderung

Land: Deutschland (Baden-Württemberg)

Anreise: Der Startpunkt der Tour (Neuenweg im Kleinen Wiesental) ist mit dem Bus, beispielsweise ab Schopfheim, erreichbar. Allerdings bedarf das einiger Planung, da die Busse nicht sehr häufig fahren. Tipp: Im Schwarzwald bekommt man bei den meisten Gastgebern eine sogenannte KONUS-Gästekarte. Damit kann man im gesamten Schwarzwald kostenlos den ÖPNV nutzen.

Gehzeit: knapp 4,5 Stunden für 12,8 Kilometer (31. Dezember 2022) und rund 780 Höhenmeter

Herausforderungen: Die Tour hat es mit den 780 Höhenmetern durchaus in sich. Eine gewisse Grundkondition ist also notwendig. Die Wege sind insgesamt gut ausgeschildert. Ausgesetzte Stellen oder andere besondere Schwierigkeiten gibt es nicht. Nur trittsicher solltet ihr für die Tour sein, da der Weg weite Teile über kleine Pfade und damit auch über Wurzeln und Steine führt.

Höhepunkte: Sonne, Blick auf die Alpen, Schwarzwaldwiesen, Restschneefelder, Flechten, Felsen

Lust auf den Schwarzwald bekommen? Dann habe ich weitere Wandergeschichten für dich. Komm mit auf den Erlebnispfad im Tonbachtal, auf eine Feuersalamander-Safari oder begib dich auf die Spuren von Herrmann Hesse.

Und falls du deine eigene Schwarzwald-Wandergeschichte erleben willst und Lust auf einen Wanderkurzurlaub hast, dann melde dich einfach zum Naturwandercamp 2023 im Schwarzwald an.

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