Lahntal: »Ein schöner Platz zum Sterben«

[Werbung*] Wandern, Kanu, Fahrrad: ein sportlicher Dreiklang, edles Gestein und ein paar Promis – ein Programm für (mehr als) ein Wochenende

Die Geschichte von Dr. Bernold Feuerstein beginnt vor mehr als 360 Millionen Jahren. Er ist Experte für ein heimatgeschichtlich-naturhistorisches Relikt, das versteckt in einem Waldstück liegt. Bernold Feuerstein lädt mich und ein gutes Dutzend weiterer Wanderblogger im Lahntal auf eine Zeitreise ein. Während er von längst vergangenen Epochen erzählt, berühre ich das uralte geschliffene Gestein vor mir. Meine Fingerspitzen fahren über einen Abdruck der Vergangenheit. Der Stein ist glatt, kühl und ein kleines bisschen staubig.

Bernold Feuerstein hat sich dem Lahnmarmor verschrieben. Als er entstand, war an Land noch nicht viel los. Vielleicht schleppte sich ein Ichthyostega an der Küste entlang, eines der ersten Landlebewesen. Ob dieses Tierchen nur fünf, vielleicht aber auch sieben Zehen hatte, ist laut Wikipedia noch nicht endgültig geklärt. Für die Wandergeschichte vom Lahnmarmor, die ich euch erzählen möchte, ist die Anzahl der Zehen eines Wesens, das aussah wie ein überdimensionierter Lurch mir Krokodilgebiss zwar unerheblich, aber die Zehenfrage macht doch deutlich, dass damals auf der Erde einiges anders zuging als heute.

Würde Ichthyostega heute in der Lahn schwimmen, wären die Kanutouren auf dem Fluss sicher noch ein wenig aufregender. An Land hatte das Tier wenig Gesellschaft, aber unter Wasser sah es anders aus. Bernold Feuerstein taucht mit uns ein in ein Urmeer. Der Mann mit den kurzen grauen Haaren und dem roten Poloshirt berichtet, wie es damals gewesen sein könnte.

Im Devon, dem Zeitalter, in dem der Lahnmarmor entstand, tummelten sich unter Wasser Panzerfische und Stachelhaie. Die Landmasse des Lahntals lag viel weiter im Süden; es war warm: Südseezauber, riesige Riffe inklusive. Überall hockten Stromatoporen, sesshafte koloniebildende Meerestiere, die längst ausgestorben sind und unseren Schwämmen wahrscheinlich nicht unähnlich waren.

Ein Denkmal aus Stein

Von Stromatoporen hatte ich vor diesem Wanderbloggerwochende noch nie gehört. Für Bernold Feuerstein, der am Max-Planck-Institut für Kernphysik in Heidelberg als Pressesprecher arbeitet, und in seiner Freizeit das Erbe des Lahnmarmors hütet, sind es gute Bekannte. In einem ehemaligen Steinbruch finden sich ihre Spuren.

Die Riffe von einst haben den Lahnmarmor gebildet. Hinter Bernold Feuernstein ragt eine rund vier Meter hohe und Dutzende Meter lange senkrechte polierte Steinwand nach oben, bedeckt von einem zeltartigen Dach. Der Regen soll dem Kleinod aus Lahnmarmor nichts anhaben können.

Der Lahnmarmorexperte zeigt auf feine Muster und Linien zwischen roten, braunen, hellrosa, fast schwarzen und bläulichen Flecken und Adern. Es sind die Spuren der Lebewesen, die einst im Südseemeer zu Hause waren: Korallen, Kopffüßler, Seelilien, Meeresschnecken – und Stromatoporen. Ich muss mich zwar arg anstrengen, um in der Wand Überbleibsel prähistorischer Lebewesen zu erkennen, mag aber die Vorstellung, dass es Tierchen irgendwie ins 21. Jahrhundert geschafft haben.

Vergleichbare »Aufrisse«, wie Bernold Feuerstein, die Wand nennt, gibt es sonst nur in Kanada und im australischen Outback. Die Steinwand in Villmar an der Lahn entspricht in etwa einem Riffwachstum von 2.000 Jahren – die Natur hat sich sozusagen selbst ein Denkmal gesetzt: den »Unica-Bruch« im Geopark Westerwald-Lahn-Taunus. Heute leben dort zwar keine Stromatoporen mehr, aber Uhus freuen sich über den Lebensraum im Steinbruch. Nur wenige Hundert Meter vom Steinbruch entfernt liegt das Lahnmarmormuseum.

Schon wieder Goethe

Das Museum und der ehemalige Lahnmarmorsteinbruch gehören zu den vielen kleinen und großen Höhepunkten am Lahnwanderweg, der den Fluss über 295 Kilometer von der Quelle bis zur Mündung in den Rhein begleitet – durch Städte wie Marburg, Gießen und Wetzlar. Eine besonders empfehlenswerte Etappe ist das Teilstück zwischen Balduinstein und Obernhof.

Der Fluss zieht sich unterhalb des Weges in weiten Kurven durchs Tal. Auf den Wiesen stehen die Blumen so hoch, dass manches Wegzeichen (eine Art rotes »LW») dahinter verschwindet. An den Aussichtspunkten schmecken die Vesperpakete besonders gut. An einem davon soll einst sogar Goethe höchstpersönlich einmal Rast gemacht und über die nicht erwiderte Liebe von Charlotte Buff getrauert haben. Am sogenannten »Goethepunkt« hat er angeblich den Satz von sich gegeben: »Dies ist ein schöner Platz zum Sterben.«

Wer nicht aufpasst, kann sich kurz nach dem Goethepunkt tatsächlich die Haxen brechen: Dahinter beginnt ein steiler, steiniger Pfad, an vielen Stellen durch Stahlseile und mit metallenen Treppen gesichert. Als Klettersteig geht die Passage noch nicht durch, aber ein wenig fühlt sie sich doch nach Abenteuer an. Ich hangele mich von Stein zu Stein, genieße den Abstieg, freunde mich mit einer kleinen grünen Spinne an, die ich über meine Hand krabbeln lasse, und vergesse die Müdigkeit, die mir nach der Tour in den Beinen steckt.

Kurz nach dem Abstieg öffnet sich die Landschaft. Durch Weinberge steigen die Wanderbloggertruppe und ich nach unten zum Fluss – viel Abwechslung für eine gerade einmal rund 19 Kilometer lange Tagestour, inklusive instagram-tauglicher Felsennase, die weit oberhalb der Lahn schwebt. Der Vorsprung heißt »Wolfslei«, und Wanderblogger wollen Fotos. Wir posieren einer nach dem anderen vor Kameras und Handys und setzen uns in Szene, als wären wir Figuren auf einem Gemälde von Caspar David Friedrich.

Goethe hat das Lahntal allerdings nicht nur wegen der Aussicht besucht, sondern auch wegen der Steine. Er besichtigte bergmännische Anlagen und hat sich über die Verschiebung von Grubengängen den Kopf zerbrochen. Sicher konnte sich der Gesteinsfan auch für den Lahnmarmor begeistern, der allerdings in unbehandeltem Zustand unscheinbarer ist als das sittsam-bescheidene Veilchen am Wegesrand. Der Lahnmarmor sieht aus wie grauer Schotter. Keine Spur von dem erhabenen Glanz in dunklem Rot oder edlem Schwarz.

Vierzig Ochsen für den Stein

Bernold Feuerstein erklärt uns im Lahnmarmormuseum, wie mühsam die Bearbeitung des Steins einst war. Um ihm seine Pracht zu entlocken, waren Dutzenden Arbeitsschritte nötig. Allein den Stein zu transportieren, war eine elende Schufterei. Gespanne mit bis zu vierzig Ochsen zogen die riesigen Blöcke aus dem Bruch. Ein Teil des Lahnmarmors, der übrigens kein echter Marmor ist, sondern ein sogenannter Massenkalk, schaffte es sogar nach Übersee.

Die Wände der Eingangshalle des Empire-State-Buildings sind mit Lahnmarmor ausgekleidet. Warum man sich damals die Mühe gemacht hat, Steine über den Ozean zu schiffen, ist laut Bernold Feuerstein nicht ganz klar. Die Vermutung: Nassauische Auswanderer kannten den Stein und seine Qualitäten. »Eventuell setzte man aber auch ganz bewusst darauf, europäischen Stein zu verwenden«, sagt er. Der Lahnmarmor war wahrscheinlich ein Statussymbol.

Wer sich nicht für Steine interessiert – und mal ehrlich, wer tut das schon wirklich? – kommt im Lahntal trotzdem auf seine Kosten. Da in der Lahn keine Ichthyostegas ihr Unwesen treiben und der Fluss, der durch Nordrhein-Westfalen, Hessen und Rheinland-Pfalz fließt, friedlich seine Schleifen zieht, eignet er sich ideal für einen Ausflug per Kanu.

Wir kommen am ersten Tag des Wanderbloggerwochenendes in den Genuss einer Bootstour. Am Ufer schwimmt ein Nutria mit seinem Nachwuchs. Ein Reiher fliegt vor unserer Armada aus rot leuchtenden Kanus davon. Kormorane spannen auf laublosen Ästen ihre Flügel zum Trocknen auf. Zwischen Kies und Sand liegen Muschelschalen. Ich halte eine Hand ins kühle Wasser und hätte Lust auf ein Bad. Aber unser Wanderbloggerzeitplan drängt – die Organisatoren haben viel Programm in ein Wochenende gepackt.

Was, wenn der Kanufahrer mal muss?

Das Lahntal lässt sich auf dem Wasser ebenso gut erkunden wie zu Fuß. Wasserwandern nennt sich das dann. Auf 160 Kilometern ist die Lahn für Kanuten erschlossen. Ein- und Ausstiegsstellen finden sich alle paar Kilometer – ein besonderer Service eingeschlossen.

Die Ortsgemeinden, die Kanureiseveranstalter und -verleiher stellen in der Saisaon entlang der Lahn an wichtigen Ein- und Ausstiegen und an Rastplätzen Klohäuschen auf. Ich finde es sympathisch, dass neben all den Infoschildern und Hochglanzprospekten einer touristisch gut erschlossenen Region auch an ein einfaches menschliches Bedürfnis gedacht wird.

Besondere Fähigkeiten braucht es nicht, um auf der Lahn unterwegs zu sein. Es gibt keine reißenden Stromschnellen – die Lahn ist damit familientauglich. Wer faul ist, kann sich treiben lassen. Am Wochenende und an Feiertagen müssen Besucher allerdings mit dichtem Verkehr rechnen: Dann zieht sich eine Kette aus bunten Booten den Fluss entlang. Für Einsamkeit ist im Lahntal zu viel los.

Wer weder Kanu fahren noch wandern will, kann sich trotzdem sportlich betätigen: Der Lahnradweg führt am Dom in Wetzlar ebenso vorbei wie am Renaissanceschloss in Weilburg oder dem Kurpark von Bad Ems, dem wir am Wanderbloggerwochenende ebenfalls einen Besuch abstatten.

Bad Ems: UNESCO-Welterbe und Tummelplatz für Dichter

Bad Ems ist UNESCO-Welterbestätte und Teil der »Great Spa Towns of Europe«. Und ja, Goethe hat sich dort auch mal blicken lassen und kritzelte – so beschreibt es Martin Schencking in seinem Buch »Sturm und Drang im Kaiserlichen Bad« – am 18. Juli 1774 im Zimmer 48 im Kurhaus folgende Worte auf eine Zimmertapete:

Wenn Du darnach was fragst,
wir waren hier,
Du, der Du nach uns kommen magst,
hab wenigstens so frisches Blut
und sei so leidlich, fromm und gut
und leidlich glücklich, als wie wir!

Neben Goethe hat auch Victor Hugo Bad Ems einen Besuch abgestattet. Und Richard Wagner. Und Dostojewski, der seiner Gesundheit etwas Gutes tun wollte, mit dem Städtchen aber hart ins Gericht ging:

»Die Geschäfte sind erbärmlich. Ich wollte mir einen Hut kaufen, fand aber nur einen kleinen Laden, in dem es Ware gab wie bei uns auf dem Trödelmarkt. Und all das wird mit Stolz ausgestellt, die Preise sind überhöht, die Kaufleute aber würdigen einen kaum eines Blickes.«

»Die Langeweile plagt, zermürbt mich, in diesem elenden Nest. Was für ein Publikum, was für Visagen!«

Die Zitate stammen aus Briefen an seine Frau. Die Ambivalenz zwischen High Society und Provinznest (Bad Ems möge mir verzeihen!) ist noch heute spürbar: Auf der einen Seite Spielbank, Kurpromenade und Grand Hotel, auf der anderen leere Schaufenster, Imbissbuden und fragwürdige Souvenirs.

Für Wanderer ist das Städtchen trotzdem ein (ent)spannendes Etappenziel – nicht nur wegen der vielen einstigen Promigäste. Der Lahnwanderweg führt in Bad Ems direkt am Fluss entlang, vorbei am Kaiser-Wilhelm-Denkmal, der dort auch gerne mal zu Besuch war, zur Emser Therme, in der man sich hervorragend die müden Füße durchsprudeln lassen kann. Dazwischen dann noch ein bisschen Lahnmarmor: Der Marmorsaal in Bad Ems wirkt wie eine füllige wohlhabende Dame, die viel Schmuck und Schminke trägt. Man zeigt, was man hat. Viele Werke von Jacques Offenbach wurden im Marmorsaal uraufgeführt. Heute können Paare sich dort das Ja-Wort geben oder Musikliebhaber Konzerten lauschen.

Neben Bernold Feuerstein kann sich noch jemand für den Lahnmarmor begeistern: Die Wanderbloggertruppe lernt Gästeführer Jürgen Supp am letzten Tag ihres Wochenendes im Lahntal kennen. Er erzählt nicht nur von der Bad Emser Malbergbahn, die einst auf den 334 Meter hohen Malbergskopf führte und dabei auf 520 Metern einen Höhenunterschied von 260 Metern überbrückte, sondern auch vom Traditions-Café Maxeiner, das im Frühling 2022 seine Pforten für immer geschlossen hat. Aber Jürgen Supp hat ein Kleinod aus dem Café gerettet.

Er öffnet den Kofferraum seines Kombis und zeigt uns Wanderbloggern seinen Schatz: Einen runden Café-Tisch, der aus dem Maxeiner stammt und für den er nun ein neues Zuhause sucht. Die Tischplatte ist aus Lahnmarmor. Die 360 Millionen Jahre alte Geschichte geht weiter.

Lahntal: Lahnwanderweg – Etappe 17 – von Balduinstein nach Obernhof

Land: Deutschland (Rheinland-Pfalz)

Anreise: Balduinstein und Obernhof sind per Bahn erreichbar.

Gehzeit: knapp 7 Stunden für 19,3 Kilometer (14. Mai 2022)

Herausforderungen: Die Strecke hat es mit rund 770 Höhenmetern im Auf- und fast 800 im Abstieg in sich. Hinter der Wolfslei wartet wie oben beschrieben eine schwierigere Passage, die aber für trittsichere geübte Wanderer kein Problem sein dürfte. Bei nassem Wetter würde ich diese Passage möglichst meiden (es gibt alternative Routen). Ihr solltet wissen, dass es einige Leitern auf diesem Streckenabschnitt gibt.

Höhepunkte: Blumenwiesen, Aussichtspunkt Wolfslei, Weinberge, Schutzhütte Balduinstein (Aussicht auf die Lahn)

Tipps für deinen Ausflug an die Lahn

Wo kann ich übernachten?

Beim Wanderbloggerwochenende waren wir eine Nacht im Carolinger Hüttendorf untergebracht. Das sind gemütliche Holzhäuschen – eine Mischung aus Hotel und Ferienwohnung. In Bad Ems haben wir im Emser Thermenhotel übernachtet, das einen direkten Zugang zur Therme hat. Wer es einfacher mag, findet im Lahntal jede Menge Campingplätze.

Wo kann ich ein Kanu leihen?

Wir waren mit Lahntours unterwegs, aber es gibt auch zahlreiche weitere Anbieter, die Kanus verleihen.

Wo kann ich essen gehen?

Direkt neben dem Carolinger Hüttendorf findet sich der Wissegiggl mit rustikaler gut-bürgerlicher Küche und leckerem selbstgemachtem Eis. In Bad Ems kann man vom Brauhaus Bismarck’s den Ausblick auf die Lahn genießen. Zum Brauhaus kommt ihr mit der Bad Emser Kurwaldbahn.

* Diese Wandergeschichte ist nach dem 9. Bloggerwandern der Rheinland-Pfalz Tourismus GmbH entstanden, die mich und einige andere Wanderblogger für ein Wochenende an die Lahn eingeladen hat. Das Motto der Tour lautete „Aktiv hoch 3 im Lahntal – den Lahnmarmor entdecken“.

Dir hat diese Wandergeschichte gefallen? Dann hast zu vielleicht Lust, in »Mittendrin im Draußen« zu schmökern. In dem Buch erzähle ich dir von meinen Abenteuern auf dem 1.000 Kilometer langen Bibbulmun in Australien.

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ich erinnere mich, dass du Kollege Feierstein ordentlich auf den Zahn gefühlt hast, aber dass du so viele Details behalten hast – Respekt. Ich erinnere nur, dass wir uns quasi mit Urtierchen die Zähne putzen. Du kennst den Hintergrund vermutlich noch.
    Es hat wie immer Spaß gemacht, von dir zu lesen, liebe Jana. Und es ist mal wieder ein liebevolles Unikat geworden 😍

    Gefällt 1 Person

    1. Jana sagt:

      Ich hatte mir Notizen gemacht. 🙂 Freue mich auf ein Wiedersehen mit dir beim nächsten Bloggerwandern oder anderweitig!

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