E8: Schön hässlich

Von Monsheim über Worms nach Biblis

Wie überzählige Füße eines riesigen Insekts klammern sich die Brückenpfeiler der A61 in den Boden. Ich bin, wo kein Wanderer sein will. Der Bass der reisenden Masse dröhnt in alle Richtungen, ein holperndes Husten wie eine unheilbare Lungenkrankheit. Es nieselt. Weit über mir zittert der schuppige Betonkörper des vielbeinigen Spinnentiers und zerschneidet Himmel, Felder und die verstreuten Waldinseln der rheinhessischen Ebene in zwei Teile: vor und nach der Autobahnbrücke. Das Darunter ist ein Nicht-Ort voller brauner Flecken, Gullideckel und Röhren, die aus der Erde wachsen – verlassen, leer, vergessen, K. o. geschlagen von einem übermächtigen Gegner. Niemandsland.

Die Talbrücke Pfeddersheim in der Nähe von Monsheim ist schön hässlich – ein Ort für einen Widerspruch. Gut geeignet für Szenen der Ausweglosigkeit und dubiose Geschäfte. Säule reiht sich an Säule, als hätte ein Architekt in einem sehr traurigen Moment perspektivisches Zeichnen geübt. Irgendwo verschwinden die Insektenbeine in einer flachen Biegung.

Zwischen Atomkraftwerk und Odenwald

Der E8 zwischen Monsheim und Biblis ist kein Wandererparadies. Da thront am Horizont ein Atomkraftwerk, von Infoschildern blättert die Farbe, Güterwagons kreischen, Müllsäcke liegen wie zerfetzte Kadaver am Straßenrand. Auf den Feldern singen Strommasten Maschinenlieder.

Ich bin dieses Mal nicht auf einem Premiumwanderweg unterwegs: kein Panorama, keine Felsen, keine Burg. Der Odenwald liegt wie ein unentdecktes Land am Ende der Ebene. Verschwommen steigen seine Hügel in bleichem blauen Grün hinter Straßen und Masten auf. Sie flimmern in der Sonne.

Der E8 ist einer der großen Fernwanderwege, die sich kreuz und quer durch Europa ziehen – vom Norkap bis nach Palermo, von Nizza nach Antwerpen. Mein Freund und ich haben uns in den Kopf gesetzt, den gesamten E8 zu laufen – von Irland bis in die Türkei. Weil wir nur ein Wochenende Zeit haben, ist erstmal das Teilstück von Monsheim bis Biblis an der Reihe. Der gesamte E8 ist mehrere Tausend Kilometer lang. Wir werden also noch ein paar Jahrzehnte brauchen.

Nicht dass da zwischen Monsheim und Biblis gar nichts wäre, was den Naturromantiker in mir weckt. An einer Mauer huscht eine Maus entlang, in den Vorgärten herrscht das Vogelvolk. Ein Marienkäfer pendelt auf einem Grashalm. Am zweiten Tag unserer Tour stakst sogar ein Storch über eine Wiese. Trotzdem fühlt sich der E8 anders an als die üblichen Wanderfavoriten – ehrlich und ein bisschen schonungslos.

Vielleicht habe ich schon zu viele geleckte Landschaften gesehen. Zu viel Massengeschmackseinerlei. Zu viel »Wow« und zu wenig »Bäh«. Nur weil etwas nicht schön ist, heißt es nicht, dass es nicht interessant ist – wie ein mumifizierter Frosch auf dem Weg.

Eine falsche Ruine im Park

Als wir uns Worms nähern, bin ich mir sicher, dass es mit der schönen Hässlichkeit bald vorbei ist. Ich erwarte Postkartenkitsch in der Nibelungenstadt. Die Indizien sprechen für sich. Der Rasen im Karl-Bittel-Park an der Pfrimm ist akurat geschoren, der Bach plätschert wie ein seichter Schlager, die Blumen bleiben in ihren Rabatten. Hier lebt der Schöngeist. Der Burgturm am Park sieht aus, als würde gleich Rapunzel höchstpersönlich die hölzernen Fensterläden öffnen, ein Liedchen schmettern und ihr Haar herunterlassen.

Der Turm ist kein Überbleibsel irgendeines mittelalterlichen Geschlechts, sondern nur ein Deko-Objekt – gebaut im Jahr 1900. Ein englischer Garten braucht eben etwas Historie, selbst wenn sie so falsch ist wie Disneyland.

Wenn die Talbrücke Pfeddersheim ein Menschen gemachter Riss in der Landschaft und der Park eine Art vorstädtisches Make-up ist, ist der Wormser Dom die Galauniform. Ich mache mich gefasst auf ein Bauwerk der Superlative, aber die Talbrücke Pfeddersheim kämpft um ihren Platz in den Wandererannalen. Die Kirche ist hundertfünfzig Meter lang – die Autobahnbrücke misst mehr als 1,4 Kilometer. In Sachen Höhenvergleich gewinnt die Kirche: fünfundsechzig Meter überragen die Osttürme die Stadt, die Talbrücke kommt noch nicht einmal auf die Hälfte. Der Dom ist uralt, die Brücke aus den Siebzigern.

Umzingelt von Behördencharme

Nach der kühlen Zweckmäßigkeit der Betonpfeiler präsentiert mir der E8 jetzt stolz sakralen Schmuck – allerdings in lieblosem Ambiente. Der Dom in Worms ist umzingelt von mehrstöckigen Wohn- und Geschäftshäusern, die mich an Behördenflure erinnern. Von keiner Seite ist der Blick auf die Kirche tatsächlich frei. Statt von Kaffees und Blumenläden ist der Dom umzingelt von braunen Wänden, Straßen und Parkplätzen. Ein Zusatzpunkt für die Talbrücke also.

Erst von Weitem ist zu sehen, wie sich der Dom aus der städtischen Enge erhebt. Auf der Nibelungenbrücke, die den Rhein überspannt, zeigt er sich rot leuchtend in seiner ganzen Souveränität.

Und als wäre ein Dom inmitten von einförmigen Häuserklötzchen nicht genug, setzt der E8 noch eins drauf. Die Wormser Liebfrauenfrauenkirche wirkt, als hätte sie jemand aus Versehen dort abgestellt. Fast so pompös wie der Dom ist sie die einzige erhaltene gotische Kirche der Stadt. Umgeben von Weingärten, gelegen am Ortsrand, tut sie so, als wäre sie immer noch die Herrscherin ihres Königsreichs. Dabei ist ihr das nahegelegene Industriegebiet längst auf die Pelle gerückt. Die Kirche grenzt direkt an den Wormser Hafen, angeschlossen an die B9, Autowerkstätten und Tankstellen ganz in der Nähe. Kräne strecken ihre Hälse in den Himmel. Container stapeln sich am Fluss. Hinter der Kirche liegen Gebäude, deren Zweck ich nicht kenne. Sie erinnern mich an Kraftwerke oder Müllverbrennungsanlagen. Neben den Reben parken Lkw auf brüchigen Straßen.

Bald erreichen mein Freund und ich auf dem E8 den Odenwald. Ich werde mich dort wahrscheinlich langweilen. Nur Bäume, Felsen und Burgen. Wie schön. Wie hässlich.

E8 – von Monsheim nach Biblis

Land: Deutschland

Anreise: Monsheim ist von Mannheim aus mit der Bahn erreichbar. Der E8 liegt in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs. Wer die Strecke in umgekehrter Richtung laufen möchte, kann in Biblis beginnen. Nach Biblis könnt ihr ebenfalls mit dem Zug anreisen.

Gehzeit: 1,5 Tage für rund 28 Kilometer (23. und 24. Mai 2020)

Herausforderungen: Die Strecke ist absolut flach, gut beschildert und nutzt meist landwirtschaftliche – häufig auch geteerte – Wege. Ihr folgt im Wesentlichen dem gelben Quadrat des Vier-Länder-Wegs. Einige Streckenteile verlaufen schnurgereade über Feld und Flur und ziehen sich wie Kaugummi. Für diese Abschnitte solltet ihr unbedingt Hut und Sonnenmilch einpacken, wenn ihr im Sommer unterwegs seid, denn es gibt dort keinen Schatten.

Höhepunkte: Talbrücke Pfeddersheim, Karl-Bittel-Park, Wormser Dom (der Dom liegt nicht direkt am Weg, ihr müsst einen Abstecher in die Stadt machen, wenn ihr die Kirche besuchen wollt), Lutherampel in Worms, Überquerung des Rheins auf der Nibelungenbrücke, Nibelungenturm, Storch

Du interessierst dich für Fernwanderwege? Dann schau dir die Berichte zum Bibbulmun an, einer tausend Kilometer langen Route in Australien.

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. lecw sagt:

    Seid schon mal gewarnt: Zwischen Lautenbach und Dinkelsbühl in Franken verliert sich der E8 im Gestrüpp!
    Schaut doch noch mal beizeiten bei uns rein: Auf unserem Deutschlandweg waren wir ja einige Tage auf ebendiesem E8 unterwegs. Wir haben uns oft gefragt, wie der wohl weiter vorne und hinten weitergeht. Echt spannend, euer Projekt! 😁

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    1. Jana sagt:

      Unbedingt schaue ich bei euch vorbei. Und für den genannten Abschnitt packe ich die Machete ein.

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  2. Jana at her best 😂😂
    Das wäre mal ein tolles Thema für ein Roundup: meine hässlichste Wanderung.
    Ich habe mich köstlich amüsiert, aber ich musste mich ja auch nicht durch die landschaftliche Kloake kämpfen.

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    1. Jana sagt:

      Liebe Audrey, wir können ja ein Round-up starten. Ist wirklich eine witzige Idee! Dann küren wir die schönste hässlichste Beschreibung eines Wanderwegs. Natürlich sind wir zwei dann die Jury 🙂

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      1. Vielleicht sollten wir uns darüber tatsächlich Gedanken machen. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr gefällt mir die Idee. Es wäre mal eine schöne Gegenbewegung zu all den Begeisterungsausbrüchen 😉

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      2. Jana sagt:

        Okay, lass uns doch mal telefonieren! Vielleicht haben andere aus der Wanderblogger-Community auch Lust. Ich schicke dir eine PN.

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