Odenwald: Schweigegelübde

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Frühlingswanderung auf dem St. Jost Pilgerweg

An manchen Tagen denke ich darüber nach, es dem Heiligen Jost gleichzutun und mich als Einsiedler im Pfälzerwald niederzulassen. Ich würde mir eine gemütliche Höhle ohne Fledermäuse aussuchen. Dort hätte ich meine Ruhe, würde – der Welt entrückt – anfangen, mit den Meisen zu sprechen, ein paar Wunder tun und den ganzen Tag barfuß laufen. Mein Freund meint dazu, ich könne ja in eine Höhle ziehen, aber er würde daheim bleiben. Immerhin hat er zugestimmt, mich im Fall der Fälle ab und zu im Wald zu besuchen.

Der Heilige Jost hat in einer Klause gelebt. Ich werde meinen Freund fragen, ob er mitkommt, wenn ich in eine Klause ziehe. Das klingt doch irgendwie gemütlich. Wenn dann noch mal Pandemie ist, ist Social Distancing für uns kein Problem mehr.

Noch wohne ich aber in einer Zweizimmerwohnung in Mannheim. In Höhlen oder klausenartigen Unterkünften übernachte ich nur auf Wandertouren. Aber immerhin rund fünfundvierzig Minuten lang bin ich in die Fußstapfen des Heiligen Jost getreten – auf einem nach ihm benannten ökumenischen Pilgerweg im Odenwald.

Der Heilige Jost, auch Jodocus, Joost und Jodelet genannt, war ein Prinz, der um das Jahr 600 in der Bretagne geboren wurde. Wahrscheinlich hatte er, oder zumindest sein Papa, ziemlich viel Kohle. Er wurde trotzdem lieber Einsiedler als König. Ob sein Papa das gut fand, steht im Heiligenlexikon nicht.

Einfach mal die Klappe halten

Ein Schild auf dem St. Jost Pilgerweg lädt mich ein, einfach mal die Klappe zu halten. Ich lege ein Kurzzeitschweigegelübde ab. Sollte ich sowieso öfter tun. Das Rumschnattern sein lassen, zuhören und nicht mit jedem Gedanken, der mir durchs Hirn schießt, die Welt belästigen.

Mit dem Schweigen kannte sich Jost wahrscheinlich ziemlich gut aus. Acht Jahre lebte er in seiner Klause. Außerdem war er ein eifriger Pilger. Einst soll er seine Krone zu Boden geworfen haben, um mit einer Pilgergruppe auf große Reise gehen zu können. Jost gilt noch heute als Patron der Pilger. Nur ganz so berühmt wie der Heilige Jakobus ist er nicht.

Von der Ruine der St. Jost Kapelle in der Nähe von Fischbachtal  bis zum Rastplatz »Zwölf Apostel« soll man das Plaudern einstellen. Die Strecke ist knapp drei Kilometer lang. Challenge accepted – mögen die Schweigeexerzitien beginnen!

Mein Freund ist ebenfalls bei der Pilgerübung dabei. Auf dem durchwurzelten Waldpfad geht er vorneweg. Ich bin mit mir und meinen Gedanken allein. Sofort passiert etwas Seltsames. Freiwilliger Verzicht ist ein Gewinn – und wenn es auch nur der Beschluss ist, für ein paar Minuten den Mund zu halten. Ich werde ruhig, muss weder unterhaltsam noch tiefsinnig sein, die Welt braucht kein Briefing von mir. Dann wird es um mich herum lauter, als hätte der Wald nur darauf gewartet, dass er auch mal zu Wort kommt. Wind schwebt durch die Buchen, Laub flüstert, ein Specht hämmert. Tirili, tschilp, zilp, piep. Steinchen knirschen unter meinen Füßen.

Mein Freund zeigt auf ein paar Wollschweber – flauschige Insekten, die aussehen wie eine misslungene Kreuzung  zwischen Hummel und Stubenfliege. Sie surren über den Waldboden, ihre langen Rüssel voraus.

Der Schweigeabschnitt gehört zu den weniger abwechslungsreichen Teilstrecken des Pilgerwegs. Wir laufen lange auf einem schnurgeraden breiten Pfad am Waldrand entlang. Es wirkt fast so, als sollte die Strecke nicht allzusehr von der inneren Einkehr ablenken. Ein paar Mountainbiker treten vor uns in die Pedale, ein älterer Herr spaziert vorbei.

Besonders viel los ist nicht, obwohl es ein Genießertag ist: Die Obstbäume tragen Kleider aus weißer und rosafarbener Spitze. Löwenzahl streckt sich der Sonne entgegen. Alles sieht frisch und saftig aus. Später werden wir Waldmeister sammlen. Ich werde das Kraut in die Seitentasche meines Rucksacks packen, und der Duft wird zu mir nach vorne wehen. Es werden sich Wiese an Dorf, Dorf an Wald, Brunnen an Kirchen, Fernsicht an Felsen und Wildblumen an Aussichtsturm reihen. Der Odenwald wird unterschätzt.

Ein Gräberfeld am Waldrand

Kurz vor dem Ende des »Stillen Pfads« kommen wir an einen Ort der ewigen Ruhe, dem Bestattungswald der Gemeinde Fischbachtal. Die Gräber liegen am Fuße der Bäume, zwischen denen sich schmale Pfade schlängeln. Es gibt weder Grabsteine noch -schmuck. Vielleicht ist es doch nicht so schlimm, wenn alles irgendwann still wird, denke ich.

An einem Familien- oder Freundschaftsbaum können bis zu zwölf Personen ruhen. Kleine Schilder erinnern an den Toten. Am Eingang des Areals steht eine moderne Holzskulptur: eine Frau umarmt ein Kind, das sich an ihre Brust drückt. Wie einen Mantel hat sie die Arme um das Kind ausgebreitet. Von einer kleinen Schutzhütte aus geht der Blick hinaus auf die ausgedehnten Felder des Odenwalds. Ein paar Bänke reihen sich um die Skulptur. Es ist ein guter Ort zum Weinen.

Hinter dem Friedhof treten wir aus dem Wald hinaus ins Licht. Die Schweigezeit ist vorüber. Wir sind auf der Nonroder Höhe angekommen und machen bei den »Zwölf Aposteln« Rast: ein paar Bänke umgeben von einem 360-Grad-Odenwald-Panorama und – wie ich annehme – zwölf Bäumen. Ich habe vergessen nachzuzählen.

Der Pilgerweg hat hier eine neue Aufgabe für uns. Wir sollen einen Stein den nächsten Anstieg hinauftragen, ihn oben ablegen und mit ihm all das, was wir loswerden wollen. Ich packe einen Stein in meinen Rucksack. Ein Heiliger wird aus mir nicht mehr, aber vielleicht doch noch ein passabler Pilger. Der Weg ist ja noch nicht zu Ende.

Odenwald: St. Jost Pilgerweg

Land: Deutschland

Anreise: Wir sind mit dem Auto angereist; Fischbachtal ist aber beispielsweise von Darmstadt aus auch mit Bus und Bahn erreichbar (Haltestelle: Fischbachtal-Lichtenberg Waldstraße). Auskunft gib es beim Rhein-Main-Verkehrsverbund.

Gehzeit: gut fünf Stunden für rund 24 Kilometer (11. April 2020)

Herausforderungen: Für den St. Jost Pilgerweg braucht man aufgrund der Länge etwas Kondition. Ansonsten ist die Tour aber nicht schwierig. Die Anstiege sind sanft; die Wege meist breit und gut begehbar. An verschiedenen Stellen lässt sich die Tour auch abkürzen. Es gibt viele Rastplätze und Einkehrmöglichkeiten. Markierungen (J1) sind ebenfalls ausreichend vorhanden, sodass die Orientierung einfach ist.

Höhepunkte: Schloss Lichtenberg, »Stiller Pfad«, Rastplatz »Zwölf Apostel«, Felsen auf dem Rimdidim, zutrauliche Katze, Kirchen, Frühlingsblumen, Wollschweber

Du findest Pilgern spannend? Dann interessierst du dich vielleicht für den Kumano Kodo, einen japanischen Pilgerweg, den ich 2019 gelaufen bin.

Auf Facebook und Instagram gibt es übrigens weitere Bilder und ab und zu auch Tourentipps. Schau gerne mal vorbei!

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