Tirol: Wollsturm

Normalerweise fürchte ich mich nicht so schnell. Zumindest nicht vor Schafen. Aber wenn zwei kräftige Exemplare mit langen spitzen Hörnern die Wiese hinab direkt auf mich zu galoppieren, ist es an der Zeit für Herzklopfen und aufgestellte Nackenhaare. Die wilden Wollknäuel sehen aus wie Wikinger, die sich eine überdimensionierte Version eines Hipster-Barts haben wachsen lassen, der das gesamte Gesicht bedeckt.

Die Felltornados gewinnen an Geschwindigkeit, während ich versuche, das Gefahrenpotenzial der Wikinger einzuschätzen. Greifen Schafe Wanderer an? Hörner an Schienbein gleich Trümmerbruch? Wie lenke ich eine Tierlawine ab?

Keine Chance gegen wilde Wikinger

Links von mir geht es steil runter, rechts brausen die Schafe heran, meine Optionen scheinen mir spärlich. Ich bin weder auf einer Schaffarm aufgewachsen, noch kann ich langjährige Erfahrungen im Umgang mit Huftieren vorweisen. Die Wikinger sind flinker und beweglicher als ich. Und in der Überzahl.

Tirol, das klang so friedlich. Nach Almkäse und Kaspressknödeln, nach eisigen Bergseen und Gipfelkreuzen auf grauen Steinen. Nicht nach Godzilla in Flauscheform.

Ich will von Niedergallmigg über Fließ nach Landeck, aber die Schafe trampeln mir entgegen, und ich bewege mich nicht vom Fleck. Neun Mal droht eine Kirchturmuhr mit High Noon, eine Oberleitung summt ein zittriges Lied, und von den Hängen schält sich der Morgennebel. Mich umgibt eine Kulisse düsterer Vorahnungen in abgelegenen Alpentälern: Über meinen Leichnam werden die Nacktschnecken kriechen, die einzigen anderen lebenden Wesen, die an diesem Morgen durch den Nieselregen ziehen, der sich in den Almwiesen verfangen hat. Auf rund Tausend Metern Höhe ist die Sommerluft kühl.

Handy zur Beweissicherung

Die Zottelwikinger sind jetzt ganz nah. Ich höre sie schnaufen und schalte das Handy an. Jeder soll sehen, dass der Erstschlag von den Schafen ausging. Einer der Wikinger verharrt kurz, als wolle er seine Überlegenheit noch einen Moment länger genießen, bevor er mich niederrennt. Er zupft ein Blümchen und schießt dann weiter, ohne mich aus den Augen zu lassen. Ich überlege, eine Nacktschnecke zu pflücken und ihm als Opfer darbieten.

Hallo, Schafe!, flüstere ich den Wikingern entgegen. Ich komme in Frieden.

Wie ich später erfahren werde, handelt es sich bei den beiden wolligen Brocken um Walliser Schwarznasenschafe. Laut Wikipedia sind sie bestens an das Hochgebirge angepasst. Sie können gut klettern und wiegen bis zu einhundert Kilogramm. Beides kann ich von mir nicht behaupten.

Die Wikingerschwarznasen bremsen ab und umkreisen mich. Mein Gang stottert. Wie ein Fahranfänger ruckele ich vorwärts, versuche, die Schafe nicht zu berühren. Weiches dauerwelliges Fell streift mein Bein.

Geben die Schafe mir Geleitschutz?

Die Schwarznasen nehmen mich in ihre Mitte, mir bleibt nichts übrig, als mit den unheimlichen Wärtern weiterzuwandern. Bergauf sind sie etwas langsamer und sehen nicht mehr so bedrohlich aus. Vielleicht wollen sie mich nur beschützen? Oder sehnen sich nach Gesellschaft? Hoffen, dass ich ihnen das Gatter öffne, damit sie in die Freiheit entfliehen können?

Ich gewöhne mich an meine Begleiter und mache ein bisschen Smalltalk mit ihnen – wo sie hinwollen, was so geht auf ihrer Alm, als sie plötzlich beschleunigen und auf eine Hügelkuppe zuspurten, auf der ein Wassertrog steht. Die Wikinger saufen, wie es sich für Wikinger gebührt.

Mich lassen sie zurück; sie interessieren sich nicht mehr für mich. Haben sie nie. Sie hatten Durst. Mehr nicht.

Tirol: Niedergallmigg nach Landeck über die Via Claudia Augusta

Land: Österreich

Anreise: Niedergallmigg ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht erreichbar. Man kann die Tour von Fließ aus starten, das Örtchen hat eine Busanbindung nach Landeck.

Gehzeit: etwa drei Stunden für rund zehn Kilometer (12. Juli 2019)

Herausforderungen: Der Weg von Niedergallmigg führt zunächst steil bergab, dann wieder steil hinauf, bevor es von Fließ aus weitgehend flach die alte Römerstraße Via Claudia Augusta nach Landeck entlangeht. Die Via Claudia Augusta ist gut ausgeschildert, der Weg ist einfach. Lediglich am Ende geht es noch in einigen etwas steileren Serpentinen bergab.

Höhepunkte: Regenbogen über dem Inn, überdachte hölzerne Fußgängerbrücke über dem Inn, Himbeeren im Wald, Kappellen und Bildstöcke, Immaculatabrunnen in Fließ Almwiesen, Walliser Schwarznasenschafe, Bergkulisse, Blick auf die katholische Pfarrkirche Heilige Barbara

 

Du magst Schafgeschichten? Dann findest du auf dem Blog ein weiteres Wanderabenteuer, bei dem Rhönschafe und Pandas im Mittelpunkt stehen.

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