Schwarzwald: Dichterparasit

Einen Moment lang habe ich überlegt, mir die Kleider vom Leibe zu reißen, um als Nackedei auf Hermann Hesses Spuren zu wandeln. Die Calwer hätten dafür Verständnis. Hesse hat das so gemacht. Es gibt einschlägige Fotos von ihm: Vom Kraxeln hat er einen knackigen Hintern bekommen.

Mitte März erschien mir das dann aber doch zu verwegen. Auf den Spuren Hermann Hesses rund um Calw wollte ich mich immerhin gedanklich des Wanderburschen Heimatverliebtheit ergeben und mich im weißen Sonnenstrahlenmeer in frühlingshafte Jugendfrische tauchen.

Vöglein hießen mit zarten Liedern erste Knospen willkommen. Im Tale kühlten die Schatten edler Tannen (Anmerkung: edle Tannen sind auf einem Hesse-Weg unverzichtbar) das Moos, während vorwitzige Krokusblüten ihre Köpflein gelb und violett und weiß dem wärmenden Lichte entgegenreckten, voller Gottvertrauen gen Himmel wachsend. Die Natur mit einem Loblied besingend, in Gedanken an längst vergangene Jugendjahre (Anmerkung zwei: nostalgische Verklärung der eigenen Jugend ist ebenfalls unverzichtbar), schwebte in der Frühlingsluft des Dichters Geist.

Ähm, ja.

Ich erwartete hinter der nächsten Tanne, dem Steppenwolf zu begegnen. Oder Siddhartha. Oder dem Weltgeist. Es hatte mich erwischt.

Oh, Wurzeln, Wand’rer, Sonnenmeer,

ein Parasit, gefährlich

im Wind um Calw

die Luft durchschwebt.

Da Hermann Hesse

hier gelebt

ein Keim, ein Virus,

seiner Zeit

aus Kitsch und Kunst besteht.

Was hilft,

ist keine Therapie,

des Dichters Geist verschwindet erst,

wenn du and’re Wand’rer siehst.

Sie sagen dir:

Ach, gute Frau, Sie reden komisch,

sonderbar.

Zu viel Blabla

von edlen Tannen, Jugend, Nebelschwaden.

Hesse fordert klar Tribut,

doch zu viel,

das tut nicht gut.

 

Schwarzwald (Rundwanderweg „Auf Hermann Hesses Spuren rund um Calw“):

  • Land: Deutschland
  • Anreise: mit der Regionalbahn von Heidelberg (z.B. über Karlsruhe-Durlach und Pforzheim) nach Calw
  • Länge: 17,4 Kilometer
  • Gehzeit: ca. 6 Stunden (11. März 2017)
  • Höhepunkte: Zavelsteiner Krokuswiesen (wie der Name schon sagt: im Frühjahr voller Krokusse), Burg Zavelstein, Mini-Wildschweine, Reh
  • Herausforderungen: Die mehrseitige Wegbeschreibung der Stadt Calw enthält allerhand Wissenswertes über Hermann Hesse, vergisst dafür allerdings dem Wanderer an der einen oder anderen Stelle klar zu erklären, wo und wann er abbiegen muss. Sätze wie „Sobald man das Brückle, hoffentlich unbeschadet, hinter sich gebracht hat“ haben mich zusätzlich verwirrt, da ich eine geradezu lebensgefährliche Brücke erwartet habe – aber es war dann nur eine kleine, harmlose Straßenbrücke über einen Bach. Die Wege um Calw sind zudem so gut beschildert, dass man manchmal mehrere Alternativen hat, um zum nächsten Etappenziel zu kommen. So kommt man auf jeden Fall wieder irgendwohin, ob es allerdings genau die geplante Strecke oder eine Alternative war, bleibt ungewiss.

 

Mehr Lesestoff

  • Die taz-Kolumne schildert Hermann Hesses ambivalentes Verhältnis zu seiner Geburtsstadt Calw, in der der Wanderweg beginnt.
  • Ein Gedicht von Hesse zur Einstimmung auf den Weg darf nicht fehlen: Achtung, Im Nebel macht melancholisch!

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