Pfalz: Bin ich schön?

Novemberwanderung auf dem Leininger Burgenweg – Von Glühweinkatastrophen, einem Adelsgeschlecht und dem Stöhnen der A6

Rüben stapeln sich am Rand der Äcker. Wie die Häupter geköpfter Revolutionäre warten sie auf ihren Abtransport. Vielleicht in einen Stall, in dem es wärmer ist und nach Kühen riecht. Über den Rüben liegen fleckige Planen.

Es ist der erste Advent, und ich könnte bei Kerzenschein im Wohnzimmer an Weihnachtsplätzchen knabbern. Stattdessen gleite ich mit Freunden durch das Novembergrau, das so appetitlich daherkommt wie das Putzwasser, nachdem ich damit die gesamte Wohnung geschrubbt habe. Meistens schwimmt im Putzwasser mindestens eine verendete Stubenfliege, die ich unter einem Schrank hervorgekehrt habe. So fühle ich mich an diesem Tag: Ich bin ein totes, nasses Insekt inmitten von Haaren und abgestorbenen Hautschuppen.

Der Sommer ist vorbei. Basta. Der November zeigt mir meine Stubenfliegenendlichkeit. Der Winter – der Typ mit seinem edlem Schneegewand – ist weit weg, treibt sich noch in nördlicheren Gegenden herum. Der Leininger Burgenweg also. Dem November zum Trotz.

Premiumwandern samt Videoführung

Die geplante Route ist rund zweiundzwanzig Kilometer lang und als Premiumweg ausgzeichnet. Sogar Audio- und Videodateien gibt es, die der kulturhistorisch interessierte Wanderer an markanten Punkten auf seinem Smartphone studieren kann. Es geht um das Jägerkreuz und dessen geheimnisvolle Geschichte oder den Nackterhof, dessen Name nichts mit Nackedeis zu tun hat, sondern aus dem Mittelhochdeutschen stammt: »Nack« bezeichnet einen nackenartigen vorspringenden Höhenzug. Wer ein bisschen angeben will, zieht sich im Vorfeld der Tour die Videos rein und kann so unterwegs hervorragend klugscheißen. Ich entdecke die Videos leider erst, nachdem ich längst wieder zu Hause bin.

Schiefgehen kann auf so einem Premiumweg nicht viel: Immer der schwarzen Burg auf gelbem Grund hinterher. Es ist nicht nicht der einzige Premiumwanderweg im Leininger Land. Der Leininger Klosterweg ist ebenso empfehlenswert; außerdem führen Teile des Pfälzer Weinsteigs durch die Gegend.

Mit vier Freunden starte ich die Tour in Neuleiningen am Parkplatz. Die Erde auf den Äckern ist offen wie der Schlitz auf einem Brötchen. An den Weinstöcken sind die Reben schwarz geworden: Gespensterwetter. Ich hoffe, dass einige der Leininger Grafen, die über Jahrhundert über die Gegend geherrscht haben, aus ihren Gräbern kriechen und uns ein wenig über ihr Schicksal erzählen. Aber selbst Geistern ist das Wetter zu gruselig, und so bleibt mir nur der Wikipedia-Eintrag zum Adelsgeschlecht der Leininger, der so lang ist, dass ich sofort wieder aufgebe.

Während die Leininger Grafen in der Gruft Canaster spielen, kriecht die Nässe in die Ritzen zwischen meiner Jacke und meinem Schal. Der Himmel senkt sich schwer in die Täler, als hätte er nicht mehr die Kraft, sich oben zu halten. Die Hügel der Pfalz sehen aus wie die haarigen Rücken sehr alter Männer.

»Bin ich schön?«, säuselt die Pfalz. »Liebst du mich, auch wenn keine Straußenwirtschaft geöffnet ist? Ich keine Sonnenstrahlen durch die Baumkronen jage? Die Ameisen unter der Erde sind? Meine Haut feucht und kalt ist?«

»Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht könntest du wenigstens das Licht anknipsen?«

Es bleibt finster. Wir laufen an offenen, längst abgeernteten Feldern entlang, zum Teil voller Rübenruch. Der Matsch verklebt die Ritzen meiner Turnschuhe. Die schweren Wanderschuhe wollte ich noch nicht anziehen. Der Winter soll ja erst noch kommen. Auf einer Freifläche stehen Dutzende von Bienenstöcken. Die Bienen sind nicht zu sehen. Es ist still, bis auf die A6 die nur wenige Kilometer nördlich verläuft. Sie stöhnt, als hätte jemand den alten Männern mit den haarigen Rücken ein paar Rüben über den Kopf gezogen. Unter der Woche, wenn die Lkw fahren, muss es noch lauter sein.

Lange Unterhosen, dicke Strümpfe, Handschuhe und eine Tasse Malzkaffee im Thermosbecher. Für den Abend ist Regen vorhergesagt. Immerhin bin ich vorbereitet.

Kamelkopffelsen: Ein Heißgetränk gegen Kälte

Gehen den Novemberblues hilft Alkohol. Ob man sich Landschaften schöntrinken kann? Mitwanderer A. hat Glühwein und seinen Spirituskocher eingepackt. Wir rasten im Wald gegenüber des Kamelkopffelsens, den Moose und Flechten besidelt haben. In den Stein krallt sich eine Kiefer. Über uns laufen ihre Äste wie eine verzwirbelte Telefonschnur, die niemand mehr entwirren möchte.

A. baut den Kocher auf. Sogar eine kleine Teekanne hat er dabei. In unseren Rucksäcken tragen wir zwei Flaschen Glühwein, Becher und einen Stollen.

Als der Kocher steht, fällt A. auf, dass er das Feuerzeug vergessen hat. Die zwei Mountainbiker, die unterhalb des Felsens entlangdonnern, schütteln bedauernd den Kopf. Sie haben kein Feuer im Gepäck.

Also lassen wir uns den Stollen schmecken und sinnieren darüber, ob wir nicht doch irgendetwas dabei haben, mit dem sich ein Feuer entzünden lässt. A. schlägt sein Messer gegen den Stein, aber außer einem Geräusch, das irgendwo zwischen Schaben und Kratzen liegt, bleibt die Sache wirkungslos. Ein Brennglas? Keine Sonne. Einen Feuerstein suchen? Dauert zu lange. Wir ergeben uns unserem Schicksal, den ersten Advent glühweinlos verbringen zu müssen. Puderzucker knirscht zwischen unseren Zähnen. A. baut den Kocher wieder ab und seufzt.

Als auf dem schmalen Pfad zum Kamelkopffelsen ein Mann auftaucht, der eine Zigarette in der Hand hält, nutzen wir unsere Chance. A. klettert vom Felsen hinunter, den Brenner des Kochers in Händen. Der Mann gibt ihm Feuer, und A. trägt das Flämmchen wie die olympische Fackel wieder zu unserem Rastplatz hinauf. Der Glüchwein schmeckt fruchtig und vertreibt die nasskalten Gedankengespenster.

An die zweite Flasche trauen wir uns nicht mehr heran. Wir haben gerade einmal rund die Hälfte der Strecke geschafft. Als A. die Utensilien wieder verstaut und seinen Rucksack samt Glühwein Nummer zwei kurz auf dem Stein ablegen will, treffen sich Glas und Stein in ungünstiger Position. Die Flasche bricht. A. schüttet den Glühwein aus seinem Rucksack, Kiefernadeln färben sich dunkel, der Wein versickert. Ich habe das Gefühl, als hätte die Pfalz nur darauf gewartet, dass wir ihr ein solches Opfer bringen. Den Stollen können wir vor dem Glühweinbad in Sicherheit bringen. Die Scherben tragen wir zum nächsten öffentlichen Mülleimer.

Aussicht auf die Rheinebene

Zweiundzwanzig Kilometer fühlen sich bei Putzwasserwetter ziemlich lang an. Für längere Pausen ohne Glühwein ist es zu kalt. Wir müssten uns sputen. Bereits am Nachmittag wird es dunkel. Trotzdem machen wir noch einen Abstecher zur Burgruine Battenberg, die im Sommer mit ihren riesigen Rosmarinsträuchern wie ein Stück Mittelmeer wirken muss. Das Restaurant am Burghof hat noch geschlossen. Wir schauen hinunter ins Rheintal, reiben uns die Hände und steigen die letzten Höhenmeter nach Neuleiningen empor – wieder an Weinhängen entlang, die nach und nach in der Dunkelheit verschwinden.

In Neuleiningen beginnt es zu schneien. Es ist kein winterlich-wunderbares Gestöber, sondern Schneematsch, der plump vom Himmel platscht. Die Fachwerkhäuser von Neuleiningen kuscheln sich aneinander, als hätten sie Angst vor der kommenden Nacht. Durch die Fenster leuchten die Weihnachtssterne.

Wir hatten Neuleiningen bereits vom Weg aus gesehen. Das Örtchen drängt sich auf eine Hügelkuppe unterhalb seiner Burg und wirkt von der Ferne wie ein Stück Mittelalter, das sich ins 21. Jahrhundert verirrt hat. Wenn ich eine Stubenfliege wäre, würde ich mich in Neuleiningen einnisten und auf den Sommer warten. Und wenn nicht Corona wäre, würde ich in eine der Stuben einkehren, eine Weinschorle trinken und warten, bis meine Füße aufgetaut wären.

Auf der Fahrt nach Hause nicke ich ein und träume vom Sommer. Meine Jacke duftet nach Winter. Hinter den Scheibenwischern verschwimmen die Lichter der Straßenlaternen von Neuleiningen. »Natürlich bist du schön, liebe Pfalz!«, denke ich. »Ich kann dir noch nicht einmal im November widerstehen.«

Pfalz: Rundwanderung auf dem Leininger Burgenweg

Land: Deutschland (Rheinland-Pfalz)

Anreise: Neuleiningen ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen, allerdings nicht besonders gut. Von Grünstadt aus fährt ein Bus zur Haltestelle Neuleiningen, Kreuz. Von dort aus ist es nicht weit bis zum Ausgangspunkt der Wanderung.

Gehzeit: rund 5,5 Stunden für etwa 22 Kilometer und 429 Höhenmeter (28. November 2021)

Herausforderungen: Der Leininger Burgenweg ist gut ausgeschildert, enthält aber einige knackige Steigungen, für die ein wenig Kondition nicht schadet. Ausgesetzte oder schwierige Stellen gibt es nicht. Die größte Herausforderung im November: warm bleiben!

Höhepunkte: Kamelkopffelsen, Pilze, Burgruine Battenberg, Blick auf Neuleiningen, Fachwerk in Neuleiningen, Glühwein und Stollen

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