Nationalpark Hunsrück-Hochwald: Apfelbaumkind

[Werbung*] Ich stamme von einem Apfeldieb ab. Laut Familiensaga hat meine Oma meinen Opa dabei erwischt, wie er als fescher junger Mann in der Astgabel eines Apfelbaums hockte und sich an den verbotenen Früchten gütlich tat. Zwischen warzengesichtigen Äpfeln und zappelnden Raupen schaute er, bei seiner Missetat ertappt, hinab auf seine künftige Frau fürs Leben.

Mein Opa war Bayer, aber die Nachkriegszeit hatte ihn in den Hunsrück gespült, wo die Äpfel eher säuerlich schmecken und oft kaum größer werden als ein Golfball. Er blieb, trotz der fragwürdigen Apfelqualität, in dem Mittelgebirge zwischen Rhein, Mosel, Nahe und Saar kleben, das die meisten fälschlicherweise irgendwo in der Pfalz verorten. Jahrzehnte später kam ich auf die Welt: ein Hunsrücker Windelpupser und Apfelbaumkind.

Eine Wand voller Wanderorden

Dass ich an diesem Herbsttag mit knapp zwanzig anderen Wander-, Outdoor- und Reisebloggern im tiefsten Hunsrück durch ledriges Laub pflüge, verdanke ich dem Opa. An der Wand in seinem Arbeitszimmer hingen Orden – so viele, dass ich sie nie gezählt habe. Er hatte sie an den Volkswandertagen bekommen, die früher, als es noch kein Netflix gab, wohl eine beliebte Freizeitbeschäftigung gewesen sein müssen. Ich hätte damals Poster von David Hasselhoff als Wandschmuck besser gefunden, aber mein Opa wollte sich wohl nicht von einem Brusthaartiger in Lederjacke angrinsen lassen.

Wahrscheinlich brauchte der Opa viel Frischluft, denn er arbeitete auf einem Amt und dort war die Luft bestimmt trocken und staubig von all den Akten. An Wanderschuhe erinnere ich mich nicht, aber daran, dass mein Opa Jogging-Anzüge von Adidas trug, beim Gehen die Hände hinter dem Rücken verschränkte und gerne auf Bänken saß.

Vielleicht hatte er die größte Wanderordensammlung im Ort. Das hinterlässt Spuren im Kinderkopf. Und dass der Opa ziemlich viel im Hunsrück herumspaziert ist, gerne mit Stock und Hut, denn er hatte eine prächtige Glatze. Als Enkelkind hat er mich in die Landschaft getaucht wie einen Pinsel in einen Farbtopf – ganz geht die Farbe nicht mehr ab, selbst wenn ich seit rund zwanzig Jahren nicht mehr im Hunsrück wohne und mich mit Stadtluft gewaschen haben.

Der Hunsrück hat sich in mir festgesetzt wie die Gene meines Opas, eingewachsen wie eine kleine unscheinbare Perle: das Karge, das Zurückhaltende, das Einfache, Eigenbrötlerische und manchmal Mürrische. Auf den ersten Blick abweisend-pampig, auf den zweiten deftig-herzlich – vielleicht so eine Art Eintopf, in den reinkommt, was gerade da ist. Im Hunsrück aber auf jeden Fall mit Kartoffeln.

Abseits der Aufmerksamkeit

Der Hunsrück steht selten im Zentrum medialer, politischer oder touristischer Aufmerksamkeit. Eine vergessene Insel, auf die sich früher kaum ein Tourist verirrt hat: Wenn Südtirol zum Hochadel landschaftlicher Geschlechter gehört, stammt der Hunsrück von einer Bauernmagd ab – von einer mit viel Speck auf den Hüften, Flecken auf dem Kittel, schlechten Zähnen und fahler Haut. Sie backt Apfelkuchen, schält Kartoffeln und wärmt sich die knubbeligen Finger am Ofen; die Jahresdurchschnittstemperatur im Hunsrück liegt auf den höheren Kammlagen bei gerade Mal fünf bis sechs Grad.

Jetzt hat man die Bauernmagdtochter in den landschaftlichen Adelsstand erhoben. 2015 wurde der Nationalpark Hunsrück-Soonwald eröffnet, rund 14.000 Fußballfelder groß. Er gehört zur selben Klasse wie Yosemite oder Yellowstone. Nur die Touristenströme fehlen noch. Immerhin war der Bundespräsident mit 180 Diplomaten im Schlepptau schon da. Und jetzt sind wir Blogger geladen, um im digitalen Äther ein Loblied auf das Wander- und Erholungsparadies Hunsrück anzustimmen. Meinen Großvater hätte das sicher amüsiert. Einen Blog hat er nie gelesen, aber Wandertagebücher geführt: blauer Kuli in karierten Heften. Noch so eine Gemeinsamkeit.

Zwischen Abenteuerversprechen und Lonely-Planet-Geheimtipps wirkt der Hunsrück noch ein wenig verloren, vielleicht auch ein bisschen bockig. Die neue Rolle fällt der Bauernmagdtochter schwer. Ich höre sie seufzen. So viel Verantwortung für Schwarzstorch und Rauhfußkauz! Mein Opa hat nicht viel Aufhebens um diese Landschaft gemacht. Der Hunsrück ist es nicht gewohnt, dass sich irgendwer für ihn interessiert. Die Tourismusverbände helfen nach und schminken den selbstgenügsamen Landstrich mit Infotafeln, Prospekten und Webseiten.

Sensationsfund: die Hunsrücker Warzenflechte

Touristische Geburtsschmerzen hin oder her – es gab es schon erste Entdeckungen im Nationalpark. Dass es sich bei dem Sensationsfund ausgerechnet um eine Flechte handelt, passt ins Bild. Sie sieht aus wie eine Mischung aus den Altersflecken auf der Glatze meines Opas und Schimmel, der sich unter einer feuchten Tapete ausgebreitet hat. Die Fachwelt ist entzückt, sonst dürfte sich kaum jemand für die Hunsrücker Warzenflechte interessieren. Für den Laien ist sie nicht von anderen Flechten zu unterscheiden.

Die Bauernmagdtochter ist keine klassische Schönheit, aber ich weiß um ihren heimlichen Glanz: aufgebrochene Äcker, befallen vom Frost, Bündel von Schlüsselblumen, schwirrender Raps und Hügel, die wie das Bauchfett der schlafenden Magd daliegen, in den Falten Bäche und an den Hängen die Dörfer, die sich ins Tal ducken – nur der Kirchturm guckt oben raus.

Durch die Wildnis auf den höchsten Erbeskopf

Die Bloggerwandergruppe ist auf dem Weg zum Erbeskopf – der höchsten Erhebung in Rheinland-Pfalz. Mit 816 Metern nicht gerade ein Berg der Superlative. Wir laufen durch Wald, der Wildnis werden soll. An totem Holz haben sich kopfgroße Baumpilze festgesaugt. Moose kriechen über Baumstümpfe und Felsen. Viele Forstwege im Nationalpark lässt man jetzt zuwuchern; der Borkenkäfer darf sich den Bauch vollschlagen, solange er es nicht übertreibt und außerhalb des Parks sein Unwesen treibt.

„Wir sind gerade durch den Urwald der Zukunft gelaufen“, sagt Ranger Patric Heintz, der unsere Gruppe begleitet. Die Buche gäbe es eben nicht in Japan oder Nordamerika; sie gehöre hierhin.

Hotspot für Wildkatzen

Die Wildkatzen fühlen sich im Hunsrücker Buchenparadies wohl. Der Nationalpark sei ein regelrechter Hotspot für die scheuen europäischen Tiger, erklärt Heintz. Bis die ersten Wölfe kommen, sei es wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit.

Der Hunsrück gilt als strukturschwache Region – da ist viel Platz für Natur und Wanderwege. Mittlerweile gibt es mehr als 100 sogenannte Traumschleifen, der Saar-Hunsrück-Steig ist 410 Kilometer lang. Dazu kommen Schinderhannespfad, Soonwaldsteig, Hunsrückhöhenweg und unzählige örtliche Routen.

Die Strecke, auf der wir an diesem Tag zum Erbeskopf unterwegs sind, gehört zum Saar-Hunsrück-Steig. Stege führen über den Ortelsbruch, ein Hangmoor, dessen Farben mich an die Haut meines Opas erinnern, die selbst im Winter einen warmen Haselnusston hatte.

Saftige Pilzmetropolen

Über Farnen und Gräsern tauchen hinter verhangenem Himmel die Höhenzüge des Nationalparks auf. Nieselregeln und Nebel stehen dem Nationalpark gut – wie ein einfaches Leinenkleid. Pilze drängen sich aneinander: graue, gelbe, rote und orangefarbene Biester.

Am Erbeskopf, der knapp außerhalb des Nationalparks liegt, gibt es ein Infozentrum, das Hunsrückhaus. Von riesigen Bildschirmen spricht der verwunschene Wald in die Dunkelheit, Kinder vertiefen sich in interaktive Terminals. Ich drücke auf ein paar Tasten herum und lausche dem Schrei des Rotmilans. Auf einem Diorama entdecke ich eine ausgestopfte Mopsfledermaus. Draußen drehen sich weit entfernt Windräder wie Spielzeuge.

Retter der Streuobstwiesen

Am Abend im Hotel 2tHeimat, meine Wangen glühen von der zehrenden Kühle der Hunsrückhöhen, bekommen wir Wanderblogger Besuch. Klaus Marx und Andrea Bauer-Fisseni von der Firma Wildling sind zu Gast. In einem Alter, in dem sich mein Opa zur Ruhe gesetzt hat, haben sie eine Firma gegründet. Die Mission ihres „Senior-Start-ups“: die Streuobstwiesen im Hunsrück zu erhalten. Die alten Obstsorten und der Lebensraum Streuobstwiese brauchen Hilfe. Und dass Liebespaare dringend auf Obstbäume angewiesen sind, haben meine Großeltern zweifelsfrei bewiesen.

Aus dem Obst, das heutzutage kaum einer mehr haben will – das Auflesen der Früchte ist zu mühsam – brennen Klaus Marx und Andrea Bauer-Fisseni allerlei Sorten Schnaps oder dörren es im Ofen, bis daraus eine Art Chips entsteht. Andrea schenkt den Wanderbloggern ein Glas Hochprozentiges nach dem anderen ein. Der Schnaps schmeckt scharf und holzig. Aus den Gläsern steigt der Geruch frisch geschälter Äpfel und Birnen. Die Apfelchips sind federleicht und fühlen sich an wie edles fasriges Büttenpapier. Im Mund lassen sie die Sommersonne raus.

Bei der Schnapsprobe hätte mein Opa einen Heidenspaß gehabt. Ich halte nicht lange durch. Nach knapp zwanzig Kilometern Hunsrückwanderung und Erbeskopfbesteigung spezialisiere ich mich auf das Dörrobst, um nicht mit der Nase im Birnenschnaps einzuschlafen.

Ich schwenke das Gläschen vor mir und frage mich, ob der Baum, auf dem mein Opa einst saß, auf einer Streuobstwiese stand. Der Alkohol macht mich rührselig und ich habe plötzlich Sehnsucht nach dem Mann, der mich an die Hand genommen, mir abends aus dem Wilhelm-Busch-Album vorgelesen und mit mir Mau-Mau gespielt hat. Seine Wanderordensammlung gibt es nicht mehr. Er starb wenige Zeit nach meiner Erstkommunion an Speiseröhrenkrebs.

Nationalpark Hunsrück-Hochwald

Etappe 10 auf dem Saar-Hunsrück-Steig zum Erbeskopf bis nach Hoxel

Land: Deutschland (Rheinland-Pfalz)

Anreise: Die Anbindung an den ÖPNV ist in vielen Hunsrücker Orten dürftig. Morbach beispielsweise, von wo aus sich die Wanderung auf den Erbeskopf starten lässt, ist von Bernkastel-Kues aus mit dem Bus erreichbar. Allerdings fährt von Börfink aus kein direkter Bus zurück. Sowohl in Börfink als auch in Morbach gibt es sogenannte Abholpunkte (mit Schild und Ruhebank gekennzeichnet). Gastgeber aus dem Umfeld holen Wanderer dort ab und bringen sie am nächsten Tag wieder dorthin.

Wer mit dem eigenen Pkw anreist, kann sein Auto am beispielsweise am Hunsrückhaus am Erbeskopf oder am Parkplatz Ortelsbruch stehenlassen, muss dann aber entweder den Rücktransport organisieren oder eine Route wählen, die zurück zum Startpunkt führt. Dafür bietet sich beispielsweise die siebeneinhalb Kilometer lange Traumschleife Gipfelrauschen an, die ebenfalls über den Erbeskopf führt (Startpunkt: Hunsrückhaus am Erbeskopf), oder die Börfinker Ochsentour von zehn Kilometern.

Gehzeit: Rund sechseinhalb Stunden für 19 Kilometer (19. Oktober 2019). Die Etappe zehn des Saar-Hunsrück-Steigs hat insgesamt fast 24 Kilometer. Im Rahmen des Bloggerwanderns sind wir von Börfink nach Hoxel gelaufen und haben die letzten vier bis fünf Kilometer nach Morbach ausgelassen.

Herausforderungen: Die Route führt meist über breitere Waldwege, teils auch über kleinere Pfädchen. Nur wenige kurze Anstiege sind sehr steil, meist geht es relativ sanft nach oben. Der Weg ist gut ausgeschildert.

Höhepunkte: Laub, Pilze, Nebel über dem Moor Ortelsbruch, Aussicht vom Erbeskopf, Ausstellung im Hunsrückhaus (informativ und kurzweilig), altes Eisenbahnviadukt

*Die Wanderung auf dem Saar-Hunsrück-Steig, die Übernachtung im Hotel 2tHeimat und die Probierstunde von Wildling waren Teil des 5. Bloggerwanderns Rheinland-Pfalz. Ich war auf Einladung der Gastlandschaften Rheinland-Pfalz (in Zusammenarbeit mit der Tourismus Zentrale Saarland, der Hunsrück Touristik, der Naheland Touristik, dem Nationalparkamt und der Tourist Information Sankt Wendeler Land) unterwegs, was mich bestimmt, ganz sicher, irgendwie beeinflusst hat. Ohne diese Einladung gäbe es diesen Blogbeitrag nämlich so sicherlich nicht.

14 Kommentare Gib deinen ab

  1. Anonymous sagt:

    Liebe Jana, eine Homage ein Deinen Opa – Wunderschön. DANKE!

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    1. Jana sagt:

      Danke, er hatte ja keinen eigenen Blog, also muss ich das erledigen 🙂

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      1. Anonymous sagt:

        Das ist Dir mehr als nur gelungen – Jürgen

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  2. Jürgen sagt:

    EINE HOMAGE AN DEINEN OPA. SEHR SCHÖN. JÜRGEN

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  3. David sagt:

    Eine lebendige Geschichte mit vielen schönen Bildern und einer treffsicheren Sprache. 🙂 Danke für die kleine Auszeit!

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    1. Jana sagt:

      Lieber David, schön, dass dir die Geschichte gefallen hat! Ich freue mich über jeden Wandergeschichtenleser. 🙂

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  4. Anke sagt:

    Eine sehr schöne Geschichte, die vor allem auf die Apfel- und Birnen-Schnapsverkostung ein ganz anderes, irgendwie melancholisches Licht wirft…

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    1. Jana sagt:

      Hätte ich auch nicht gedacht, dass ich mal Streuobstwiesenschnaps verkosten würde. 🙂

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  5. Liebe Jana, Du weißt, ich liebe Deine Schreibe. So auch diesmal. Allerdings wusste ich bisher nicht, dass Du Hunsrück-Wurzeln hast – genau wie ich. Willkommen in der Familie. Allerdings: Ich weiß jetzt nicht, ob Dein sprunghaftes Wesen auch in den Text hineingepfuscht hat. Denn der Erbeskopf ist nicht Soonwald. Der Soonwald fängt viel weiter östlich erst an. Auch ein schönes Wandergebiet, in meinen Augen sogar noch schöner als die Gegend rund um den Erbeskopf. Aber sonst: Klasse. Liebe Grüße an die Bauernmagd. Joachim

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    1. Jana sagt:

      Lieber Joachim, danke für die Blumen und den Hinweis. Das korrigiere ich doch gerne! Liebe Grüße, Jana

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  6. Meinen allergrößten Respekt liebe Jana! Diesen Bericht habe ich regelrecht aufgesogen! Dein Opa muss ein wunderbarer Mensch gewesen sein und es ist eine geniale Idee, auf diese Weise die Kurve zum Hunsrück zu kriegen! Bald ist es soweit und ich bekomme das erste Enkelchen. Mich würde ja echt interessieren, was die so später über ihren Opa zu erzählen haben. Glatze, Wanderhut und das Gehen mit den hinter dem Rücken verschränkten Armen habe ich ja schon mal mit Deinem Opa gemeinsam.

    Liebe Grüße, Jörg vom Wamderblog Outdoorsuechtig.de

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    1. Jana sagt:

      Lieber Jörg, erst einmal: Schön, dass dir der Text gefallen hat. Ich glaube, mein Opa war ein normaler Mensch, also einer mit wunderbaren, vergnüglichen Seite und einer komplizierten… So wie alle eben. Ich drücke dir die Daumen, dass dein Enkel gesund auf die Welt kommt. Vielleicht erbt es ja in der Tat deine Wandergene! Auf bald, Jana

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