Pfalz: Käseskulptur

Zweifelsohne künstlerisch wertvoll, denke ich und taufe das Werk »Umarmung der Zwiebelringe«. Auf einem Tablett fast so groß wie ein Kleinwagen trage ich das Kunstwerk in den ersten Stock der Hohe-Loog-Hütte in der Pfalz bei Neustadt, anscheinend eine unentdeckte Enklave einer unbekannten Künstlergruppe.

Ich balanciere die Treppen hinauf. Der neue Wein schwappt im Glas, die Teller verrutschen ein paar Zentimeter. Von der Wand schauen mich vergilbte Augen alter Dokumente an: das Richtfest-Protokoll der Hütte und eine Liste der ersten Vorsitzenden des Pfälzerwaldvereins, Ortsgruppe Hambach, seit 1906. Überall dunkles Kneipenholz.

Der Dampf der Pellkartoffeln wabert über das Käsekunstwerk. Die Skulptur ist schwer einzuordnen. Abstrakter Expressionismus vielleicht? Von der Aussage her eher Dada, vielleicht auch Aktionskunst à la Pfälzerwald. In mir sprudelt die Interpretationsmaschine, ich bin aufgeregt wie die Bläschen im Federweißer.

Umschlungen von zwieblischen Kurven

Der Kontrast zwischen der runden Form der Zwiebelringe und der fast aggressiv anmutenden Härte der Salzstangen fällt mir sofort ins Auge. Phallisch aufgerichtet, aber schon mit leichter Neigung, die die dem Gebäck innewohnende Zerbrechlichkeit betont, stecken sie im Handkäse, umschlungen von den blassen Umarmungen zwieblischer Kurven. »Der Kuss« von Rodin neu interpretiert? Oder ein Verweis auf die deutsche Wiedervereinigung? Immerhin ist das Hambacher Schloss nicht weit weg.

Der Käse ist porös; als Untergrund gibt er nach und glänzt feucht-fettig. Eine soziale Plastik nach Joseph Beuys? Ich taufe die von mir entdeckte Kunstrichtung »kulinarischen Strukturalismus« und plane, demnächst einen Wikipedia-Artikel dazu zu schreiben.

Totale Einverleibung

Die blassen Farben – gelblich, braun, weißlich, beige – erinnern an nackte Haut und unterstreichen das Zaghafte der Begegnung. Die Angst vor dem Fall schwingt mit. Daran ändert auch die Umklammerung der Zwiebelringe nichts. Der voluminöse Käsegrund täuscht Sicherheit nur vor.

Ich sehe mit jeder Minute klarer. Zwiebelstangenkinder und Mutterkuchen müssen zur Wiedervereinigung den Schritt der Vernichtung gehen: totale Einverleibung. Freud lässt grüßen; Thanatos und Eros als Liebespaar auf einem Handkäseteller.

Die Massenproduktion hinter der Theke in der Hohe-Loog-Hütte – über Stunden immer die gleichen Handkäse-Arrangements – verweist auf Walter Benjamins »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit«, um im gleichen Moment damit zu brechen. Handkäseteller sind Handarbeit – alles Einzelstücke.

Die günstigen Preise in der Hohe-Loog-Hütte verstehe ich als Kritik an der kapitalistischen Entfremdung von der Arbeit und zugleich als Ausdruck einer romantischen Sehnsucht nach einer humanistischen Wanderidylle.

Tiefe Schluchten der Einsicht

Dass die Bildhauer anonym bleiben wollen, verstehe ich. Die Abkehr vom Künstler als Genie ist längst vollzogen, ihr Werkverständnis ist ein anderes. Ich seufze, falle in tiefe Schluchten der Einsicht, die der Handkäsekeller aufreißt, und bin an unserem Tisch im ersten Stock angekommen.

An diesem Tag sind wir zu dritt unterwegs: mein Freund, eine Freundin und ich. Wir sind schon einige Kilometer gewandert, sind zügig die schmalen Pfade zur Hütte auf 620 Metern emporgestampft, weichen Waldboden unter den Füßen. Wir haben Rentern zugenickt, die uns entgegengekommen sind, und haben uns vor Pilzkolonien verbeugt.

Die Herbstsonne wirft einen hellen Streifen auf dem Käseteller. Die Skulptur wirkt technisch in ihren reduzierten Formen und Farben und kontrastiert mit dem Fensterblick auf die Südpfalz – ein buntes Landschaftsgemälde: Natur und Skulptur architektonisch ineinander verzahnt. Kein Wunder, dass die Wanderer an diesem Wochenden an der Theke Schlange stehen, um den unbekannten Käsekünstlern zu huldigen.

Mein Freund und die Freundin haben die Käsekunst bestellt. Für beide ist es der erste Handkäse ihres Lebens. Ich bin quasi Zeuge einer Entjungferung. Ich habe mich an den Stinker nicht rangetraut, vor mir dampft Gemüsesuppe. In den Kartoffelstücken, Erbsen und Möhrchen kann ich keine kapitalismuskritischen Seitenhiebe oder Fingerzeige auf die Freud’sche Psychonanalyse erkennen, selbst wenn mich Farben und Muster ein wenig an einen Jackson Pollock erinnern.

Ich rühre uninspiriert in meiner Suppe herum. Die beiden beginnen ehrfurchtsvoll mit der Dekonstruktion des Käsekunstwerks. Ein Akt der Zerstörung oder liebevolle Vereinigung? Hommage an den Wiener Aktionismus?

Mein Freund tunkt ein Stück Käse in Kümmel und Paprikapulver und streut ein paar Zwiebelstückchen darüber. »Und«, frage ich, »wie ist der Handkäse?« Er kaut und wackelt kritisch mit dem Kopf. »Naja«, meint er, »mit den Gewürzen geht’s.« Er hält mir die Gabel vor die Nase, ich probiere. »Nicht mein Geschmack«, sage ich und denke: »Aber bestimmt leckerer als ein Beuys!«

Rundwanderung: Nollenkopf, Hambacher Schloss und Hohe Loog

Land: Deutschland (Pfälzerwald)

Anreise: Neustadt an der Weinstraße ist gut per Bahn erreichbar. Die Tour beginnt direkt am Bahnhof.

Gehzeit: ca. sechs Stunden für 19 Kilometer (29. September 2019)

Herausforderungen: kruemelhuepfer.de beschreibt die Tour als anspruchsvoll. Sie ist in der Tat lang, aber nicht allzu schwierig. Wir sind zuerst zur Hohe-Loog-Hütte aufgestiegen und von dort dann zum Hambacher Schloss und zum Nollenkopf marschiert. Man geht so zwar lange bergauf, der Anstieg ist aber nicht allzu steil.

Höhepunkte: Einkehr in der Hohe-Loog-Hütte, Hambacher Schloss, Rastplatz mit Aussicht auf dem Nollenkopf, Hambacher Bergstein, moosbewachsene Steine am Wegrand, Esskastanien

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