Canterbury: Der Butteresser

Ich nenne Gerald den »Butteresser«, und furchtbar viel kann ich über ihn eigentlich nicht erzählen. Fast hätte ich Gerald übersehen. Reiner Zufall, dass wir uns mit ihm ein paar Steckdosen geteilt haben.

Mein Freund und ich begegnen Gerald in Hanmer Springs. Das Städtchen ist die gezähmte Variante neuseeländischer Wildnis und Zwischenstopp für viele Te-Araroa-Wanderer, die dort Fertignudelgerichte nachkaufen und im Thermalbad zwischen den Wochenend- und Campingtouristen ihren blasengesprenkelten Füßen eine Sprudelmassage gönnen. Der Te Araroa gehört zu den längsten Fernwanderwegen der Welt und führt rund 3.000 Kilometer von der Nord- bis zur Südspitze Neuseelands.

Aufenthaltsräume: Refugium für Wanderer

Gerald lädt sein Handy auf. Ich schätze ihn auf Mitte vierzig. Er sitzt wie mein Freund und ich über Stunden im Aufenthaltsraum des Campingplatzes. Stühle aus Plastik, alte Zeitschriften, auf denen die britischen Royals lächeln. Ein Fernseher läuft: Menschen wählen ein Hochzeitskleid aus. Eine Hummel schwebt über einem kleinen Sofa, nebenan die Gemeinschaftsküche. Ich rieche angebratene Zwiebeln.

Wer im Aufenthaltsraum neusseeländischer Campingplätze länger herumhängt, ist fast zwangsläufig ein Wanderer. Alle anderen hocken auf Klappstühlen vor mannshohen Zelten und Wohnmobilen und machen Barbecue.

Gerald erzählt, dass er ein aufblasbares Boot dabei hat, ein Packraft. Für die neuseeländischen Flüsse. Es sei noch nicht oft zum Einsatz gekommen, aber man wisse ja nie, sagt er.

Im echten Leben Wandersmann

Im echten Leben ist Gerald Forstwirt. Oder andersrum: Im echten Leben ist er Wanderer. Nebenbei arbeitet er als Forstwirt. Immer nur ein paar Monate, dann packt er seinen Rucksack und zieht wieder los, dieses Mal ist Neuseeland an der Reihe.

Für Gerald ist der Te Araroa nichts: zu viel los, zu erschlossen, zu einfach. Er stellt sich seine Routen selbst zusammen und zeigt uns die geplante Strecke auf seinem Handy. Ich sehe Höhenlinien auf hell- und dunkelbraunem Untergrund, wie dichtes Haar liegen sie beeinander.

Auf einem Fluss ist ein seltsames Zeichen eingezeichnet. Ich will wissen, was das ist. Das sei so eine Art Brücke mit einem Förderkarren, erklärt Gerald. Der Karren hängt an einem Drahtseil, man setzt sich rein und zieht sich am Seil über die Schlucht. Das sei nicht gefährlich, sagt er.

Wie verlockend muss es für jemanden wie Gerald sein, in einer schaukelnden Metallkiste über einem brodelnden Fluss zu schweben? Gerald hat sein Packraft, ich habe meine Höhenangst.

Er zeigt auf ein Teilstück seiner Strecke. Hier wisse er noch nicht, ob er da durchkomme, also ob das Gelände überhaupt begehbar sei. Gerald fachsimpelt ein paar Minuten über die Qualität von Kartenmaterial und ich frage mich, was passieren würde, wenn alle wie Gerald einfach das täten, worauf sie Lust haben.

Zehn Tage wird er auf seiner nächsten Etappe in Canterbury unterwegs sein. Allein. Neben ihm komme ich mir vor wie ein blutiger Wanderanfänger. Mein Freund und ich ruhen uns in Hanmer Springs von unserer Tour auf dem St. James Walkaway aus – im Vergleich zu Geralds Planungen ein geradezu beschaulicher Spaziergang: weites Grasland, in dem wilde Pferde grasen. Wir hatten Bienen zwischen den Knien. Das Hinterland von Canterbury sieht aus wie wilder Westen vor Alpenpanorama, nur die Büffel fehlen in der Prärie.

Der St. James Walkway wäre für Gerald höchstens im Winter interessant – wenn Lawinen drohen. Im Sommer sieht man ihre steinernen Schneisen.

Gerald zieht es auf die sogenannten »Routen«: verwaschene Trampelpfade in weitgehend unerschlossenem Gebiet.

Sein Hauptnahrungsmittel auf diesen Touren: ein Brei aus Haferflocken, Schokoproteinpulver – und Butter, angerührt mit kaltem Wasser. So spart sich Gerald den Gaskocher und die -kartusche. Enhalte alles, was man braucht, sagt er. Und das Kochen dauere nicht so lange. Bis heute habe ich mich an diese Variante der Traildiät nicht herangetraut.

Wie ein seltener Vogel

Wenn Abenteurer aussehen wie Gerald, sind sie schwer zu erkennen. Atlethisch zwar, aber nicht ausgezehrt. Ein schmaler Mann mit Halbglatze, drumherum helles Haar, kurzgetrimmt wie ein englischer Rasen. Ich starre ihn an wie einen seltenen Vogel.

Für Gerald habe ich keine Kategorie: weder Backpacker, noch Fernwanderer, noch Pilger. Was ihn nach draußen zieht, zieht mich an. Magneten machen Magneten.

Er ist ein unauffälliger Exot; wie alle trägt er seine unsichtbaren Geschichten. Der Butteresser ist durchtränkt von scharfem Oktoberwind und Schichten geäderter Blätter auf federndem Boden. Seine Geschichten liegen als fette eingewachsene Schicht im Unterhautgewebe.

Aufbruch Richtung Inland Pack Track

Am nächsten Morgen kriechen mein Freund und ich um halb sechs aus dem Zelt. Hanmer Springs räkelt sich in der aufgehenden Sonne. Wir tippeln über taunasses Gras zum Aufenthaltsraum und spendieren Gerald eine Tasse Kaffee. Ich bin froh, dass er keine Butter reinrührt.

Wir wollen früh aufbrechen und uns per Anhalter an die Westküste zum Inland Pack Track aufmachen. Auf dem Weg zum Highway treffen wir Gerald noch einmal. Auch er will sich zum Ausgangspunkt seiner Tour mitnehmen lassen. Nur wenige Autos sind unterwegs. Auf seinem breiten Rücken sieht sein Rucksack winzig aus – trotz Packraft. Seine Schritte federn lang über den Asphalt. Ich nehme Abschied vom Butteresser.

Irgendwann am Tag schaue ich aus dem Autofenster. Kieseltäler und verzweigte Flüsse drücken sich an die Kanten des Highways. Geschorene Kuppen und wollgepolsterte Schafe kriechen aus Schluchten gebrochener Erde. Auf einmal taucht Gerald wieder auf. Inmitten all der vielen Landschaft ein einzelner Mensch, der seltene Vogel.

Ich richte mich auf und sehe im nach. Will winken. Um ihn sind Gras und Büsche. Sein Pfad geht nur nach oben. Seine Geschwindigkeit ist nicht unsere. Ich verliere ihn für diesen Moment und sinke in meinen Sitz.

Tage später: Der Inland Pack Track verläuft mitten durch einen Fluss. Als mir das Wasser bis zur Hüfte steht, muss ich an Gerald denken – und an sein Packraft.

Mittlerweile ist der seltene Vogel oft mein Frühstücksgast, wenn mein Messer Streifen wie Höhenlinien in die Butter ritzt. Ich schmiere mir unsichtbare Geschichten aufs Brot und frage mich, wo Gerald gerade wandert.

Canterbury: St. James Walkway

Land: Neuseeland (Südinsel)

Anreise: Der Ausgangspunkt für den St. James Walkaway liegt am State Highway 7 und ist nur per Auto oder Shuttle-Bus erreichbar.

Gehzeit: 5 Tage für 66 Kilometer (28. Dezember 2018 bis 1. Januar 2019)

Herausforderungen: Der St. James Walkway ist im Vergleich zu vielen anderen neuseeländischen Touren recht flach und einfach zu gehen. An den Flüssen regieren die Sandfliegen – das Zelt sollte also insektendicht sein. Es gibt einige Hängebrücken, die zumindest bei mir für einen kleinen Adrenalinschub gesorgt haben.

Am schwierigsten ist die Anreise. Zum Ausgangspunkt am State Highway 7 fahren keine öffentlichen Verkehrsmittel, es gibt aber Shuttle-Anbieter beispielsweise von Christchurch, die Wanderer am Ausgangspunkt rauslassen.

Höhepunkte: Cannibal Gorge (Kannibalenschlucht), die Hütten (sehr geräumig und gemütlich), weite Ebenen, wilde Pferde, Schmetterlinge, Libellen, Hängebrücken, lange Gespräche mit neuseeländischen Wanderern in den Hütten

Du interessierst dich für neuseeländische Wandergeschichten. Im Blog gibt es noch mehr davon, etwa aus den Kaikoura Ranges, den Marlborough Sounds oder dem Taranaki.

 

 

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Anke sagt:

    Hallo Jana, ich mag die Geschichte sehr! Und freue mich, dass wir uns am Wochenende kennengelernt haben… jetzt lese ich weiter in deinem Blog 🙂
    Liebe Grüße
    Anke

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    1. Jana sagt:

      Liebe Anke, das freut mich sehr. Mein Blog ist noch klein und jeder Leser ist eine kleine Streicheleinheit für ihn. Vielleicht sehen wir uns mal bei einem anderen Bloggerevent!
      Liebe Grüße, Jana

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