Kyoto: Kirschblütenkitsch

Achtung, ich warne euch. Es wird kitschig. Heute gibt es eine Portion Erzählzuckerwatte mit Erdbeergeschmack. Schaumbadwohlfühllektüre aus Rosenblättern. Fehlt nur der Prinz auf dem weißen Ross, aber den könnt ihr euch einfach dazudenken. Dieses Mal hat der Blog ein Happy End, obwohl alles mit einer mittelschweren Seelenkrise meinerseits begann.

Tempelvergiftung

Ich litt an Sightseeing-Vergiftung, und Schuld war Kyoto. Die Tempel der Stadt wollten mich fertigmachen. Mich quälte ein Pagodenoverkill der übelsten Sorte. Eventuell war es auch das Langzeitreisespätfolgensyndrom. Kann ich nicht sagen. Auslöser waren auf jeden Fall die Tempel, denn die Dosis macht bekanntlich das Gift.

Es fehlte nicht viel, und ich hätte mich in einem Tempelgarten ertränkt und dabei aus purem Hass einen Koikarpfen mit in den Tod gerissen. Ich dachte daran, mich jesusgleich an ein rotes Holztor zu nageln, als ein kleiner Steinbuddha mich wissend anlächelte: So ist das eben, flüsterte er. Alles im Leben ist Leid. Ich hatte nicht übel Lust, ihn umzuschubsen.

Etwas später, auf dem Weg zum nächsten Tempel, klammerte ich mich an den Haltegriff im Bus. Ich stand eingezwengt zwischen anderen Infizierten, und mir war etwas flau im Magen. Vielleicht sollte ich es mit den Sehenswürdigkeiten ein für alle mal bleiben lassen? Mir nur noch Dinge anschauen, weil sie mir etwas bedeuten und nicht, weil sie unter den Top fünf im Reiseführer stehen? Wie erfüllend wäre es, durch die schönsten Supermärkte Kyotos zu lustwandeln? Oder im Hotelzimmer fernzusehen? Nur noch Unsehenswürdigkeiten zu besichtigen? Unesco-Weltkulturerbe hin oder her.

Aber ich war schon infiziert von der Sightseeingpest. Ich trottete hinter Damen in Kimonos her und brachte ab und an ein leises, Ja, echt schön über die Lippen. Ich war zu schwach für jeglichen Widerstand und ließ mich als als willfähriger Sklave der Tourismusindustrie von Tempel zu Tempel peitschen.

Kur in Kurama

Zwei Tage hielt ich in Kyoto durch, am dritten brauchte ich eine Kur. Mein Freund und ich beschlossen, Kyoto zu verlassen, und wandern zu gehen.

Während ich in dem kleinen Zug saß, der langsam durch bewaldeten Hügeln rollte, verschwand die Stadt. Wir waren unterwegs nach Kurama, dem Ausgangsort unserer Tour.

Dort atmete ich auf. Die Wandertherapie wirkte. Kein Gedränge mehr und keine Souvenirläden. Am Rand des Weges warteten Zedern, auf den Steinen des alten Pilgerweg sonnten sich Eidechsen. Zwischen Moos und Laub quakten unsichtbare Frösche. Natürlich schlenderten auch in Kurama Touristen herum. Sie wirkten aber eher wie geladene Gäste, nicht wie eine Horde Sightseeingzombies, die sich mit leerem Blick durch die Gassen schieben.

Ein geschenkter Moment

Nach etwa anderthalb Stunden passierte es dann: Wir waren oben – am Tempel. Und bevor ich Aggressionen entwickeln und einen Buddha umschubsen konnte, zauberte Japan.

Eine Brise wehte über den Berghang. Kirschblütenblätter segelten durchs Himmelblau. Die Schritte einiger Wanderer knirschten im Kies, ein paar Leute beteten im Schatten der Tempelwände. Räucherstäbchen breiteten ihr Parfum über den Wald aus wie eine seidene Duftdecke. Auf einmal hörte ich diesen tiefen Ton, der hinunter ins Tal floss, als würde Holz singen. Ein geschenkter Moment, der sich in keinem Reisebüro buchen lässt. Die Kirschblüten tanzten, ein einzelner Mann spielte Flöte, und ich dachte nur: Oh, wie schön.

Ausflug von Kyoto: Von Kurama nach Kibune

Land: Japan

Anreise: Von Kyoto aus erreicht ihr Kurama mit dem Zug. Das dauert rund eine Stunde, je nachdem, wo ihr in Kyoto losfahrt. Die Zugverbindungen könnt ihr hier nachschlagen. Der Weg lässt sich problemlos in beide Richtungen laufen. Ihr könnt also auch von Kibune-guchi (so heißt die Bahnstation am anderen Ende) aus losziehen. Der letzte Teil der Strecke führt an der Straße entlang, die aber nicht stark befahren war.

Gehzeit: Rund drei Stunden für knapp vier Kilometer (22. April 2019)

Herausforderungen: An- und Abstieg sind steil. Wer den Anstieg von Kurama scheut, kann ein Stück mit einer Seilbahn fahren. Die Orientierung ist nicht schwer, einfach immer dem Weg folgen und am Ende in Kibune Richtung Bahnhof abbiegen.

Höhepunkte: die Anfahrt im Bummelzug, riesige Zedern, von roten Laternen gesäumter Pfad, Kurama-dera-Tempel, Brunnen mit wasserspeienden Drachen, Ausblick vom Kurama-dera-Tempel, die vielen Schreine am Wegesrand, das Dörfchen Kibune

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ist ja furchtbar, was uns Bloggern so zugemutet wird. Wir sollten solidarisch in Streik treten. Nie wieder verreisen, nie wieder posten.

    Gefällt 1 Person

    1. Jana sagt:

      Ja, finde ich auch 🙂

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