Harz: Drahtseilakt

Die Tante krallt sich an den Drahtseilen fest. Eine Hand rechts, die andere links am Geländer, zockelt sie als eine Art aufrecht gehende Zweifußraupe über das Stahlgitter. Abwechselnd ruft sie »Uiuiuiuiui« oder »Ooooohhhhhohoho« oder »Ach, du meine Güte«. Sie tastet sich mit einem Fuß vorwärts, lässt den Oberkörper hinten, zieht den zweiten Fuß nach, rutscht mit den Händen an den Seilen zwanzig Zentimeter nach vorne und wuchtet erst dann ihren Po hinterher: Als menschlicher Pfropfen verstopft sie die Hängebrücke an der Rappbodetalsperre im Harz.

Hinter ihr hat sich längst eine Menschenschlange gebildet. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Mob die Tante übers Geländer werfen und in der Schlucht entsorgen wird. Sie hat Glück, dass Weihnachten ist. Die Angst vor schlechtem Weihnachtskarma hält die Menge zurück.

Ohnehin wäre es nicht so einfach, die Tante über das Geländer zu hieven. Sie ist kein Fliegengewicht. Dass die Brücke unter ihr zusammenbricht, muss sie trotzdem nicht fürchten. Das Bauwerk schaukelt zwar im Wind hin und her, ist aber robust. Es misst 458,5 Meter und bringt mit 118 Tonnen doch einiges mehr auf die Waage als die Tante.

Titan versus Tante

Ihre Erbauer haben die Brücke Titan getauft. Die Tante ringt also mit einem griechischen Göttergeschlecht. Da sie ordinär menschlicher Abstammung ist, ist es ein unfairer Kampf. Die Tante ist eine starke Frau; sie schafft es bis zu einer kleinen Plattform kurz vor der Hälfte der Brücke, eine Rettungsinsel für Menschen, die nicht schwindelfrei sind.

Die Tante schnauft; der Mob hinter ihr überholt und ich bin erleichtert, dass die weihnachtliche Meute die Tante in Ruhe lässt.

Mir schlägt die Brücke auf den Magen; ganz flau ist mir vom Geschunkel. Während meine Tante den Rückweg antritt, watschele ich die letzten Meter zur anderen Talseite und versuche, nicht grün im Gesicht zu werden, obwohl es sehr spektakulär wäre, von der Brücke herunterzukotzen. Denn sie schwebt hundert Meter über dem Harz und ich könnte den herabregnenden Kotzbröckchen lange zusehen. Rechts von mir hält eine Staumauer aus Beton das Wasser von Hassel und Rappbode davon ab, das Tal linker Hand zu fluten. Unter mir strecken sich winterlich nackte Baumwipfel dem Stahlkoloss entgegen.

Die Eintrittskarte für die Brücke kostet sechs Euro. Davon wurde mir auch schon etwas flau. Man bekommt dafür Aussicht und Nervenkitzel. Ich überlege, ob ich mehr aus meinem Geld herausholen kann und den ganzen Tag auf der Brücke hin und her flanieren oder auf der Plattform ein Picknick machen sollte. Aber mein Adrenalinbedarf ist gedeckt und meine Ohren bekommen vom Wind langsam Gefrierbrand.

Dekoration für Touristen

Das Konzept, mit einer Hängebrücke die Landschaft zu dekorieren, geht auf. Das Bauwerk ist ein Touristenmagnet, der selbst am Heiligabend Scharen von Höhenjunkies anzieht. Einen anderen Daseinszweck hat die Brücke nicht: Über die Staumauer, die nur wenige Meter entfernt verläuft, führt eine Straße samt Bürgersteig zur gegenüberliegenden Seite.

Über die Staumauer schwanke ich zurück zum Parkplatz. Ich durchquere einen kurzen Autotunnel, auf dem Bronzebuchstaben der Rappbodetalsperre huldigen: ein Großbau des Sozialismus, übergeben 1959 – zum zehnten Geburtstag der DDR. Dank Brücke hat die Talsperre seit 2017 ein kapitalistisches Gegenstück.

Titan hat allerdings harte Konkurrenz: Im Hunsrück überspannt die Geierlay-Brücke, die übrigens keinen Eintritt kostet, den Mörsdorfer Bach, und im Schweizer Kanton Wallis hängt ein weiterer Wurm aus Stahl zwischen den Bergriesen. Mit fast fünfhundert Metern gilt letztere als längste Hängebrücke auf Erden – zumindest derzeit. Die Titan ist laut Webseite weltweit nur die längste »ihrer Art«. Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, was das bedeutet. Die Geierlay nennt sich »Deutschlands schönste Hängebrücke«.

Vom Parkplatz an der Rappbodetalsperre tuckern meine Tante und ich im Auto zurück zum Ferienhaus in Blankenburg. Ich überlege, dass der breiteste Zebrastreifen, der längste Maschendrahtzaun oder die tiefste Fußgängerunterführung wahrscheinlich ebenfalls touristisches Potenzial hätten: geeignet für schwindelnde Tanten weltweit. Sollte jemand so eine Attraktion errichten, gebt mir Bescheid. Dann nehme ich die Tante mit. Sie ist nämlich die beste ihrer Art.

Von Blankenburg zur Hängebrücke an der Rappbodetalsperre

  • Land: Deutschland (Harz)
  • Anreise: Mich hat meine Verwandtschaft mit dem Auto an der Talsperre abgeholt. Blankenburg, der Ausgangspunkt der Wanderung, ist aber auch mit dem Zug zu erreichen. Mit dem Bus dauert die Fahrt von Blankenburg zur Talsperre rund 45 Minuten. Die Bushaltestelle dort heißt »Talsperre Rübeland«.
  • Gehzeit: ca. 4 Stunden für rund 12 Kilometer (24. Dezember 2017)
  • Höhepunkte: Schlosspark Blankenburg, Lichtungen, Waldbächlein, Hängebrücke und Rappbodetalsperre
  • Herausforderungen: Der Weg ist nicht beschildert; teils sind die Wege zugewuchert.

 

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Das Bild mit den Kotzbröckchen, die schneeflockengleich ins Tal hätten schweben können, wird mich den ganzen Tag begleiten 😂😂
    Danke dafür

    Gefällt 1 Person

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