Cairngorms: Moorhuhnland

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Ende der neunziger Jahre metzelte ich als ausgetickter Scharfschütze virtuelle Moorhühner nieder. Damals war mir nicht klar, dass ich bei den realen Pendants der Vögel nie eine Chance hätte. Nicht dass ich einem Moorhuhn etwas zuleide tun würde. Aber falls mich je der Drang nach einer Bluttat packen sollte, würden die Vögel nur müde lächeln und mein Schießgewehr vollkacken, bevor ich nur einen von ihnen niedergestreckt hätte.

Insofern ist das Moorhuhnspiel unrealistisch: Schottische Hochlandmoorhühner tragen ein schwaches Nervenkostüm. Ich auch. Mehr dazu später.

Die Moorhühner könnten in ihrem Heidekrautversteck ausharren und warten, bis ich vorbeigewandert bin. Machen sie aber nicht. Ihr Gehirn ist mit einem Panikknopf ausgestattet, der sie aus dem Heidekraut katapultiert, sobald ein Wanderer den Annäherungsalarm auslöst. Sie schießen in die Luft und quäken als mit Federn gespickter Fußball: »Trampeltiervolldepp.« Vielleicht sagen sie auch etwas anderes. Aber es klingt in jedem Fall erbost und vorwurfsvoll. Dabei hört das Moorhuhn mich kommen. Ich dagegen habe keinen Schimmer von der Vogelkanone, die als biologische Mine im Unterholz schlummert.

Während der wenigen Sekunden, in denen sich das Moorhuhn in der Luft hält, befinde ich mich in einem emotionalen Zustand, in dem sich Euphorie und Todesangst paaren. Euphorie, denn ich habe das Glück einem lebendigen Moorhuhn zu begegnen. Todesangst, weil, bevor ich das Geschoss als Moorhuhn, identifiziert habe, mein Körper auf das für wenige Sekundenbruchteile unerkannte Flugobjekt mit Fluchtvorbereitung reagiert.

Dass ich unter diesen Umständen kein Foto vom Moorhuhn machen konnte, versteht sich von selbst. Ihr könnt euch die Moorhühner im Internet angucken. Oder selbst nach Schottland in den Cairngorms-Nationalpark fahren. Wenn ihr ein schwaches Herz habt, bleibt aber zu Hause, denn meine »Fiese-Moorhuhn-Theorie« besagt: Die Moorhühner hoffen, dass ab und an einer der Wanderer am plötzlichen Herztod krepiert und seine letzte Ruhestatt im Heidekraut findet. Dann fressen sie ihn auf. Moorhühner sind keine Velociraptoren, aber wie wir seit Jurassic Park wissen, sind Dinosaurier und Vögel ziemlich nah miteinander verwandt.

Sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

Warnung für Wanderer

Trotz der Moorhuhnmassen ist es in den Cairngorms selbst in der touristischen Hochsaison im August einsam. Der Nationalpark weist den Wanderer per Schild darauf hin: »Take care. You are entering remote, sparsely populated, potentially dangerous mountain country. Please ensure that you are adequately experienced and equipped to complete your journey without assistance.« Ohne Frage kannten die Schilderschreiber die »Fiese-Moorhuhn-Theorie«.

Der Hinweis findet sich am Anfang des Wanderweges von Aviemore nach Blair Atholl. Wer den Weg wie mein Freund und ich von Blair Atholl nach Aviemore läuft, stürzt sich ohne Warnung in das Nationalparkabenteuer.

Die Wahl war auf die Cairngorms gefallen, weil mein Freund findet, der West Highland Way sei im Sommer zu überlaufen. Außerdem sahen die Cairngorms-Bilder im Schottlandbildband so ähnlich aus wie Lappland, wo mein Freund ohnehin viel lieber hingefahren wäre.

Unbekanntes Terrain

Die Cairngorms liegen im Nordosten Schottlands. Die Berggruppe, die es auf bis zu 1.300 Meter Höhe schafft, bildet den größten Nationalpark Großbritanniens. Es kennt sie trotzdem fast niemand. Schottlandfans schauen beleidigt drein, weil man ausgerechnet den Teil Schottlands gewählt hat, in dem sie noch nicht waren. Dabei haben sie einem doch so viele Tipps gegeben, wohin man unbedingt fahren soll. Meistens geht es ihnen um irgendwelche Straßen ins Nirgendwo – zu Orten, die sooooooo schön sind. Die Anzahl der Os variiert zwischen drei und siebenundachtzig.

Bislang ist mir niemand begegnet, der gesagt hätte: »Schottland ist okay, aber kein Muss.« Stattdessen fällt der Satz: »Nach – hier beliebigen Ort in Schottland einsetzen – müsst ihr unbedingt.« Der Schottlandfreund schweigt kurz, sinniert und ergänzt: »Aber eigentlich ist es in Schottland überall schön.« Anschließend bekommt er feuchte Augen, starrt versonnen in die Ferne und seufzt.

Wollige Herrschaften

Das beruhigt mich. Wenn es überall schön ist, gilt das auch für Cairngorms. Wir reisen über Edinburgh mit dem Bus nach Blair Atholl im Süden des Gebirges. Dort warten Souvenirläden und Cafés in Steinhäuschen auf Busladungen mit Tagestouristen. Auf uns warten die Moorhühner – und Schafe. Sie sind die heimlichen Herrscher. Ihrem Appetit haben wir die Landschaft zu verdanken. Sie halten die Bäume in Schach.

Mittlerweile gibt es in den Cairngorms Bestrebungen, dem Wald, insbesondere der kaledonischen Kiefer, wieder mehr Raum zu lassen. Diese Bäume vermischen sich mit dem Heidekraut zu einem wilden Gemälde, bei dem es der Künstler im Drogenrausch mit dem Farbauftrag ein wenig übertrieben hat. Ein paar Schafe als Tupfer – fertig ist das grün-lila-weiße Spektakel.

Die allgegenwärtigen Schafe zeigen: Die Cairngorms sind in weiten Teilen Nutzland, Kultur- und nicht Naturlandschaft und damit Wildnis light. Nie sind wir weiter als rund fünfzig Kilometer von einer Straße oder Ortschaft entfernt.

Dass sich die Cairngorms trotzdem nach Abenteuer anfühlen, liegt am Klima und an den Wegmarkierungen. Das Gebiet gilt als Kühlschrank Schottlands; Wegezeichen haben Seltenheitswert. Wer in Morast und zartem Nieselregeln vom Kaminfeuer einer lauschigen Almhütte träumt, muss tapfer sein: Feucht-kalte Schutzhütten, die sogenannten Bothys, sind der einzige Unterschlupf.

Auf dem Weg vom Corrour Bothy nach Aviemore treffen wir auf ein Ehepaar aus Deutschland. Während uns die Midges in die Nasenlöcher krabbeln, diskutieren wir mit ihnen die Route. Sie hat mittlerweile den schweren Rucksack geschultert. Er hat Probleme mit den Knöcheln. Vor uns und ihnen liegen noch rund drei Stunden Marsch bergab. Schottische Täler sind lang. Wie mein Freund und ich sind die beiden nicht gerade Orientierungsprofis. Wir einigen uns, dass zertrampelte Heidekrautästchen und Fußspuren brauchbare Indizien dafür sind, dass der Weg an der Bergflanke entlangführt. Sind sie aber nicht. Ich nehme die Karte zur Hand. Wir müssten bergab gehen. Tun wir aber nicht. Ich verfluche die Midges. Interessiert sie aber nicht. Ich hätte jetzt gerne eine Almhütte. Gibt es aber nicht. Meinen Freund überzeuge ich letztlich doch, dass wir bergab müssen. Das Ehepaar läuft weiter den Berg hinauf. Wir erklären sie für verloren; die Moorhühner wetzen die Schnäbel.

Kiwi in Schottland

Knapp 65 Kilometer sind wir in den ersten drei Tagen über den Lairig Ghru-Pass marschiert, knapp hundert werden folgen. Startpunkt unserer zweiten Tour durch den Norden der Cairngorms ist Aviemore, ein charmeloses Touristikzentrum, fest in den Händen der Outdoorindustrie. Eine Attraktion ist der Strathspey Railway, eine  sechszehn Kilometer lange historische Zugstrecke.

Wir besuchen in Aviemore das Mountain Café, in dem eine Neuseeländerin kocht und backt. Es liegt im ersten Stock über einem Outdoorladen. Das Logo des Cafés zeigt einen Kiwi und ich überlege, ob es irgendwo in Neuseeland ein schottisches Café gibt, das ein Moorhuhn als Markenzeichen trägt. Wenn ja, möge sich der Besitzer bitte melden. Voraussichtlich Ende 2018 bin ich für einige Monate im Kiwiland.

Das Café wirbt mit »healthy and wholesome food«. Wie schön, denke ich, dass mein handtellergroßes Millionaire’s Shortbread mit fingerdicker Schokoladenschicht und großzügiger Karamelfüllung auf Mürbeteiggrundmauern auch noch gesund ist. Fünf Stück davon würden ausreichen, um zehn Tage in den Cairngorms zu überleben.

In den nächsten Tagen führt uns der Weg am Rand der Berggruppe über Boat of Garden und Nethy Bridge durch zivilisiertes Gebiet, lange entlang der Strathspey Railway, bevor wir wieder in Moorhuhnland kommen. Für uns ist diese Wegführung schwierig: Wildcampen ist nicht erlaubt oder nur möglich, wenn einen der winkende Nachbar aus dem Vorgarten gegenüber nicht stört. Zeltplätze sind nicht überall vorhanden – oder schlicht sonntags geschlossen. In den Cairngorms selbst ist Zelten kein Problem, auch wenn geeignete Plätze nicht hinter jeder Biegung zu finden sind. Ich bin dankbar für die Hinweise und Tipps im Reiseführer, wo sich das Zelt aufschlagen lässt.

Bei der Lektüre kommt es mir vor, als hätten die Schotten ihre Bergnamen gewürfelt. Selbst Einheimische wissen nicht, wie man die aus dem gälischen stammenden Buchstabenkombinationen ausspricht, geschweige denn, was sie bedeuten: Carn a’Chnuic, Tom an t-Suidhe Mhòir, A’Choinneach. Damit qualifizieren sich die Cairngorms nicht nur als ideales Wandergebiet für Moorhuhnfreunde, sondern auch für Linguisten.

Die Cairngorms-Touren:

Weitere Informationen zu den Cairngorms:

 

Typisch Cairngorms: Heidekraut am Hang, klarer Fluss, ein paar Bäume.
Typisch Cairngorms: Heidekraut am Hang, klarer Fluss, ein paar Bäume. Eher untypisch: Sonnenschein.

 

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. K2 sagt:

    Toller Artikel, der uns x Mal lauthals zum Lachen animieren könnte.

    Ein Paar Mohrhuhnfreunde.

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    1. Jana sagt:

      Liebe Moorhuhnfreunde, das freut mich!

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  2. Gerade in der Bahn unangenehm aufgefallen – zu laut gelacht 😊

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