Oberrhein: Schildkrötenzeit

Eine Rundwanderung an den Altrheinarmen bei Brühl – Tierische Begegnungen und ruhige Momente zwischen den Ausläufern des großen deutschen Flusses

Natürlich glaube ich nicht an Magie. Nicht an verwunschene Frösche oder sprechende Tauben, die wissen, ob Blut im Schuh ist. Würde mir ein Engel auf einer meiner Wanderungen begegnen, hätte er schlechte Karten. Ich würde ihn selbst dann für einen Trickbetrüger halten, wenn er mit weiten Schwingen in goldenem Licht über eine Schwarzwaldschlucht schweben würde. Käme der Teufel zu mir und verspräche mir Reichtum oder Unsterblichkeit im Austausch gegen meine Seele, würde ich ihn an die nächste psychiatrische Klinik verweisen.

Déjà-vu mit dem gepanzerten Weltenträger

Trotzdem lege ich auf Wanderungen den nüchternen Blick gerne zur Seite, der die Wunder der Welt sterilisiert wie ätzende Bleiche, sodass sie verblassen wie tote Korallen. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn Gnome in Wurzelhöhlen leben und Felder aus Moosen beackern würden. Ich wundere mich über die Hummel, die so fett ist, dass sie unmöglich fliegen kann. Oder ich lasse mich von dem Gedanken treiben, dass es ein mehr als gnädiger Zufall ist, zwei Mal im Leben derselben Schildkröte zu begegnen. Davon will ich euch in dieser Wandergeschichte erzählen.

Ich kann nicht kann sicher sein, dass es wirklich dieselbe Schildkröte ist, die am Rand des Sees auf dem Ast sitzt, der aus dem Wasser ragt. Aber dass das Tier nach drei Jahren wieder genau dort seinen Hals in die Sonne streckt, wo ich ihm schon einmal begegnet bin, lässt mich ahnen, dass das Universum sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. Ich bin nur ein Zuschauer und Spaziergänger, der seine Nase an die Glasscheibe presst, hinter der passiert, was eben passiert. Mein Gewicht bringt die Erdkugel nicht ins Wanken, selbst dann nicht, wenn sie auf dem Panzer ebenjener Schildkröte balancieren würde, die ich vom Ufer aus beobachte.

Am dem Tag, als ich die Schildkröte wie eine alte Bekannten grüße, ist der Himmel so angefüllt mit Sonnenlicht, dass er fast überläuft. Alles ist winterlich hell. Ein älterer Herr richtet das Objektiv seiner Kamera Richtung Wasser. Er lächelt seine Frau an. Sie lächelt zurück und wartet. Die Schildkröte hält still, der Mann knipst. Auf meiner Handyaufnahme wird das Tier zu  einem verschwommenen runden Etwas. Es ist nur so groß wie ein kleiner Laib Brot. Aus der Entfernung ist nicht zu erkennen, ob es sich um eine europäische Sumpfschildkröte oder die Nachkommen ausgesetzter Exoten handelt. Ich hoffe, es ist eine Sumpfschildkröte, die im trüben Wasser zwischen Schlick und moderndem Holz ein Zuhause gefunden hat. Die Sumpfschildkröte ist die einzige Schildkrötenart Mitteleuropas, und mittlerweile ist sie selten geworden.

Ein Naherholungsgebiet zwischen Häuserreihen und Rhein

Das erste Mal war ich vor fast drei Jahren am Altrhein bei Brühl unterwegs. Im dem Naherholungsgebiet knapp zwanzig Kilometer südlich von Mannheim halten ältere Pärchen Händchen, Kinder werfen Stöcke in Kanalarme und Jogger drehen auf dem Damm, der den Rhein in Schach halten soll, ihre Runden. Damals standen Störche auf den Feldern. An diesem Tag rennen Rehe über die kahlen Äcker, Meisen flattern überdreht in den Büschen am Weg, und am Himmel schweben die schwarzen Silhouetten der Greifvögel.

Als ich vor drei Jahren losgezogen bin, habe ich zu meinem Freund gesagt: »Ich glaube, ich werde eine Schildkröte sehen.« Ich hatte von den Tieren in einer Wanderbeschreibung gelesen und hatte so ein Schildkrötengefühl – ein leise Ahnung, ein hoffnungsfroher Entdeckerdrang.

An dem Tag des Wiedersehens hatte ich die Schildkröte schon fast vergessen. Überhaupt merke ich erst nach einer Weile, dass mir die Gegend, in der wir unterwegs sind, bekannt vorkommt. Der Leimbach fließt unter einer kleinen Brücke hindurch. Am Rand wiegt sich Schilfrohr. Die Häuser am Horizont sind auf Spielzeuggröße zusammengeschrumpft. Ich erkenne die Ecke wieder, hinter der der See mit den Schildkröten liegt.

Nicht weit davon entfernt fließt der Rhein, breit, aber eingezwängt in ein betoniertes Bett, bewegt er sich Richtung Norden. Immerhin kleine Freiheiten sind ihm geblieben. Auf der Karte sieht es aus, als hätte der Fluss mit einem Lasso immer wieder nach einem neuen Stück Land gefischt. Als wäre ihm nie genug, was er gerade hat. Rund um den Hauptfluss ziehen sich die Altrheinarme wie Schlingen um Stücke flachen Lands, nach dem der Fluss bei Hochwasser immer wieder greift: um die Kollerinsel, die Ketscher Rheininsel und namenlose Eilande.

Der Rhein ist dort so ganz anders als im Mittelrheintal, wo er zwischen steilen Weinbergen und Felskanten an alten Fachwerkhäusern vorüberzieht. Dort bohrt er sich spitz und tief in die Landschaft. Bei Brühl ist er ein Strickpullover mit großen Maschen, der sich am liebsten wie ein Herrscher mit Expansionsdrang nach allen Richtungen ausdehnen würde.

Naturschutzgebiet Schwetzinger Wiesen-Riedwiesen

Der Name des Ortes, in dem die Rundwanderung beginnt, ist Programm: »Brühl« ist ein altes Wort für Wiesen, Wald und Feuchtgebiete. Die Tour führt eine Weile an der Uferpromenade entlang, an der sich Spaziergänger auf Bänken sonnen, dann über kleine Pfade durch flache Waldstücke, in denen noch der modrige Geruch des letzten Hochwassers hängt, über Wiesen und an sumpfigem Gebiet vorbei, bis er wieder in Felder und Wohngebiet übergeht. Der Fluss begrenzt das Naturschutzgebiet Schwetzinger Wiesen-Riedwiesen, in dem die Schildkröten zu Hause sind. Die Landschaftsformen sind unscheinbar, aber vielfältig. Schlammlöcher sind keine Schönheit, aber begehrter Lebensraum.

Wenn ich morgen an den kleinen See am Altrheinarm hinter Brühl zurückkehren würde, säße die Schildkröte bestimmt wieder dort. Sie würde nur ab und zu sehr langsam ihren Kopf bewegen oder sich ins Wasser gleiten lassen. Zwischen all den Wassern fließt die Zeit. Die Schildkröte wartet. Ihre Gelassenheit ist ansteckend, und ihre Botschaften sind uralt. Nicht dass ich mit einer Schildkröte sprechen würde. Aber ich habe das Gefühl, es lohnt sich, ihr zuzuhören.

Oberrhein: Rundwanderung im Naturschutzgebiet hinter Brühl

Land: Deutschland (Baden-Württemberg)

Anreise: Nach Brühl kommt ihr vom Mannheimer Hauptbahnhof mit dem Bus (zum Beispiel mit der Linie 710 (Fahrplanauskunft). Von der Bushaltestelle »Rohrhof, Brühler Straße« sind es nur rund fünfzehn Minuten ins Grüne.

Gehzeit: Rund zweieinhalb Stunden für knapp zehn Kilometer (28. Februar 2021). Hier ist der GPS-Track zum Nachwandern:

Herausforderungen: Keine. Die Strecke ist flach und birgt keine besonderen Schwierigkeiten.

Höhepunkte: Wiedersehen mit Schildkröte, auf einer Bank sitzen und auf den Rhein starren, Meisen, Rehe, Sumpfgebiete

Ihr habt Lust bekommen, am Rhein zu wandern? Dann empfehle ich euch folgende Wandergeschichten, die euch alle an die Ufer des Flusses bringen:

Odenwald und Oberrhein: Viele Körnchen Wahrheit

Mannheim: Wo die dicken Pelztiere wohnen

Mittelrhein: Wie ein gemalter Zauber

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