Mittelrhein: Landschaftspfleger

»Beinahe wäre es aus gewesen mit dem europäischen Wein«, erklärt Tobias. Der Vierzigjährige ist Winzer und weiß Bescheid über einen der größten Feinde von Riesling und Spätburgunder, von Dornfelder und Chardonnay: der Reblaus. Was für mich nach einem putzigen Tierchen klingt, ist bei Winzern etwa so beliebt wie die Datenschutzgrundverordnung bei Bloggern – ein gefürchteter Winzling mit pechschwarzem Kopf und Flügeln wie Perlmutt. Seine gelben Larven saugen an den Wurzeln der Rebe, die sich in faulig aussehendes Gewebe verwandeln, übersät von Warzen und Geschwüren.

Traumjob im Welterbegebiet

Ich treffe Tobias am Vorabend der Oberheimbacher Reblauswanderung auf einer Party und nutze meine Chance auf ein Experteninterview. Tobias ist Miteigentümer des Weinguts Eisenbach-Korn. Winzer sei sein Traumjob, sagt er. Lachfältchen breiten sich auf braungegerbter Winzerhaut um seine Augen aus; im Wingert scheint die Sonne grell.

TobiasBetrieb liegt in Oberheimbach, am Rand des Welterbegebiets Oberes Mittelrheintal, zwischen Burgen, Wald und Reben, die sich an den sommerwarmen Boden klammern. Die meisten Touristen, viele davon aus Übersee, bleiben in der Nähe des Flusses. Oberheimbach liegt im Berg, wo weder der Regionalexpress noch die Kähne der Köln-Düsseldorfer halten. Es ist ruhig in der Gemeinde, obwohl die Loreley und die Rüdesheimer Drosselgasse auf der gegenüberliegenden Rheinseite ihr touristisches Potenzial voll ausschöpfen.

Tobias gehört zu den Menschen, denen das Mittelrheintal seinen Charakter verdankt. Was der Provence der Lavendel, ist dem Mittelrhein der Wein.

Ziegen grasen im Hang

Aber die Winzerzunft schrumpft. »Steillagenschätze mit Sirenengesang« fasst die FAZ die Situation zusammen. Der Weinanbau auf Hängen, die jeder schwarzen Skipiste Konkurrenz machen, ist ein Knochenjob.

Damit die brachliegenden Rebengärten nicht vollends zuwuchern, sind in Oberheimbach Ziegen im Einsatz. Sie sollen das Gestrüpp in Schach halten. Wo sich früher die Reben in feinen Linien über die Hügelkuppen zogen, dringt jetzt die Brombeere vor; die Ziegen lassen sich die Gräser schmecken.

Wieso man eine Weinwanderung nach einem Schädling benennt, will ich von Tobias wissen. Schließlich stand in der Ankündigung der Reblauswanderung, dass man in Oberheimbach dem Tierchen schon in den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts die Nahrungsgrundlage entzogen hätte.

Der Schrecken der Winzer

Die Laus kam im neunzehnten Jahrhundert aus der neuen Welt nach Europa und stillte ihren Hunger an den schutzlosen europäischen Weinstockwurzeln. Die Reblausinvasion raubte den Winzern der Schlaf. In Oberheimbach nahm die Bevölkerung um fünfundzwanzig Prozent ab. Tobias spricht über Reblauskommissare und einem Winzeraufstand.

Die Lösung war radikal: Man riss sämtliche Weinstöcke im Gebiet aus, und die Winzer setzten neue Pflanzen mit besonderem Unterbau. Die Wurzeln amerikanischer Reben scheinen den Läusen nicht besonders zu schmecken: Die Weinretter pfropften die europäischen Sorten auf ihre amerikanischen Verwandten. Seitdem können die Winzer wieder besser schlafen.
»Ich werde also morgen keine Reblaus sehen?«, frage ich und bin ein bisschen enttäuscht, hatte ich mich doch auf die Begegnung mit einem weiteren seltsamen Tierchen gefreut.
»Eher nicht«, meint Tobias. Die Laus sei ohnehin ziemlich klein, mit bloßem Auge fast unsichtbar. Immerhin lächeln mir am nächsten Tag die Insekten als freundliche Maskottchen auf den Weingläsern und Wegweisern der Wanderung entgegen.

Latent sei die Reblaus aber immer vorhanden, sagt Tobias ernst und nippt an seinem Weißwein. Und sie müsse eingedämmt werden.

Auf Zierreben unbedarfter Hobbygärtner, die ungepropften Wein pflanzen, treibt sie weiterhin ihr Unwesen, ebenso in brachliegenden Weinbergen. Ich komme zu dem Schluss: Weintrinken hilft bei der Schädlingsbekämpfung. Weniger brachliegende Hänge gleich weniger Rebläuse.

Ich proste Tobias zu und nehme mir vor, auf der Reblauswanderung am nächsten Tag viele Gläser Riesling zu trinken. Im Kampf gegen die Reblaus und für die Kulturlandschaft Mittelrhein.

Oberheimbacher Reblauswanderung

Land: Deutschland

Anreise: Niederheimbach ist mit dem Zug erreichbar. Von dort fahren Shuttlebusse nach Oberheimbach, wo die Reblauswanderung jährlich am zweiten Sonntag im Juni stattfindet.

Gehzeit: Für die sieben Kilometer lange Rundstrecke braucht ihr rund zwei Stunden (9. Juni 2019). Da aber ein halbes Dutzend Wein- und Versorgungsstände mit allerhand Leckereien warten, sollte man sich für die Reblauswanderung einen halben Tag Zeit nehmen.

Herausforderungen: Die Strecke ist gut beschildert: Man folge immer den Rebläusen. Der Weg hat ein paar kurze Steigungen, ist breit und leicht zu gehen, aber es gibt wenig Schatten. Die größte Herausforderung dürfte sein, nach mehreren Gläsern Wein zurück ins Dorf zu finden. Man hat mir aber versichert, dass die Organisatoren abends nach gestrandeten Weinnasen Ausschau halten und ihnen sicheres Geleit geben. An den Ständen gibt es auch nicht-alkoholische Getränke. Sein Weinglas (das man an einem der Stände kaufen kann) trägt man mit sich herum.

Höhepunkte: Kornblumen, Ziegen, Weinberge, Blick auf den Rhein genießen, Picknick, Riesling

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