Bibbulmun: Weitsicht

Dass ich kurzsichtig bin, hält mich nicht davon ab, das Weite zu suchen. Oder die Weite. Es gibt sie fast überall, gratis, in 3D, werbefrei. Dank Brille auch für mich hochauflösend und gestochen scharf.

Ein Lendenstück Landschaft

So ein prachtvolles Lendenstück von Landschaft bombt allen Gedankenschrott aus meinem Hirn. Als hätte ich einen Cocktail aus Heiterkeit und erfüllter Sehnsucht getrunken. Kein Wunder, dass ich einen leichten Schwips bekomme, sobald ich von oben ins Tal schaue oder dorthin, wo das Blau des Meeres in dem des Himmels verläuft.

Meine höheren kognitiven Fähigkeiten setzen in diesen Momenten aus, insbesondere mein Sprachzentrum leidet. Ich stammele nur noch Ein-Wort-Sätze wie »Krass!« oder »Wahnsinn!«. Manchmal reicht es auch nur noch für ein halb gerülpstes »Boah.«

Ich nenne diesen Zustand »landschaftlich bedingte Regression«. Der Mount Chance in Westaustralien eignet sich perfekt, um das eigene Hirn für einige Minuten in den intellektuellen Stand-by-Modus zu fahren.

Der rundliche Felsbrocken liegt in einer Ebene in einer der verlassendsten Gegenden entlang des Bibbulmun, zwischen Sümpfen, in denen Schlangen im Gras umherziehen und Kakadus über Eukalyptusbäumen kreisen.

Auf dem Bibbulmun, der sich 1.000 Kilometer von Perth nach Albany durch den australischen Busch schlängelt, sind Berge rar gesät. Australien liegt mitten auf einer Kontinentalplatte. Da schiebt sich nichts aufeinander, kein Vulkan speit ein neues Hügelchen aus. Geologisch ist in Australien tote Hose. Wind und Wetter haben das weichere Gestein abgetragen, übrig geblieben ist das härtere, das die kochende Erde nach oben geblubbert hat.

Ihr könnt also auf einem Hunderte Millionen Jahre alten Erdpups herumkrabbeln. Ob der Mount Chance den Titel »Berg« wirklich verdient hat, sei dahingestellt. Denn hoch ist der Felsklotz nicht. Aber darauf kommt es auch gar nicht an.

Der kahle Schädel eines alten Riesen

Ich besteige den Mount Chance am dreiundzwanzigsten September 2018 am späten Nachmittag, nachdem mein Freund und ich nach einer Tagesetappe von knapp zwanzig Kilometern die Hütte unterhalb des alten Riesen erreicht haben. Der Granit ist noch warm von der Sonne. Gelbes Moos krallt sich an dem kahlen Schädel fest. Ich taste mich langsam voran; der Stein ist glatt.

Nur wenige Minuten und wir stehen über den Kronen: 360-Grad-Live-Diorama. Australien wirft sich uns zu Füßen. Der Kontinent trägt einen braun-grünen Anzug, gewebt aus Abermilliarden Pflanzen und Tieren und den dicken Nähten der weiß-grauen Karribäume. Der Busch flackert zartrosa, das Bild knutscht mich wie die Lieblingstante, die mich ein Jahr nicht gesehen hat. Kein Berg versperrt die Sicht. In alle Richtungen hin schließt sich die Welt auf. Mein Gehirn zündet ein Endorphinfeuerwerk. Ich sehe meinen Freund am Rande des Plateaus, so klein als könnte er jeden Moment davonfliegen wie Nils Holgerson mit den Wildgänsen. Ich ahne, wie es sein muss, nicht mehr mein eigener Mittelpunkt zu sein: prall aufgepustet, vollgestopft mit Landschaft bis zum Horizont. Ich verneige mich vor der offenen Tür in die Welt.

Dass irgendetwas irgendeine klitzekleine Bedeutung haben könnte, scheint mir auf dem Mount Chance völlig absurd. Wandern bringt eben Weitsicht, selbst wenn man eine Brille trägt.

Bibbulmun: Northcliffe bis Walpole

Land: Australien

Anreise: Northcliffe ist per Bus beispielsweise von Perth oder Walpole erreichbar. Für uns war Northcliffe der Endpunkt der vorherigen Etappe auf dem Bibbulmun.

Gehzeit: acht Tage für rund 132 Kilometer (20. bis 27. September 2018). Die Strecke hat normalerweise 142 Kilometer. Durch eine Umleitung wegen einer Überflutung war sie rund zehn Kilometer kürzer.

Herausforderungen: Die Pingerup Plains können je nach Wasserstand zermürbend sein. Wir hatten Glück und mussten nur ab und an durch größere Pfützen. Teile des Weges waren stark zugewuchert. Wir waren froh um die Gamaschen, denn die Schlangen rascheln überall im hohen Gras.

Höhepunkte: die Zubereitung von Stockbrot an der Gardner-Hutte, Hütte Dog Pool (liegt direkt am Fluss), Orchideen, Ausblick vom Mount Chance, kleine Frösche

Wenn du mehr über das Abenteuer Bibbulmun erfahren willst, findest du hier noch mehr Wandergeschichten aus dem australischen Busch.

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