Blue Mountains: Bratmensch

Jedes Jahr gehen in den Blue Mountains Wanderer verloren. Sie verschwinden im Eukalyptuswald, und es ist unwahrscheinlich, dass sie sich in einen Koala oder einen Wombat verwandeln.

Die Australier wissen um die Tücke ihrer Berge. Sie stellen Wegweiser, Absperrungen und Warnschilder auf. Für Profi-Touristen ist das kein Hindernis. Für ein gutes Selfie klettern sie über die Absperrungen und ignorieren die Warnschilder, während hinter ihnen Steinchen die Steilwand hinabbröckeln. Ich würde mir am liebsten die Augen zuhalten, denn ich sehe die Sandalen tragenden Selfieakrobaten mit verdrehten Gliedmaßen, einem von Ästen durchbohrten Unterleib, baumelnden Gedärmen und zertrümmertem Schädel auf dem Grund der Schlucht liegen, wo die Possums ihnen das Blut vom Gesicht schlabbern.

Notfallsender zum Ausleihen

Die Australier gemahnen die Bushwalker (Bushwalking heißt mehrtägiges Wandern auf Australisch) in den Blue Mountains sogar, sich bei der örtlichen Polizei abzumelden und einen Personal Locator Beacon einzupacken. Das ist ein Notfallsender. In den Blue Mountains verleiht die Polizei so etwas kostenlos.

Als ich an diesem Tag höre, was das Pärchen vorhat, verstehe ich das Sicherheitsgetue der Australier besser. Die beiden wollen den Six-Foot-Track an einem Tag schaffen, die ganzen fünfundvierzig Kilometer.

Das ist prinzipiell natürlich möglich. So wie es möglich ist, siebzig Hot Dogs in zehn Minuten zu essen. Aber wenn dein Freund auf einmal ohne Vorwarnung siebzig Hot Dogs in zehn Minuten isst, kommt dir das komisch vor. Und genau so schaut die junge Frau ihren Freund an. Der Tag kann für die beiden nur auf drei Arten enden. Möglichkeit eins: Sie schubst ihn die nächste Klippe hinunter, weil er sie mit den Worten Den Track bin ich vor zehn Jahren schon mal gelaufen, das ist gut an einem Tag machbar zu diesem Blödsinn überredet hat. Nummer zwei: Sie verenden gemeinsam elendiglich. Verdursten, stürzen oder verirren sich. Variante drei: Sie schaffen es doch irgendwie nach Jenolan Caves, versöhnen sich und leben glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage.

Hitzekoma auf dem Campingplatz

Als wir das Pärchen treffen, wette ich auf Nummer zwei. Es ist zwei Uhr nachmittags, und das Pärchen reißt meinen Freund und mich aus einem komaähnlichen Zustand.

Wir liegen lethargisch im Unterstand am Alum Creek Campingplatz, mein Freund auf dem Tisch, ich auf dem Boden, und garen vor uns hin. Ich habe Kopfschmerzen. Wahrscheinlich verdampft mein Gehirn. Ich versuche, mich möglichst wenig zu bewegen, aber nach ein paar Minuten haben sich unter mir auf der Zeltplane, auf der ich liege, kleine Schweißseen gebildet. Ich drehe mich, ein Bratmensch ohne Spieß. Der Duft der Eukalyptusbäume verstärkt mein Gefühl, mich in einer Trockensauna aufzuhalten. Ich versuche, nicht zu atmen. Die Luft ist mir zu heiß.

Träume von Tropfsteinhöhlen

Der Six-Foot-Track zwischen den Jenolan Caves und Katoomba zählt mehr als zweitausend Höhenmeter. Die Anstiege sind teils steil, die Eukalyptusbäume spenden mit ihren schmalen Blättern nur wenig Schatten.

Dieser zweite November hat die Dreißig-Grad-Marke geknackt, die Blue Mountains liefern einen Vorgeschmack auf den australischen Sommer, in dem man, wie uns ein Australier erklärt hat, nichts mehr machen könne, außer mit einem eiskalten Bier die Klimaanlage anzubeten.

Von einer Klimaanlage kann ich nur träumen. Oder von den Höhlen, an denen der Six-Foot-Track beginnt. Die Jenolan Caves bilden ein gigantisches dunkles Labyrinth. Große Teile davon lassen sich auf geführten Touren entdecken – bei angenehmen fünfzehn Grad Höhlentemperatur.

Der Unterstand, in dem wir schmoren, liegt etwa auf der Hälfte der Strecke zwischen Jenolan Caves und Katoomba. Wir wollen später weiter, wenn die Sonne weniger glühend vom Himmel brennt. Der Coxs River Campingplatz ist noch etwa zweieinhalb Stunden entfernt. Das Pärchen hat noch mehr als zwanzig Kilometer vor sich.

Als mein Freund dem jungen Mann erklärt, dass auf ihrem Weg noch ein paar An- und Abstiege warten, ist er überrascht. Seine Stirn legt sich besorgt in Falten. Die beiden wollen es bis sieben Uhr nach Jenolan Caves schaffen. Sie hätten dort einen Tisch fürs Abendessen reserviert. Jetzt tippe ich auf Variante eins. Ich überlege, ihnen einen Notschlafplatz in unserem Zelt anzubieten, da sind sie schon hinter der nächsten Kurve verschwunden.

Am Abend, ich liege matt im Zelt, muss ich an das Pärchen denken. Der Himmel grollt, ein schwarzgraues Band schiebt sich über die Berghänge. Die Kängurus verstecken sich im Busch. Donner schmettert durch die Dämmerung, Wind reißt an den Zeltwänden, Regen trommelt dagegen. Die Hitze des Tages explodiert. Es wird taghell, wenn sich die Blitze wie flackernde Scheinwerfer gegen die Schlucht werfen.

Jetzt bete ich: für Variante drei. Auf dass das Pärchen längst im Restaurant sitzt!

Blue Mountains: Six-Foot-Track

Land: Australien

Anreise: Von Katoomba fährt täglich ein Shuttle-Bus zu den Jenolan Caves, den man vorab buchen muss. Dort beginnt dann der Six-Foot-Track, der bis fast nach Katoomba zurückführt. Vom Endpunkt der Wanderung kann man zu Fuß in die Stadt laufen.

Gehzeit: drei Tage für 45 Kilometer (1. bis 3. November 2018)

Herausforderungen: Hitze, heftiges Sommergewitter, steile Anstiege (insbesondere zurück nach Katoomba sind es unzählige Stufen); die Beschilderung des Tracks ist in Ordnung

Höhepunkte: Ameisenigel, der über den Campingplatz watschelt, Kookaburras, Anstieg von Jenolan Caves aus, große Echsen an einer Felswand in Jenolan Caves, aufdringliche bunte Vögel (davon einer humpelnd) in Jenolan Caves, Carlotta Arch, Kängurus in der Dämmerung an den Campingplätzen (ein Känguru trägt ein Junges im Beutel, das herausschaut), Aussicht auf das Megalong-Valley, Hängebrücke über den Coxs River, solitär lebende Bienen samt Waben

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