Bibbulmun: Schutzschirm

Auf dem Bibbulmun denke ich zum ersten Mal ernsthaft darüber nach, Teilchenphysiker zu werden. Nicht dass es in Schottland oder Schweden oder im Schwarzwald nicht auch regnen würde, aber der Bibbulmun ist eine andere Gehaltsklasse. Tausend Kilometer durchnässt durch den westaustralischen Busch, ich bin weder Fisch noch Frosch, und evolutionär an solch widrige Bedingungen nicht angepasst. Vielleicht gehöre ich auch zur Spezies Weichei, aber auch die bevorzugt, wie jeder weiß, trockenere Gefilde.

Winter in Westaustralien

Kurz vor Collie erwischt es meinen Freund und mich das erste Mal so richtig. Auf dem Bibbulmun-Track plätschern Wasserstraßen, auf denen die Possums in winzigen Gondeln ihre Kreise ziehen und schwermütige Lieder singen. Die Kängurus bauen eine Arche, die Ameisen einen Deich und die Ameisenigel erwägen, ans Mittelmeer auszuwandern. Nach mehreren Stunden Wasserbad geben die Regensachen auf. Die Feuchtigkeit kriecht als Horde glitschiger Würmer in Nacken, Kniekehlen und Ärmel. In den Schuhen hat sich längst ein Trinkwasserreservoir gebildet.

Dabei haben wir Glück: Meistens regnet es nachts oder morgens. Nur ein kurzes Stück des Bibbulmun ist geflutet, Bäche und Flüsse lassen sich noch gut überqueren.

In Westaustralien ist eben noch Winter. Der Niederschlag füllt die Stausseen am Bibbulmun – meist Trinkwasservorrat für die trockenen Sommer. Aber man versichert uns mehrfach, dass dieser Winter besonders regnerisch sei.

Ein Zelt in der Hütte

Der Wald, durch den wir seit Wochen laufen, bietet wenig Schutz. Das Blätterdach ist nicht dicht genug. Die Hütten sind glücklicherweise regenfest, bis auf Blackwood, die so ungünstig auf einem Berg steht, dass der Wind aus drei Richtungen sämtlichen Niederschlag zielsicher auf die Schlafsäcke der Wanderer weht. Wir bauen zur Sicherheit das Zelt in der Hütte auf.

Nach mehreren Tagen Nieselregen, Platzregen, Dauerregen, ein bisschen Hagel und Schauern, ramme ich die Wanderstöcke in den Matsch.

Ich will, dass es aufhört, kreische ich. Ich biete dem Wettergott sogar an, ihm am Abend eines meiner Gummitiere (vielleicht sagt ihr Weingummis oder Haribos dazu) zu opfern. Ich würde es in der Feuerstelle vor der Hütte anzünden und Loblieder auf den Wettergott singen, wenn er nur den Regen stoppt. Der Wettergott lässt sich auf den Deal nicht ein. Vielleicht ist ein Gummitier zu wenig, aber mehr kann ich nicht entbehren. Gummitiere sind die ultimative Wir-haben-die-heutige-Etappe-geschafft-und-die-Isomatte-ist-auch-schon-aufgeblasen-Belohnung. Sie sind rationiert.

Hoffnung Wissenschaft

Irgendwann kommt mir die Idee mit der Teilchenphysik. Wissenschaft statt Götzentum. Ich werde einen subatomaren Ganzkörperschutzschild erfinden, an dem der Regen abperlt. Angetrieben durch einen winzigen Antimateriereaktor für die Hosentasche würden Strings die Raumzeit um mich herum in einen anders gearteten Gravitationszustand verschieben, der für den Regen undurchdringlich ist. Den Schutzschild würde ich auch nutzen, um Schrödingers Katze einzuleiten und sie endlich aus ihrer misslichen Lage zu befreien, das arme Vieh. Natürlich müsste ich die Einzelheiten noch ausarbeiten, aber das Studium der Teilchenphysik wird wohl helfen, die ein oder andere bautechnische Schwachstelle auszumerzen.

Letztlich hat mein Freund eine, wie ich zugeben muss, genialere Idee, die in ihrer Einfachheit geradezu an die Einsteinsche Relativitätstheorie heranreicht. Ich warte nun täglich darauf, dass er mir in einem Nebensatz die Weltformel offenbart.

Ich kaufe mir einen Regenschirm, sagt er eines Tages zwischen Collie und Balingup, als wir wieder mal im Regen stehen. Dieser Gedanke liegt keineswegs nahe: Fernwanderer sind Gewichtsfanatiker und eliminieren überflüssige Pfunde genauso eifrig wie die Weightwatchers. Ein Regenschirm ist ein zusätzlicher Gegenstand, der getragen werden will, und die Aufnahme von Dingen in den engen, erlesenen Kreis der Ausrüstung bedarf monatelangen Ringens und Überlegens. So haben wir auf dem Bibbulmun bereits einige Gegenstände wieder degradiert. Was den Status nicht notwendig hat, darf nicht in den Rucksack. Deo, Haarbürste und Wechsel-T-Shirt sind der Equipmentradikaldiät zum Opfer gefallen.

Der Beginn einer neuen Ära

Einen Regenschirm mitzunehmen, leitet – historisch betrachtet – eine neue Wanderepoche ein. Nur vergleichbar mit anderen wesentlichen Errungenschaften der Menschheit, etwa der Erfindung des Buchdrucks.

Auf der Post in Balingup ist es dann soweit. Nein, es sind keine ultraleichtgoretextvibrationsarmen Hightechschirme, nur Billigfabrikate, wahrscheinlich made in China. Für rund dreißig Dollar gehören sie uns.

Von da an ändert sich alles. Kein panisches Regensachenanziehen bei den ersten harmlosen Tropfen. Kein Regensachennachzehnminutenwiederausziehen, weil es nun doch nicht schüttet. Keine vollgesogene Jacke, keine Tropfen auf der Brille.

Zwischen Wolken kratzenden Karribäumen, Farn und verottendem Holz sitzen wir rund eine Stunde vor Pemberton, unserem nächsten Etappenziel, im Regen. Ich passe samt Rucksack unter meinen Schirm, lausche den klackernden Tropfen, träume von Gnocchi mit Gorgonzolasauce, beobachte einen australischen Regenwurm und entspanne mich. Durch das Teilchenphysikstudium wäre ich nämlich garantiert durchgefallen.

Bibbulmun: Collie bis Balingup

Land: Australien

Anreise: Collie ist beispielsweise von Perth aus mit dem Bus erreichbar. Für uns war Collie der Endpunkt der vorherigen Etappe.

Gehzeit: vier Tage für 86 Kilometer (1. bis 4. September 2018)

Herausforderungen: teils eintönige Streckenabschnitte

Höhepunkte: Shopping im Supermarkt in Collie, Begegnung mit zwei Backpackern im Colliefields-Hostel, die derzeit als Baumpflanzer arbeiten, Einkehr im Mumby-Pub (bislang die einzige Einkehrmöglichkeit direkt am Bibbulmun außerhalb der Ortschaften), Stausee, Emu mit Küken

Ein Kommentar Gib deinen ab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s