Neuseeland: Backpackerfest

Eine schlaflose Nacht am Aoraki/Mount Cook und eine Wanderung über den Hooker Valley Track

Bei dieser Wandergeschichte weiß ich nicht, mit welchem dramatischen Moment ich anfangen soll. Als der Sturm mich mitten auf der Hängebrücke überfällt, an mir zerrt und versucht, mir Angst zu machen? Oder als ich vor dem Hooker Lake stehe, der wie eine zerbrochene Tontafel zwischen den Bergen liegt? Vielleicht am besten an der Stelle, an der ich kurz davor bin, einen mehrfachen Mord zu begehen. Die Zeltheringe wären eine geeignete Tatwaffe. Einstechen würde ich auf die Backpacker, bis sie in Blut schwimmen. Oder sie mit der Zeltschnur strangulieren. Vielleicht könnte ich sie auch mit unserem Brennspiritus übergießen und anzünden. Ein bisschen qualvoll sollte ihr Tod auf jeden Fall sein.

Ich bekäme bestimmt mildernde Umstände wegen meines psychisch instabilen Zustands. Seit ein paar Stunden bin ich obdachlos – und müde. Mein Freund und ich haben unser  Zelt geschrottet, und jetzt muss ich mir die Schutzhütte auf der White Horse Hill Campsite in der Nähe des Aoraki/Mount Cook mit einer Horde gut gelaunter, betrunkener Pseudoaussteiger teilen. Mein Hirn schwelgt in Rache- und Gewaltfantasien, und ich bin zu einer zeternden Schreckschraube mutiert, die über die Jugend schimpft und Gift und Galle spuckt. Im Nachhinein schäme ich mich für meine mangelnde Gelassenheit.

Unser Zelt würde den Wind aushalten, hatte ich gedacht, vielleicht ein wenig im Gestänge knirschen. So ein paar Böen sollte es doch ertragen.

Hat es aber nicht.

Wind peitscht aus den Neuseeländischen Alpen

Das kleine neongrüne Zelt nebenan hätte mir zu denken geben sollen. Platt wie ein von einem Schwerlaster überrollter Igel hatte es sich ins Gras geduckt. Ein paar ehrenhafte Camper hatten die flatternde Flunder mit Steinen beschwert. So blieb das Zelt wenigstens an seinem Platz, während es sich unter den Böen beugte, die der Aoraki/Mount Cook ins Tal schleuderte.

Der Aoraki/Mount Cook ist der höchste Berg Neuseelands. Mit ihm ist nicht zu spaßen. Mehr als zweihundert Bergsteiger sind in dem Nationalpark umgekommen. Das Besucherzentrum in Aoraki/Mount Cook Village erzählt, wie gefährlich die Gegend sein kann. Auf dem Hooker Valley Track steht ein Gedenkstein mit Dutzenden von Tafeln und den Namen all derer, die nicht wieder zurückgekommen sind.

An diesem Nachmittag hüllt sich der mehr als dreitausendsiebenhundert Meter hohe Riese in Regenschwaden; nur seinen Atem schickt er ins Tal.

Wie ein Boxer, der sich nicht mehr unter Kontrolle hat, prügelt der Wind auf unser Zelt ein. Scharf und kalt, ein Schlag nach dem anderen. Ein Augenblick Ruhe, als wollte der Boxer zusehen, wie unser Zelt schwankend wieder auf die Beine kommt. Der Schläger verschnauft. Dann drischt er weiter auf uns ein – mit voller Wucht. Das Zelt windet sich. Die Stange bricht und bohrt sich durch die dünne Haut: ein ausgefranster unsauberer Schnitt wie von einer Monsterpranke.

Mein Freund und ich krabbeln fluchend aus dem Zelt und begutachten den Schaden: Ein rund ein Meter tiefer Riss in der Hülle. Nach einem kleinen Wutanfall meinerseits gehen wir unsere Optionen durch. Die wenigen Unterkünfte im winzigen Mount Cook Village sind uns zu teuer. Auf unserem Zeltplatz steht eine Schutzhütte. Wir beschließen, die Nacht dort zu verbringen – auch wenn die Hütte dafür nicht vorgesehen ist.

Ballermann-Stimmung: Die Party beginnt

Als am frühen Abend ein junger Mann eine Flasche Whisky auspackt, schwant mir Übles. Eine Horde postpubertärer Weltenbummler ernennt die Hütte zur Ballermann-Meile. Ich hoffe, dass sie bald müde werden.

Werden sie aber nicht.

Mein Freund und ich diskutieren unsere Optionen. Draußen ist es bereits dunkel. Gibt es irgendwo eine Brücke, unter der wir schlafen können?

Uns fällt der kleine Unterstand ein. Dort steht die Kiste, in die man seine Campingplatzgebühren wirft. An den Wänden hängen ein paar Infozettel – eine Art Bushäuschen ohne Anbindung an den ÖPNV.

Die frische Luft um die Nase, eingewickelt in Schlafsack und die Überreste der Zeltplane, versuche ich einzuschlafen. Ab und ab kommen Camper vorbei, sie stolpern fast über uns und leuchten uns mit ihren Taschenlampen an wie zwei exotische Nachttiere. Ihre Schritte knirschen im Kies. Einer sieht mitleidig auf uns herab. Sein Van sei leider zu klein, als dass wir noch hineinpassen würden, sagt er. Ich tue tapfer und murmele, es sei schon okay.

Dann beginnt der Regen. Zarte Tropfen legen sich auf mein Gesicht. Ich ziehe die Füße ein. Von der Seite weht Gischt in unsere Behausung. Die Schlafsäcke saugen die Tropfen auf. Wir müssen weg – zurück in die Backpacker-Ballermannhölle.

Die Backpacker paaren sich

Die Party ist nach wie vor in vollem Gange. In der Hütte sind nur noch wir, ein paar andere obdachlose Schläfer und die Partygesellschaft. Ich versuche es mit Schäfchenzählen. Und mit meditativen Atemübungen. Und mit Podcast hören. Es nützt nicht. Der Schlaf schlägt meine Einladung dankend ab.

Am Tisch der Backpackergang fließt der Alkohol. Aus einem Handy plärrt Musik. Die jungen Leute starten Paarungsrituale. Zwei von ihnen verziehen sich in eine Ecke. Von den Zigaretten bilden sich Schwaden im Raum. Einer der Jungs macht Klimmzüge an einem Hüttenbalken. Ein anderer sucht den Schlüssel seines Campervans, den er sich, wie er erzählt, zwei Monate lang mit einer Ameisenkolonie geteilt hat.

Ich schlage mit dem Kopf ein paar Mal auf den Betonboden und hoffe, dass ich davon ohnmächtig werde.

Werde ich aber nicht. Mein Freund murmelt etwas von der Stoa.

Kurz vor Morgengrauen wird es ruhig. Einer der berauschten Backpacker zittert, weil er nicht in seinen Camper kommt. Ein anderer bringt ihm einen Pullover. Jetzt flüstern sie. Der Wind heult weiter.

Das war die schlimmste Nacht meines Lebens, sage ich, als es hell wird. Die Backpacker haben sich in Zombies verwandelt, die mit leeren Blicken durch den Raum stolpern. Es riecht nach billigem Schnaps, kaltem Schweiß und nassen Wanderschuhen, auf den Tischen stehen leere Becher und Flaschen. Ein paar Zombies liegen noch in den Schlafsäcken. Wanderer und Camper betreten die Hütte und steigen achselzuckend über die wie tot am Boden liegenden Partygäste. Es ist Frühstückszeit.

Ausgeruht ist anders, denke ich, und weiß nicht, ob ich mich auf die anstehende Wanderung auf dem Hooker Valley Track freuen soll. Meine Augen fühlen sich  geschwollen an. Mir ist flau im Magen.

Mein Freund und ich machen uns auf dem Weg zum Hooker Lake, während die Zombies zurück ins Leben finden. Die drei Hängebrücken auf dem Track schwanken, ich stemme mich gegen die Böen, der das braune Gras an den schwarzen Stein presst. In dem See schwimmen kleine kristallblaue Eisberge wie kühle Monde. Sie schaukeln im Wind, der langsam die Wolken aus den Bergen trägt. Die Gletscher der Neuseeländischen Alplen schimmern in der Sonne. Meine Müdigkeit ist weggeblasen. Eine schlaflose Nacht ist ein fairer Preis für dieses Panorama.

Neuseeland (Südinsel): Hooker Valley Track

Land: Neuseeland (Südinsel)

Anreise: Aoraki/Mount Cook Village ist mit dem Auto oder mit dem Bus erreichbar. Von dort aus sind es rund zwei Kilometer bis zum Ausgangspunkt des Hooker Valley Tracks.

Gehzeit: rund drei Stunden für etwa zehn Kilometer (22. Februar 2019)

Herausforderungen: Der Track ist sehr flach und führt über weite Strecken komfortabel über Holzbohlen – entsprechend ist ziemlich viel los. Die Strecke ist auch für Anfänger geeignet; die Markierung ist eindeutig. Wer Höhenangst hat, bekommt vielleicht Schwierigkeiten mit den drei Hängebrücken, die man auf dem Weg zum Hooker Lake überqueren muss. Von dort geht man die gleiche Strecke wieder zurück.

Höhepunkte: Bergpanorama, Gletscher, kleine Eisberge im Hooker Lake, Hooker River, weites Grasland, Hängebrücken, Besucherzentrum in Mount Cook Village

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