Kerrera: Keramikkurs

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In einer Astgabel hockt eine Teekanne. Das dickbauchige bunt getupfte Keramikwesen hält seinen Rüssel in die schottische Meeresbrise, als wollte es einen besonders tiefen Atemzug nehmen. Seine Haut glänzt speckig zwischen Moosen und Flechten.

Auf Wanderungen sieht man ja allerhand. Freilebenden Teekannen bin ich bislang allerdings nur auf Kerrera begegnet. Wahrscheinlich ist das wilde Geschirr aus dem Teagarden im Süden der Insel entkommen und hat sich dann eigenständig vermehrt.

Kannen als Wegweiser

Teekannen haben auf Kerrera keine natürlichen Feinde. Sie meiden den Erdboden, halten sich gerne auf abgesägten Baumstümpfen auf, von wo sie das Weideland gut überblicken können. Mit ihren knalligen Farben sind sie nicht zu übersehen. Ob es sich bei den Teetassen, die sich gerne in unmittelbarer Nähe der Kannen blicken lassen, um deren Nachkommen handelt, ist noch nicht hinreichend erforscht.

Es könnte natürlich auch sein, dass die Betreiber des Teagardens die Kannen aufgestellt haben, um die Inselbesucher in ihr Etablissement zu locken. Dafür spricht, dass neben den Kannen Wegweiser zum Teagarden angebracht sind. Aber das wäre doch eine arg langweilige Theorie.

Die Teekannentiere teilen sich das Eiland mit Schafen, Kühen und gut dreißig dauerhaften menschlichen Bewohnern. Mein Freund und ich angeln während der Wanderung über Kerrera mit einem Stöckchen außerdem einen Blutegel aus einer Pfütze. Mein Freund möchte ihn zur weiteren Beobachtung einpacken, was ich aber verbiete. Ich weiß nicht, ob der Blutegel immer da ist, macht euch also nicht zu viel Hoffnung.

Ein Kabel, eine Ruine, ein Garten

Artenvielfalt auf kleinem Raum also: Die Insel ist nur etwa sieben Kilometer lang und maximal 2,3 Kilometer breit. Vielleicht weil es auf der Insel keine richtigen Straßen und kaum Autos gibt, finden auf dem Eiland mühelos auch noch kulturelle Höhepunkte Platz. Seit ich Lost gesehen habe, hoffe ich auf jeder Insel auf ein unterirdisches Geheimlabor oder doch zumindest auf prähistorische Tempelanlagen. Kerrera hat beides: Das erste transatlantische Telefonkabel summte seine Signale 1956 von Neufundland nach Kerrera. Eine Plakette in der Nähe des Fähranlegers erzählt von diesem Meilenstein der Kommunikationsgeschichte. Das war zwar keine geheime Sache, aber immerhin. Und alte Gemäuer aus vergangener Zeit gibt’s auch: Gylen Castle aus dem 16. Jahrhundert. Weil es auf Kerrera wie so oft in Schottland nur wenige Bäume gibt, ist der Blick frei auf die Burgruine an der steil abfallenden Küste.

Gylen Castle liegt in der Nähe des Teagardens, von wo die Teekannen entkommen sind. Dort bleiben sämtliche Tagesausflügler kleben. Ich nippe an meinem Tee. Mein Freund krümelt Zitronenkuchen. Andere Gäste machen sich über hausgemachte Suppen und frisches Brot her.

Etwa die Hälfte der Wanderung haben wir hinter uns. Ich ermutige meine Teekanne zur Flucht, aber sie fühlt sich in der Gartenlaube wohl. Mein Freund drängelt, wir könnten die letzte Fähre zum Festland verpassen. Schlimm fände ich es nicht, auf der Insel festzusitzen. Mein Freund könnte jeden Tag seinen Kumpel, den Blutegel, besuchen. Und ich würde ein Standardwerk über freilebende Teekannen verfassen.

Rundwanderung Kerrera

  • Land: Großbritannien (Schottland)
  • Anreise: Kerrera erreicht man mit der Fähre, die wenige Kilometer südwestlich von Oban an der schottischen Westküste in der Nähe des Oban Caravan & Camping Parks ablegt. Die Überfahrt dauert nur wenige Minuten. Der Rundwanderweg beginnt direkt am Fähranleger (Fahrzeiten der Fähre). Wir haben uns für die Südschleife über die Insel entschieden; wer länger unterwegs sein möchte, kann die Nordschleife anhängen.
  • Gehzeit: rund vier Stunden für elf Kilometer (August 2017)
  • Höhepunkte: Überfahrt mit der Fähre, freilebende Teekannen, Schaf- und Kuhherden, Blutegel in Pfütze, Einkehr im Teagarden, Blick auf Gylen Castle und aufs Meer
  • Herausforderungen: nicht in Schafkacke treten; die zweite Hälfte der Wanderung war teils ziemlich matschig; es gibt einige kleinere Anstiege (Kerreras höchster Punkt liegt aber nur auf 189 Metern)

 

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