Bibbulmun: Grasbüscheleiland

Nicht auf die Linien treten, sonst … Ja, was sonst? Nix sonst. Weder öffnet sich zwischen den Pflastersteinen ein Loch in die Hölle, noch schrillt ein Alarm, der sofort sämtliche Nuklearsprengköpfe der Erde aktiviert und den Planeten in postapokalyptisches Chaos stürzt, in dem langfristig nur Riesenkakerlaken überleben, die sich an menschlichen Überresten laben. Aber wenn ich es nicht zum nächsten Grasbüschel schaffe, versinke ich. Knietief. Die braune Brühe wird von oben in meine Schuhe laufen, die Socken tränken, dann von allen Seiten durch das Leder sabbern. Ein Cocktail aus Kaulquappen, Schlamm, Sand, toten Ameisen und Pflanzenresten.

Nasse Füße sind eine Gefahr für die Mission Bibbulmun. Es gibt Geschichten von Wanderern, die tagelang durch Morast gewatet sind. Ein Wanderer, den mein Freund und ich einige Tage später treffen, hatte Blasen. Die Keime haben sich in dem offenen Fleisch eingenistet. Das Ergebnis: Infektion, Schmerzen, mehrwöchige Zwangspause in Perth.

Also balanciere ich auf meinem Grasbüschel. Ein Fuß in der Luft, gestützt auf die in den Schlamm gerammten Wanderstöcke. Mitten im westaustralischen Tiefland, den Pingerup Plains, tanzen mein Freund und ich einen Grasbüschelwalzer. Am Rande des Wassers kämpfen Ameisen auf unterspülten Kolonien um ihr Zuhause.

Wegen Überschwemmung geschlossen

Es ist Tag vierundvierzig auf dem Bibbulmun. Ein Teil der Strecke, der Abschnitt zwischen den Hütten Gardner und Lake Maringup, ist wegen Überflutung gesperrt. Hüfttief soll dort das Wasser auf dem Weg stehen. In den vergangenen Wochen hatte es viel geregnet. Der Regenschirmkauf in Balingup war eine gute Investition, gegen Pfützen helfen die Schirme aber nicht.

Die Bibbulmun-Pfleger haben eine Umleitung eingerichtet, durch Sumpf müssen wir trotzdem. Wir versuchen, uns am Rand des überschwemmten Weges entlangzudrücken. Die Pfützen zu umgehen, ist keine Option. Das Gras ist dicht und hoch, dazwischen dorniges Buschwerk, kein Weg, am Boden kriechen die Schlangen. Lieber ein Tanz auf dem Grasbüschel als Schlangenbiss.

Es wundert mich nicht, dass die Europäer Jahrhunderte lang so recht nicht an der Westküste Australiens siedeln wollten: Busch, Sumpf, im Sommer ausgetrocknet, gefährliche Strömungen und Riffe an der Küste, Stürme im Winter. Die Sumpfgebiete im südlichen Teil des Bibbulmun gehören zu einer Landschaft, die erst mit der Arbeitskraft Zehntausender Strafgefangener den europäischen Siedlern untertan gemacht werden konnte. Frösche, Ameisen, Echsen, Schlangen und Stechmücken regieren den Sumpf. Wir sind mittendrin, nicht die Krone der Schöpfung, höchstens die Könige von Grasbüscheleiland.

Flower Power

Alle paar Meter müssen wir stehenbleiben, nicht nur, um den besten Kurs zur Pfützenquerung zu berechnen, sondern auch, um blühenden Sträuchern und Wildblumen mit Aaahs und Oooohs zu huldigen. Im Frühling sieht es auf dem Bibbulmun aus, als hätten marihuanagetränkte Graffitikünstler den Busch gestürmt: gelbe Wattebäusche, Wattle genannt, Orchideen, die aussehen, als hätte man Löwen in Blümchen verwandelt, zartrosa behaarte Gewächse, langstielige Blaublüher.

Wildblumen sind in Westaustralien eine große Sache. Angeblich, so erzählt man uns, schwärmen Herden von Rentnern in ihren Wohnmobilen jedes Jahr im Frühjahr aus und machen Jagd auf alles, was Blüten hat. Auf die Orchideen sind die Australier besonders stolz. Zurecht. Sie tragen Namen wie Donkey (Esel) Orchid, und genauso verrückt wie sie heißen, sehen sie aus.

Viele Australier fragen meinen Freund und mich, ob wir auf dem Bibbulmun Wildblumen gesehen hätten. Wir bejahen und nicken heftig. Spätestens wenn wir das Wort Orchidee erwähnen, bekommt der Westaustralier einen versonnen-sehnsüchtigen Blick und klärt uns darüber auf, dass wir uns die schönste Reisezeit für Westaustralien ausgesucht hätten: den beginnenden Frühling.

Am Ende gewinnt die Pfütze

Nach Pfützen fragen nur die anderen Wanderer. Wo und wann welche Pfütze den Bibbulmunkämpfer schließlich zur bedingungslosen Kapitulation gezwungen hat, ist ein großes Thema beim abendlichen Hüttenplausch.

Irgendwann wird es mir zu dumm mit dem Grasbüschelgehopse. Die Pfützen fallen unter die Kategorie kleiner Ozean. Das andere Ufer liegt nicht mehr in Sichtweite. Ich überlege, aus meiner Isomatte ein Luftkissenboot zu bauen und an der Graslandsteilküste entlangzusegeln.

Scheiß drauf. Ich stampfe mitten durch die braune Suppe und kichere: Wo kann man schon mal durch eine Riesenpfütze laufen?

Bibbulmun: Northcliffe bis Walpole

Land: Australien

Anreise: Northcliffe ist per Bus beispielsweise von Perth oder Walpole erreichbar. Für uns war Northcliffe der Endpunkt der vorherigen Etappe auf dem Bibbulmun.

Gehzeit: acht Tage für rund 132 Kilometer (20. bis 27. September 2018). Die Strecke hat normalerweise 142 Kilometer. Durch eine Umleitung wegen einer Überflutung war sie rund zehn Kilometer kürzer.

Herausforderungen: Die Pingerup Plains können je nach Wasserstand zermürbend sein. Wir hatten Glück und mussten nur ab und an durch größere Pfützen. Teile des Weges waren stark zugewuchert. Wir waren froh um die Gamaschen, denn die Schlangen rascheln überall im hohen Gras.

Höhepunkte: Hütte Dog Pool (liegt direkt am Fluss), Orchideen, Ausblick vom Mount Chance, kleine Frösche

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Gefährliches Australien. Huu!
    Aber ihr seid ja gut vorbereitet 😀

    Gefällt 1 Person

  2. Jürgen sagt:

    Einfach toll die Erlebnisse zu lesen. Als ob man dabei wäre. Weiter so!

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    1. Jana sagt:

      Die nächsten Wandergeschichten sind in Arbeit …

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