Vogesen: Frostofen

»Da war eine Maus«, flüstere ich, als wir die Hütte betreten. Auf dem Boden liegt eine Rolle Plastikfolie, von einem hungrigen Tierchen zernagt und zerfetzt. Die Maus muss am Ende sehr frustriert gewesen sein, dass unter dem Plastik niemals Schokokese oder wenigstens ein paar Nudeln aufgetaucht sind. Später wird sich die Maus an unserem Käsevorrat vergreifen, die Nagespuren ihrer winzigen Zähne sind ein eindeutiges Indiz. Der Maus sei’s gegönnt.

An diesem langen Wochenende sind mein Freund und ich (bis auf die Maus, ein paar Spinnen und was sonst noch so in den Ritzen der alten Balken haust) allein in der Hütte in den Vogesen. Es wird früh dunkel. Laub liegt auf den Wegen. Die Luft ist schneidig frisch, der Himmel stechend blau, Rauhreif ummantelt das Gras wie brüchiges Glas. Das letzte Mal hatte uns meine Kollegin gezeigt, wie man den Bach umleitet, sodass er direkt am Haus vorbeifließt, wo das Werkzeug lagert und man den Ofen einheizt. Wir sind vorbereitet.

Der nächste Ort, ein kleines Dort namens Soultzeren, ist kilometerweit entfernt. Vor uns liegen zwei Tage ohne Strom und ohne fließendes warmes Wasser. Wir hören, wie die Maus nachts durch den Dachstuhl rennt.

Um den Schnepfenriedkopf

Es liegt kein Schnee, aber es ist kalt, sodass wir uns für eine kurze Tour entscheiden: ein Spaziergang um den Schnepfenriedkopf, eigentlich eine Langlaufskirunde, nur wenige Kilometer von der Hütte entfernt. Sie führt über breite Wanderpfade einmal um den Gipfel. Ich bin nach dem Mehrschichtprinzip eingepackt, aber die Kälte kriecht trotzdem bis zur Haut durch. Die Mütze ziehe ich mir tief über die Ohren. Wir queren eine Skipiste und passieren die Skistation Schnepfenried. Die Luft klirrt, die Sonne blendet.

Ich denke an den Ofen in der Hütte: Wie das Holz knackt, das Feuer tanzt, ich meine Hände über der gusseisernen Ofenplatte schweben lasse, Tee zum Wärmen aufstelle, noch ein paar Scheite nachschiebe und sie die Hütte in gelbes Licht tauchen, wie die Maus vom Dachboden geschlichen kommt, um sich zu wärmen. Sie sitzt versteckt im Holzvorrat und veranstaltet ein Käseraclette.

Behagliches Feuer

Nach der Tour hole ich Holz, das hinter dem Haus unter einem Verschlag trocknet. Mein Freund und ich versuchen, noch ein paar Späne zu produzieren. Wir stellen uns dabei so an, wie sich Städter bei einer solchen Aufgabe anstellen: ungeschickt, aber voll motiviert. Natürlich geben wir der Axt die Schuld, die viel zu stumpf ist, um damit feine Späne zu produzieren und besinnen uns auf die Errungenschaften der modernen Zivilisation: Grillanzünder.

Langsam wird es warm in der Hütte. Ich ziehe die Mütze aus. »Es qualmt«, sagt mein Freund und zeigt skeptisch auf ein paar Schlitze am Ofen. Das gusseiserne Stück ist in die Jahre gekommen, verzogen, an einigen Stellen gerostet, etwas schief. Durch die Schlitze sehe ich die Glut. Meinem Freund ist der Rauch unheimlich. Er besteht darauf, dass wir lüften. Ich murre und ziehe die Mütze wieder an. Als ich dicke Holzscheite nachlegen will, hält er mich zurück.

»Zu gefährlich,« meint er streng. »Wir bekommen eine Kohlenmonoxidvergiftung.«

»Ich bekomme Frostbeulen«, sage ich, gebe mich aber geschlagen. Die Maus ist enttäuscht, ich wickele mich in meine Jacke.

Erfroren sind wir über das lange Wochenende in den Vogesen nicht, aber meine Kollegin, der die Hütte gehört, lacht sich schief: »Der Ofen ist völlig harmlos«, sagt sie. »Seit Jahrzehnten im Einsatz. Feuer qualmt halt ein bisschen. Und überhaupt: Warum fahrt ihr Anfang November in die Vogesen?«

Tour du Schnepfenried

  • Land: Frankreich (Vogesen)
  • Anreise: Ausgangspunkt ist der Col du Platzerwaesel, der mit dem Auto zu erreichen ist. Dort findet sich ein Wanderparkplatz, auf dem ein Schild die Route als Tour du Schnepfenried mit einer orangefarbenen Zwei kennzeichnet.
  • Gehzeit: rund 2 Stunden für 7 Kilometer (31. Oktober 2017)
  • Höhepunkte: durch tiefes Laub waten, Aussichten auf die Vogesenhöhen
  • Herausforderungen: Dick anziehen (zumindest Ende Oktober/Anfang November) – der Schnepfenriedkopf ist immerhin 1258 Meter hoch, der Wanderweg verläuft leicht unterhalb auf etwa 800 bis 1100 Metern Höhe.

 

Mehr Lesestoff

Die Vogesen lohnen sich auch im Sommer. Wer es abenteurlich will, wagt sich auf den Sentier des Roches, wer es geruhsam mag, macht eine kleine Seentour.

 

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