Bibbulmun: Feueralarm

Australien muss ein Paradies für Feuerwehrmänner sein. Oder die Hölle. Nicht nur, dass regelmäßig der Busch in Flammen steht – ein Blitz und das Feuer verschlingt wie ein halb verhungerter Dobermann trockenes Laub, Nadeln, Äste, bis sich der Hund an den Wäldern Westaustraliens satt gefressen hat. Nein, die Australier zücken auch selbst regelmäßig die Streichhölzer. Sie zünden die Landschaft an. Prescribed burn nennen die Australier das, was so viel bedeutet wie angeordneter Brand.

Auf Wegen aus Kohlen und Asche

Die Spuren des Feuers sind auf den ersten zweihundert Kilometern des Bibbulmun (der Fernwanderweg, auf dem mein Freund und ich gerade unterwegs sind) nicht zu übersehen. Viele Bäume tragen schwarz: haushohe Mäntel aus verkohlter Rinde mit Nähten aus Harz. Die Flammen haben Höhlen in die Stämme der Baumriesen gegraben, in denen mehrere Wanderer ihr Nachtquartier aufschlagen könnten, zumindest wenn sie keine Angst vor den Spinnen haben, die dort als achtbeinige Herrscher der Finsternis regieren. Nur ab und an tanzt auf den dünnen Seilen ihrer dunklen Welt ein Sonnenstrahl. Ameisen krabbeln über Asche. Auf der roten Erde liegt Holzkohle verstreut, als hätte ganz Australien mit Johann Lafer ein gemeinschaftliches Barbecue veranstaltet. Kängurusteak inklusive.

Australien braucht das Feuer. Pflanzen wie der Grastree (siehe Foto) sind Nutznießer: Verbrennt um sie herum die Konkurrenz, genießen sie, geschützt durch einen dicken Stamm, ein Festmahl. Die Asche der weniger feuerfesten Gewächse enthält Nährstoffe, und dem Grastree (siehe Foto) wächst neues Grashaar. Wallabys und Kängurus fühlen sich dort besonders wohl, wo es vor nicht allzu langer Zeit gebrannt hat. Ist das Unterholz erst mal zu dicht, finden sie nichts mehr zu fressen und ziehen weiter.

Brände schützen vor Feuer

Bevor aber der Busch brennt, wie er will, nehmen die Australier das Feuermanagement, wenn möglich, selbst in die Hand – vor allem um Ortschaften und besondere Naturräume vor riesigen Flächenbränden zu schützen. Dann lieber kontrolliert und mit Feuerwehraufsicht ein Stück Wald abfackeln. Haben die Aborigines auch schon gemacht. Wann genau es nach Verordnung brennt, entscheiden die Australier kurzfristig. Das Wetter muss stimmen.

Es kann also vorkommen, dass ein Teil des Bibbulmuns wegen eines angeordneten Brandes gesperrt ist. Will man nicht als Grillhähnchen enden, tut man gut daran, diesen Teil zu meiden.

Ein Schild bittet um Anruf

Als mein Freund an der Randell Road, irgendwo im Nirgendwo sechs Tagesetappen von Perth entfernt, das kanarienvogelgelbe Schild an dem Baum sieht, wittert er sofort Gefahr. Die Road dürft ihr euch nicht als geteertes Landsträßlein vorstellen. Straßen außerhalb von Ortschaften sind in Australien meist rosttrote Schotterpisten, auf denen ungefähr so viel los ist wie auf dem Mond. Wahrscheinlich kommt auf dem Mond häufiger jemand vorbei.

Wir sind also allein mit dem Schild in der Galaxie namens Western Australia. Auf dem Schild steht: Aerial Burn Planned. Und man solle die genannte Behörde anrufen, wenn man plant, sich länger in dem Gebiet aufzuhalten.

Mein Freund ist auf unserer Expedition so etwas wie der Sicherheitsoffizier. Dank ihm tragen wir einen Notfallknopf. Ich bin froh, dass er nicht auf die Idee gekommen ist, einen Feuerlöscher wegen der Buschbrandgefahr einzupacken. Derzeit diskutieren wir über Antimückenspray, um einer Infektion durch das Ross-River-Virus vorzubeugen, von dem ich bis heute Mittag noch nie gehört hatte. Mein Freund kann die Gefahr riechen. Entsprechend schwer war es, ihm die Ersatzschnürsenkel auszureden. Wenn die Schnürsenkel reißen, sind wir verloren, hat er argumentiert.

Ich habe vorgeschlagen, dass wir dann einen Knoten reinmachen könnten. Er hat kurz überlegt und dann entschlossen ob meiner brillanten Idee genickt.

Ich habe mich selbstredend zum Captain der Bibbulmun-Expedition ernannt. Gute Captains hören auf ihre Crew, bringen aber berechtigte Einwände vor. Ich erläutere meinem Sicherheitsoffizier, dass das Schild so aussieht, als hinge es schon seit der Ära Kohl am Baum. Außerdem, meine ich, können die nicht einfach den Wald abfackeln. Dann gäbe es hier Straßensperrungen und Absperrband und nette Leute in Uniform, die uns die Umleitung zeigen.

Aber warum ist dann da dieses Schild?, fragt mein Freund. Das ja eindeutig und klar erkläre, daß man anrufen soll. Das wäre sonst völlig sinnlos so ein Schild. Und sinnlose Schilder untergraben die Autorität aller Schilder, und das sei doch wohl ein Risiko, das so ein vernünftiges Land wie Australien nicht eingehen würde. Dieser Argumentationslinie habe ich nichts mehr entgegenzuhalten.

Wir packen unsere Handys aus und durch eifrige Herumgewedel des Geräts schaffe ich es auf einen Balken Empfang. Ich wähle die Nummer auf dem Schild, die sich als nicht vergeben herausstellt.

Siehst du, sage ich. Das Schild ist alt.

Aber mein Freund, erfüllt vom Pflichtgefühl eines obersten Sicherheitschefs, will mehr. Also rufen wir eine Infohotline aus unserem Wanderführer an. Die Nummer ist ebenfalls veraltet.

Gespräch mit dem Ministerium

Mein Freund fuchtelt, während ich telefoniere, mit seinem Handy mitten auf der Randell Road in der Luft herum, um das bisschen Internet, das durch den Busch schwebt, einzufangen. Nach ein paar Minuten Internetbeschwörungstanz lädt die Seite des Departement of Biodiversity, Conservation and Attractions. Die dort angegebene Nummer funktioniert.

Ich beschreibe einer netten Dame vom Ministerium unser Problem. Sie wirft einen Blick in ihre Datenbank. Kein Brand bei Perth geplant, sagt sie. Zur Sicherheit stellt sie mich aber noch in das zuständige Regionalbüro durch. Erneut schildere ich das Problem: Wir stehen auf dem Bibbulmun, ein Schild kündigt einen Brand an, wir wissen nicht, ob wir weitergehen können. Die Frau lacht. Also, sagt sie, einen angeordneten Brand, das würden wir mitbekommen. Und momentan würden sie ein Feuer ohnehin nicht anbekommen. Es habe schließlich die vergangenen Tage heftig geregnet.

Bibbulmun: Kalamunda bis Dwellingup

Land: Australien

Anreise: Mit dem Flugzeug nach Perth, von dort mit dem Bus nach Kalamunda.

Gehzeit: 13 Tage für 211 Kilometer 9. bis 21. August 2018)

Höhepunkte: Kängurus und Wallabys, Aussicht vom Mount Cooke, Grastrees, einäugige Maus, Papageien

Herausforderungen: Auf der gesamten Strecke gibt es keine Einkaufsmöglichkeit, entsprechend haben unsere Rucksäcke gefühlt Tonnen gewogen. Das Gewicht macht die Anstiege, die eigentlich nicht der Rede wert sind, beschwerlich. Der Abstieg vom Mount Cooke war heikel, da er über nackten Fels führt, der vom Regen glitschig und rutschig war.

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. lecw sagt:

    Sehr, sehr lustig. You light my day! Und die Rollenverteilung bei euch kommt mir ein wenig bekannt vor … 🙂

    Gefällt 1 Person

  2. Krischan sagt:

    Whut!? Wie kann man denn ohne Ersatzschnürsenkel losgehen? 😀

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