Pfalz: Wasserspatzen

Mein Adrenalinbedarf ist nicht sehr hoch. Das hat Vorteile. Ich muss mich nicht als Flughörnchen verkleidet von einer Klippe stürzen. Ich brauche keinen unvorteilhaft sitzenden Neoprenanzug, um mich durch die Gänge einer Tropfsteinhöhle zu quetschen. Mir reichen eine Hängeseilbrücke oder ein paar Kühe für einen kurzen Trip in die Untiefen urtümlicher menschlicher Gemütszustände.

Aber ein Abenteuer brauche ich ab und an schon. Ein kleines wenigstens. So etwa von der Größe eines Spatzes. Nichts Adlermäßiges. So eins, das nicht zu viel Platz braucht, ein Nebenbeiabenteuer für die Hosentasche, das günstig als Sonderangebot im Erlebnissupermarkt zu haben ist. Deshalb halte ich beim Wandern Ausschau. Fast immer flattert irgendwann ein Vögelchen vorbei, das auf Nervenkitzel steht. Dann schnapp ich es und lasse es erst wieder frei, wenn ich die letzten Tropfen Aufregung aus ihm herausgepresst habe.

Wolfsburg ohne Ritterhorden

Spatzenabenteuer gibt es überall, sogar in der Pfalz. Dieses Mal auf dem Programm: eine Runde um Neustadt an der Weinstraße. Erste Abenteuerchance: die Wolfsburg. Mein Freund und ich schleppen uns ein Stück den Pfälzer Weinsteig hoch – es ist schwülheiß. Mein innerer Spatz hechelt. Ich scanne meine Umgebung nach Wölfen und brandschatzenden Ritterhorden. Würde beides zur Burgruine passen. Aber weder zähnefletschende Rudel noch Reiter in eiserner Montur lassen sich blicken. Immerhin torkelt ein zweijähriger Windelwanderer in der Nähe der Burgzinnen herum. Seine Mama versucht, ihn mit Manndeckung und Ablenkungsmanövern vom Abgrund fernzuhalten. Wir lassen unseren Schweiß vom Sommerwind trocknen und genießen bei einer kurzen Rast die Show vor dunkelgrüner Pfälzer-Wald-Kulisse.

Der Spatz will weiter. Am Neustadter Bergstein taste ich mich vorsichtig an den Aussichtspunkt heran. Der Spatz kann fliegen, aber ich nicht. Nur das Geländer trennt mich und den sicheren Tod. Der Spatz ist aus seinem Hitzedelirium erwacht, pfeift einen Thriller und ruft zum nächsten Abenteuer. Es hat sein Lager am Ende der Strecke aufgeschlagen: ein badewannengroßes Becken. Smaragdgrün schimmert darin das Wasser, ein durchsichtiger Smoothie mit Waldaroma. Ich kann nicht widerstehen, der Spatz nickt aufmunternd. Neben dem Becken warnt ein Hinweisschild: »Anzuwenden nur bei warmer Körpertemperatur.«

Der strenge Blick des Pfarrer Kneipp

Ich krempele die Ärmel hoch und schnaufe. Nicht zögern, ein Spatz huscht genauso schnell davon wie die Eidechse, die ich vorhin noch gerade so mit dem Handy erwischt habe (siehe Foto unten). Der Spatz jubiliert, sperrt seinen Schnabel weit auf und feuert mich mit Flügelgeklatsche an. Ich tunke beide Arme vorsichtig bis über die Ellenbogen ein. So fühlt es sich also an, im Polarmeer über Bord zu gehen. Der Spatz fiept und hüpft herum: ein Flummi auf Ecstasy auf dem Beckenrand. Das kalte Armbad nach Pfarrer Kneipp ist nach seinem Geschmack. Es soll abhärten und den Kreislauf in Schwung bringen.

Mein Freund stoppt die Zeit. Dreißig Sekunden soll ich in der Kältekammer ausharren. Wenn der Spatz keine Ruhe gibt, ertränke ich ihn. Vielleicht ist es auch eine Meise, denn das Armbad liegt im Meisental. Pfarrer Kneipp auf dem Hinweisschild schaut unter buschigen Augenbrauen streng zu mir herüber. Als wollte er sagen: »Du Weichei.«

Meine Arme werden schwer, ein leichter Schmerz kriecht hinein. Als würden Tausend Spatzen mit ihren Schnäbeln auf mich einhacken. Mein Freund überwacht meine Körperfunktionen. Noch bin ich bei Bewusstsein.

Nach gut zwanzig Sekunden gebe ich auf. Genug Abenteuer. Findet ihr nicht? Dann wartet, bis der Winter kommt, packt die Badehose ein und schmeißt euch ins Becken. Taucht unter und macht ein Selfie. Abenteuer ist, was ihr draus macht. Oder wenn der Spatz vor Angst ins Becken pieselt.

Rundwanderung um Neustadt über Wolfsburg, Bergstein und Weinbiet

  • Land: Deutschland (Pfalz)
  • Anreise: Mit der S- oder Regionalbahn von Mannheim oder Heidelberg aus zum Hauptbahnhof in Neustadt
  • Gehzeit: ca. 4 Stunden für rund 12 Kilometer (12. Mai 2018)
  • Höhepunkte: Wolfsburg, Eidechse, Weinberge, Aussichtspunkt Bergstein, Kneipp-Becken, Kiefernduft, Eis in der Neustädter Fußgängerzone
  • Herausforderungen:
    • Mit fast 500 Höhenmetern auf zwölf Kilometern kommt man vor allem auf den steileren Teilstücken durchaus außer Puste.
    • Da die Wegmarkierung wechselt und nicht immer ganz eindeutig sind, würde ich Kartenmaterial/Navigationshilfe mitnehmen.
    • Den steinernen Hirsch, wohl ein Sandsteinrelief, haben wir verpasst – Augen aufhalten also!
    • Dreißig Sekunden im Kneipp-Becken aushalten
    • In der Hütte am Weinbiet einen Platz draußen ergattern. Wir haben das nicht geschafft – das Wetter war einfach zu gut und zu viele anderer Draußenfreunde waren unterwegs.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Wieder mal herrlich erzählt, liebe Jana! Und den Pfälzer Weinsteig lauft ihr? Die Wege oder zumindest einen der Weitwanderwege im Pfälzerwald will ich seit meinem ersten Besuch dort auch mal laufen. Bin gespannt auf weitere Berichte und Fotos davon.
    Und ich dachte, ihr wärt in Australien!? Da hab ich wohl was durchrinander gebracht. Ts.

    Gefällt 1 Person

    1. Jana sagt:

      Doch, doch wir sind in Australien, aber ich habe noch nicht alle Wanderungen verbloggt, und der Blog soll ja nicht zu australienlastig werden.

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