»Es soll Blut fließen«

Bleich ist der Russe. Er zittert und atmet flach. Jemand hält seinen Kopf und träufelt Tee in seinen Mund. Wir wissen nicht, wie lange er schon an dem Hang auf der feuchten Erde liegt. Er versteht nicht, was wir sagen. Stämme und Geröll versperren den Weg nach oben. Irgendwas ist mit seinem Rücken. Er stöhnt. Ein paar haben wir schon losgeschickt in die Nacht, um Hilfe zu holen. Aber so schnell wird niemand kommen. »Auf drei«, sagt einer. Der Russe brüllt.

Der Trainer bricht die Übung ab. Plötzlich spricht der Russe hervorragend deutsch, befreit sich aus der Rettungsdecke und klettert bergziegengleich den Hang hoch. Die Gruppe des Erste-Hilfe-Kurses der Outdoorschule Süd ist erleichtert. Der Adrenalinspiegel sinkt. Die Rettungsübung ist vorbei.

Vier Tage Katastrophenexpedition

Mit einem Standard-Erste-Hilfe-Kurs ist das viertägige Seminar im Schwarzwald nicht zu vergleichen. Es fühlt sich an, als wäre ich mitten in einen Katastrophenfilm katapultiert worden. Und die Expedition steht unter keinem guten Stern. Schon nach wenigen Stunden der erste Schwerverletzte; Unfälle häufen sich. Die Dienst habenden Rettungsteams sind  auf der Hut. Irgendwas passiert immer.

Wir schienen Beine und Arme mit Stöcken und Moos, beatmen Bewusstlose, verbinden  Wunden, beruhigen Patienten, wählen den Notruf. Die kurzen Theorieeinheiten zwischendurch sind willkommene Ruhepausen von der Rettungshektik. Ich lerne, wie das Kniegelenk funktioniert, was bei Unterkühlung und Hitzeschock zu tun ist, wie man mit einem offenen Bruch umgeht und was in eine Reiseapotheke gehört.

Erste Hilfe draußen

Die Crew der Outdoorschule Süd ist fachlich versiert, erklärt geduldig, beantwortet Fragen: Was mache ich, wenn kein sauberes Wasser zur Verfügung steht, um die Wunde zu reinigen? Wie lange beatme ich einen Patienten? Kann ich dabei etwas kaputt machen? Sollte ich stark blutende Wunden abbinden? Was, wenn mich eine Giftschlange beißt? Die Trainer wiederholen, machen vor, geben Tipps: »Keine Diagnose durch die Hose«, mahnen sie zum Beispiel und erläutern Merkhilfen wie PECH. PECH steht für »Pause, Eis, Compression, Hochlagern«. Wer sich den Knöchel verstaucht, fährt mit PECH richtig.

Vier Betreuer kümmern sich um ein gutes Dutzend Teilnehmer, darunter eine Visionssucherin, eine Fremdenführerin, ein Sozialpädagoge und sogar ein Rettungssanitäter, der sich ein paar Tricks für das Retten in der Wildnis erhofft. Die Beweggründe beim Kurs mitzumachen sind unterschiedlich. Während mein Freund und ich uns auf unsere Fernwanderung in Australien vorbereiten, suchen andere Routine in Sachen erster Hife. Und einer giert nach Blut – um zu sehen, ob er auch dann noch in der Lage ist, einem Verletzten zu helfen, wenn offenes Fleisch oder ein abgetrennter Finger im Spiel sind. Er wird Blut bekommen. Die Betreuer sind gute Schauspieler.

Camp auf einer Lichtung im Schwarzwald

Das Camp des Kurses steht auf einer Lichtung im Schwarzwald nahe Utzenfeld. Frisch geschlüpfte Maikäfer surren über Grashalme, nachts hören wir einen Kauz. Auf der einen Seite ankern zwei große Tippies im Waldboden, dazwischen eine Feuerstelle, auf der unser Koch, der sich tatsächlich Schnitzl nennt, ständig irgendetwas brutzelt oder gart. Auf der anderen Seite erhebt sich eine kleine bunte Zeltstadt. Wasser kommt aus einer Quelle; das Plumpsklo im Holzhäuschen ist nicht weit weg. Wer mutig ist, kann sich in einem Wasserfall duschen. Outdoor eben.

Zwischendurch ist Zeit für einen Kaffee; zum Essen sitzt die versammelte Mannschaft auf Bierbänken vor den Tippies. Die gemeinsamen Rettungsaktionen schweißen zusammen.

Der Höhepunkt ist Tag vier: eine Rallye. Wir ziehen in zwei Gruppen in entgegengesetzte Richtungen los. Hinter jeder Biegung erwarte ich mittlerweile einen Schwerverletzten. Ich habe einen Zusatzjob: Ich soll für die andere Gruppe eine Karte zeichnen, damit sie alleine den Rückweg findet. Ich kritzele Baumstammlager, Wasserfälle, eine Felswand und Wegweiser. Nicht ganz maßstabsgetreu, aber ich bin zufrieden.

Unterwegs übe ich, meinen Freund per Rettungsgriff aus einer Gefahrenzone zu schleppen. Mir wird klar, dass wir den Russen nie unbeschadet den Hang hinaufbekommen hätten. Dass ich höchstens einen Fünfjährigen über längere Zeit allein transportieren könnte, aber keinen Erwachsenen.

Nach der Rallye fühle ich mich ein bisschen heldenhaft: Alle Verletzten sind versorgt. Australien kann kommen. »Ich will, dass du mich retten kannst«, hat mein Freund gesagt, als er den Kurs gebucht hat. »Mache ich«, denke ich und hoffe, dass ich ihn nicht tragen muss.

 

Schwarzwald: Erste-Hilfe-Kurs (Basisseminar) der Outdoorschule Süd

  • Land: Deutschland (Schwarzwald)
  • Anreise: Mit dem Auto zum Camp des Seminars nahe Utzenfeld im Schwarzwald
  • Dauer: 31. Mai bis 3. Juni 2018
  • Höhepunkte: Babymaikäfer auf der Wiese, gemeinsame Mahlzeiten, Lagerfeuersitzen, Flipchartkünste der Betreuer, Rettungsübungen, Kochkünste von Schnitzl, Abschlussrallye samt Schwarzwaldblütenpracht und Kuhbegegnung, Gespräche mit den anderen Teilnehmern
  • Herausforderungen: bei den Rettungsübungen nicht in Ohnmacht fallen und Stress aushalten, heftiges Schwarzwaldgewitter (die gesamte Truppe hat sich in eine Schutzhütte geflüchtet), Wasser den steilen Hang zum Camp hinauftragen

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