Cairngorm-Runde (Teil 3): Wassermarsch

In der Schule sind wir im Sportunterricht über Kästen gesprungen. Zuerst über kleine, die nicht der Rede wert waren. Dann haben wir zusätzliche Kastenelemente eingeschoben und es wurden Mauern der Überwindung.

Darum ging es. Anlaufen, nicht zaudern, nicht kurz vor dem Holz abstoppen, sondern durchziehen, wissend, dass ein Stolpern reicht, um das Manöver mit blauen Flecken und dem Gelächter der Klasse enden zu lassen. Wenn der Sprung geschafft ist, hat man nicht den Kasten geschafft, sondern ein Stück sich selbst.

Wenn ich einen Fluss furte, kommt diese Gefühl wieder.

Durch den Dorback Burn

Vor mir windet sich der Dorback Burn im schottischen Nationapark Cairngorms und er hat mehr Wasser als erwartet. Knapp knietief. Auf einer Sandbank lege ich mir eine geeignete Überquerungstaktik zurecht und krempele die Hosenbeine hoch. Mein Freund entscheidet sich für die Barfußvariante und zieht Schuhe und Socken aus. Ich fürchte mich vor scharfkantigen Steinen und schottischen Highlandpiranhas und lasse beides an.

Beim ersten Schritt ist noch nichts zu spüren. Ein letztes Atemholen, bevor der Dorback Burn oberhalb der Knöchel in die Schuhe suppt. Das ist der Punkt, an dem es nicht mehr zurückgeht. Zögern heißt warten heißt noch länger in dem kalten Wasser stehen heißt die Füße nicht mehr spüren heißt unsicher werden heißt stolpern heißt doch lieber durchziehen. Wasser marsch!

Miezen in Lederschuhen

Am Ufer gegenüber schütte ich das Wasser aus meinen Schuhen und wringe meine eingeweichten Socken aus. Sie fühlen sich an, als würde ich mir eine nasse Katze um den Fuß wickeln. Mit jedem Meter ertränke ich die Miezen in meinen vollgesaugten Lederlatschen, die in Zeiten der Dürre doch einen hervorragenden Wasserspeicher abgeben sollten.

Am Abend nützen mir meine mittlerweile nur noch durchfeuchteten Schuhe aber rein gar nichts. Unterhalb der verlassenen Letteraiten Farm, unserem Zeltplatz für diese Nacht, herrscht Wasserknappheit.

Von den Flussauen des Allt Iomadaigh ist noch nichts zu sehen, nur ein fußlanges Rinnsal sumpft müde vor sich hin. Am Ufer liegt ein Schafkadaver, umgeben von Schafkacke.

Wir lassen das Rinnsal in unseren Alutopf kriechen. Am Boden des Topfes schweben undefinierbare Teilchen. Kleine schwarze Tierchen in einem winzigen gelben Ozean. Wir beschließen, die braune Brühe zu desinfizieren und abzukochen. Heute gibt es eben Überwindungssuppe.

 

Cairngorm-Runde (Etappe 3: von Nethy Bridge nach Allt Iomadaigh; Tour 3 in: Doris Dietrich und Anja Vogel: Schottland: Central Highlands & Cairngorms Nationalpark)

  • Land: Großbritannien (Schottland)
  • Anreise: mit dem Bus von Grantown-on-Spey nach Nethy Bridge (für uns war Nethy Bridge das Etappenende der vorherigen Wanderung)
  • Länge: 19 km
  • Gehzeit: rund 6 Stunden (15. August 2017)
  • Höhepunkte: River Walk in Nethy Bridge, Eag-Mhor-Pass, Libellen auf dem Pass, Aussicht von der Letteraitten Farm
  • Herausforderungen: teils sehr sumpfiges Gelände, Überquerung des Dorback Burn
Furten des Dorback Burn
Der Dorback Burn im schottischen Nationalpark Cairngorms. Die Furt ist fast knietief, das Wasser schnell.

 

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