Gundermann: Das Wildkraut im Hof
Wenn ich nicht aufpasse, geht Herr Gundermann auf Wanderschaft. Er lebt in einem Topf im Hof zwischen Wäscheständern, Fahrrädern und Mülltonnen. Jedes Jahr aufs Neue streckt er seine Ausläufer aus, um aus seinem begrenzten Refugium den Kübel der Zitronenmelisse und der Minze zu erobern. Dann sage ich: »Nichts da, Herr Gundermann! Du bleibst, wo du bist.«
Man muss ein bisschen streng mit ihm sein. Also stecke ich seine Ausläufer zurück in seinen Topf, wo sie sich miteinander verweben und wie ein unfertiges Vogelnest am Topfrand entlangschleichen. Herr Gundermann ist expansionsfreudig. Deshalb ist er bei Gärtnern auch nicht besonders beliebt. Er macht sich – wie viele andere Wildkräuter auch – gerne im Rasen breit. Wer nach »Gundermann« googelt, erhält sogleich Tipps, wie man das Pflänzchen loswird. Ich dagegen hege das als Unkraut verschrieene Grünzeug im Hinterhof als wäre es eine seltene Rosenart. Meine innige Zuneigung zu dieser Pflanze verdanke ich meiner Wildkräuterausbildung.
Unauffindbar?
Wer viel wandert, kommt unweigerlich an viel Pflanzlichem vorbei. Ich wollte wissen, was da am Wegesrand wächst. So einiges davon ist essbar, dachte ich, und kann den Speiseplan beim Fernwandern bereichern.
Rund ein Dutzend Pflanzen kannte ich schon vor der Ausbildung: Gänseblümchen, Löwenzahn, Bärlauch und Spitzwegerich zum Beispiel. Aber Gundermann? Nie gehört! Auch die anderen Namen, unter denen Herr Gundermann bekannt ist, sagten mir nichts: Unter Gundelrebe und Erd-Efeu konnte ich mir genausowenig vorstellen wie unter seinem sperrigen lateinischen Namen Glechoma hederacea. Und jetzt sollte ich mich während der Wildkräuterausbildung mit ihm vertraut machen. Ein Jahr sollten Herr Gundermann und ich miteinander verbringen. Aber ich hatte keine Ahnung, wo ich ihn finden sollte.
Mittlerweile weiß ich: Herr Gundermann ist fast überall. Aber als der Wildkräuterkurs anfing, war Spätherbst. Herr Gundermann hatte keine Blüten. Wie sollte ich ihn eindeutig erkennen? Dazu kommt: Herr Gundermann ist ein Meister der Verwandlung.
Also blätterte ich in Büchern, las den Wikipedia-Eintrag, schaute mir Bilder von Herrn Gundermann an und zweifelte. Auf den Fotos und Zeichnungen reckte der Gundermann sich nach oben gen Sonne. Bis zu dreißig Zentimeter hoch sollte das Pflänzchen werden. Aber alles, was ich an Wegrändern und auf Wiesen fand, waren am Boden kriechende Blätter, die keinerlei Anstalten machten, sich aufzurichten. Vielleicht litt Herr Gundermann an erektiler Dysfunktion.
Ich sah zwar oft rundliche Blätter, die dem Gundermann ähnelten. Aber dann hieß es wieder, die Blätter seien doch eher nieren- oder herzförmig. Was denn nun? Nieren und Herzen sehen ja wohl sehr unterschiedlich aus. Angeblich hatte er auch einen charakteristischen Geruch. Diese Info war in etwa so hilfreich wie eine Kerze ohne Docht. Denn wenn man nicht weiß, wie Gundermann riecht, kann man ihn auch nicht am Geruch erkennen. Und manchmal, so stand es geschrieben, seien seine Blätter hell-, ein anderes Mal dunkelgrün und ab und zu violett überlaufen.
»Vielleicht gibt es im Rhein-Neckar-Raum keinen Gundermann?«, dachte ich. »Eventuell ist er bei uns selten.« Doch dann, eines Tages im Winter, ich wusste nicht warum, war ich mir sicher: Das musste er sein.
Entdeckung beim Urban-Gardening
Um die Ecke von meinem Zuhause in Mannheim gibt es ein Urban-Gardening-Projekt. Im Winter ist das Areal meist verlassen. Viele Pflanzen haben sich zurückgezogen. Aber irgendetwas ist immer grün. Das Areal ist mitten in der Stadt ein Zufluchtsort für Wildkräuter.
Hecken umranden die Gärten, an deren Füßen ich Herrn Gundermann entdeckte. Nach all den Fotos und Bildern glaubte ich endlich, ihn sicher zu erkennen. Kurzerhand beschloss ich, ihn auszubuddeln, einzupflanzen und zu beobachten. Wäre er doch nicht Herr Gundermann, würde ich es über die Zeit schon merken. Ich sah mich um: Würde man mich festnehmen, weil ich Herrn Gundermann entführte? Ich zog einen Esslöffel aus meinem Rucksack und grub damit Herrn Gundermanns Gliedmaßen frei. Die Erde um ihn war feucht und schwer, seine Wurzeln waren zart, der Hauptausläufer so lang, dass ich ihn irgendwann kappte. Zu Hause legte ich Herrn Gundermann in einen Suppenteller mit Wasser. Und wartete.
Einige Blättchen wurden gelb, aber insgesamt war sein Gesundheitszustand stabil. Nach ein paar Tagen zog Herr Gundermann in einen Topf mit Erde um. Und dann im Frühjahr gab es endlich Gewissheit: Herr Gundermann überwand sein kriecherisches Dasein und richtete sich auf. Er bekam kräftige Stängel mit kleinen lila Blüten, die, wie ich finde, von vorne ein bisschen aussehen wie ein violetter, dicklicher Pinguin, der rechts und links seine Ärmchen ausstreckt. Ich schaute ihm beim Wachsen zu. Ab und ab landeten ein paar seiner Blättchen im Omelett oder im Salat.
Zuhause im Hof
Seitdem lebt Herr Gundermann bei mir. Und wir sind gute Freunde geworden. Mit den widrigen Bedingungen im Hinterhof kommt er gut zurecht: Im Sommer brennt die Sonne auf ihn nieder. Manchmal vergesse ich, die Pflanzen zu gießen. Aber Herr Gundermann ist genügsam. Er ist mir über die Zeit ans Herz gewachsen: Er macht nicht viel Aufhebens um sich. Kommt gut alleine und fast überall zurecht. Ist zäh und findet seinen Weg. Er ist bodenständig, unscheinbar. Weil er früh im Jahr blüht, ist er eine wichtige Futterquelle für Wildbienen. Wollschweber kommen bei ihm gerne vorbei, und hin und wieder besuchen ihn Schmetterlinge.
Während meiner Ausbildung habe ich ihn gemalt, aus ihm Kränze geflochten, ihn verkostet, ihm ein Lied gewidmet (siehe unten) und ab und zu mit ihm geredet. Ich habe gelernt, dass er als Heilpflanze als schleimlösend und entzündungshemmend gilt. Wer sich einen Kranz aus Gundermann, den er in der Walpurgisnacht gesammelt hat, auf den Kopf setzt, soll angeblich Hexen erkennen können. Aber wahrscheinlich ist Mannheim hexenfrei. Deshalb habe ich bis dato keine entdeckt.
Wenn ich heute auf Wanderschaft gehe, ist Herr Gundermann fast immer auch da. Für mich fühlt es so an, als würde er nach mir sehen. Wenn ich einmal sterbe, freue ich mich, wenn er auf meinem Grab einzieht. Dann besuchen mich bestimmt auch ein paar Wollschweber.
Du hast Lust, mehr über Wildkräuter wie Herrn Gundermann zu lernen? Dann sei bei unserem Wildkräuterseminar dabei.

FAQs
Kann man Gundermann mit anderen Wildkräutern verwechseln?
Ich sage mal: Jein. Es gibt ein paar Pflanzen, die dem Gundermann ähnlich sehen. Keine dieser Pflanzen ist für Menschen tödlich giftig. Dazu zählen zum Beispiel Kriechender Günsel, das Scharbockskraut oder auch die Knoblauchsrauke. Achtung: Sammle bitte nur solche Wildkräuter zum Verzehr, die du kennst.
Das Problem beim Gundermann ist, dass er oft sehr unterschiedlich aussieht. Im Winter sind seine Blätter eher rundlich, zur Blütezeit eher langgezogen und herzförmig. Ein gutes Erkennungsmerkmal ist meiner Ansicht nach der Stängel: Er ist vierkantig. Das bedeutet: Wenn du den Stängel quer durchschneidest, sieht er im Querschnitt quadratisch aus. Wenn er blüht, ist er besonders einfach zu erkennen. Auf der unteren Lippe der Blüte befinden sich Flecken in dunklerem Lila.
Wozu kann ich den Gundermann nutzen?
Gundermann kannst du zum Beispiel für Grüne Sauce verwenden. Du kannst ihn als Würzkraut zum Beispiel für Omelett, Salat oder Kräuterquark nutzen. Außerdem lässt er sich als Tee anwenden oder du kannst Tinkturen damit ansetzen. Besonders lecker: Wiesen-After-Eight. Dazu tunkst du möglichst junge, frische Gundermann-Blättchen in geschmolzene dunkle Schokolade und lässt die Schokolade anschließend trocknen.
Wo finde ich den Gundermann?
Der Gundermann ist eine Allerweltspflanze. Ihr findet ihn dort, wo der Standort eben nicht sehr speziell ist (also nicht im Moor oder auf auf Salzwiesen an der Nordsee): An Weg- und Waldrändern, in Parks, auf bewirtschafteten Wiesen, am Fuße von Hecken und Sträuchern. Oft findet ihr ihn dort, wo Löwenzahn oder auch Brennnesseln wachsen.
Welche Pflanzen lernt man noch in einer Wildkräuterausbildung kennen?
Das ist sehr unterschiedlich und hängt davon ab, wie die Ausbildung abläuft und wie intensiv du dich mit dem Thema Wildkäuter beschäftigst. Ich habe in meiner Ausbildung verschiedene Wildkräuter kennengelernt, etwa die Königskerze, die Wilde Möhre, den Weißdorn, Baldrian, Mädesüß, Frauenmantel, Vogelmiere und viele mehr. Und vor allem habe ich gelernt, dass sich viele Pflanzen nutzen lassen, die ich schon kannte: Löwenzahn, Gänseblümchen oder auch Bäume wie die Fichte.
Wie ist Wildkräuterausbildung abgelaufen?
Meine Ausbildung habe ich bei Birgit Vogt von Naturzeit gemacht. Sie dauerte ein Jahr und umfasste insgesamt acht Ausbildungsblöcke von je drei Tagen (jeweils Freitagnachmittag bis Sonntag). Während der Ausbildung haben alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich mit »ihrer« Jahrespflanze intensiv beschäftigt. So haben wir nach und nach alle Pflanzen der Teilnehmenden kennengelernt, bei Exkursionen und Vertiefungsaufgaben zwischen den Ausbildungsblöcken sogar noch viel mehr. Wir haben unter anderem mit Wildkräutern gekocht, Salben zubereitet, Tees probiert und uns mit den Inhaltsstoffen der Pflanzen auseinandergesetzt.
Der Gundermann-Song – ein Wildkräuter Lied
Zu singen auf die Melodie von »Die Affen rasen durch den Wald«.
| Die Kräutersammler sind im Wald Da macht der eine plötzlich Halt Die ganze Kräuterbande brüllt: Wo ist der Gundermann, wo ist der Gundermann? Wer hat den Gundermann geklaut? Wo ist der Gundermann, wo ist der Gundermann? Wer hat den Gundermann geklaut? |
| Der Gartennazi ärgert sich Über einen Teppich dicht In seinem Rasen akkurat: Wo ist mein Spritzmittel? Wo ist mein Spritzmittel? Wer hat den Gundermann gepflanzt? Wo ist mein Spritzmittel? Wo ist mein Spritzmittel? Wer hat den Gundermann gepflanzt? |
| Die Wollschweber, die sind erbost: Was macht der mit der Spritze bloß? Wir brauchen Nektar! Lecker! Yeah! Er ist ein Frühlingssnack, er ist ein Frühlingssnack, für Ameisen und mehr. Er ist ein Frühlingssnack, er ist ein Frühlingssnack, wir brauchen Nektar! Lecker! Yeah! |
| Im Winter ist er gut zu sehn Die Blätter sind trotz Kälte schön Er ist ein ziemlich zähes Kraut Wer kennt den Gundermann, wer kennt den Gundermann? Wer hat den Erd-Efeu entdeckt? Wer kennt den Gundermann, wer kennt den Gundermann? Wer hat den Erd-Efeu entdeckt? |
| Glechoma hederacea So nennt ihn der Pflanzenversteher Er ist ein lila Lippenblütler Er wächst nach oben hoch, er wächst nach oben hoch, aber nur April bis Juni Im Winter kriecht er noch, im Winter kriecht er noch, im Winter kriecht er noch am Boden. |
| Ob Würze, Eintopf oder Tee Der Gundermann hilft seit eh und je Als Tinktur mit Doppelkorn Er löst den Schleim, er löst den Schleim, er ist ätherisch, bitter, gerb. Er löst den Schleim, er löst den Schleim, er ist ätherisch, bitter, gerb. |
| Und wenn du ihn als Kranze trägt Zum ersten Mai in dunkler Nacht Dann hat die Hexe ausgelacht Er zeigt dir Hexen an, er zeigt dir Hexen an, er ist ein alter Freund der Hildegard Er zeigt dir Hexen an, er zeigt dir Hexen an .Die Hildegard fand’s gut. |
| Und jetzt ist mit dem Lied bald Schluss Nur noch eines, das man wissen muss Der Gundermann mags feucht Nitrat und Kalzium, Nitrat und Kalzium, Phosphat – er rankt um deine Hecke rum. Nitrat und Kalzium, Nitrat und Kalzium, er rankt um deine Hecke rum. |
| Und auch auf Wiesen siehst du ihn Mit Löwenzahn und Schaumkrautgrün Die ganze Kräuterbande brüllt: Hier ist der Gundermann, hier ist der Gundermann Wir habn den Gundermann entdeckt. Hier ist der Gundermann, hier ist der Gundermann. Wir habn den Gundermann entdeckt. |
