Pfalz: Fels zu Füßen

Wandern auf dem Hauensteiner Schusterpfad – Eine Tour durch den Pfälzerwald

»Denkst du, die Schuster waren hier früher unterwegs?«, frage ich meinen Freund, als wir für einen kurzen Augenblick mal keinen Felsen, keine Aussicht und kein Naturdenkmal bewundern. Vor uns webt sich der Hauensteiner Schusterpfad in den Wald. Der Gedanke liegt nahe, dass bei seiner Benennung die Schuster ihre Finger mit im Spiel hatten.

Mein Freund runzelt die Stirn und schweigt.

»Vielleicht, um Schuhe auszuliefern …«

»Im Wald?«

»Man sagt doch ›auf Schusters Rappen‹ . Vielleicht sind die Schuster viel gewandert.«

»Das ist ein Sprichwort«,  sagt mein Freund. »›Auf Schusters Rappen‹ bedeutet, ›zu Fuß gehen‹. Der Schuster hatte kein Pferd.« 

»Ich weiß, was das bedeutet. Weil sie kein Pferd hatten, sind die Schuster zu Fuß gegangen.«

»Die sind nicht gewandert, die hatten keine Kohle.«

»Ja, deshalb sind sie gewandert.«

»Das ist ein Sprichwort. Du versteht das nicht.«

»Wir sind auf dem Schusterpfad. Vielleicht sind die Schuster hier entlanggegangen.«

»Es ist ein Sprichwort.«

»Zum Wandern braucht man Schuhe.«

Mein Freund sieht mich an, als hätte ich ihm gerade erklärt, dass ich seit Längerem Abhörgeräte der CIA in unseren Wanderschuhsohlen vermute.

Paradies für Schuhliebhaber

Die Frage, ob Schuster im Hauensteiner Land überdurchschnittlich häufig auf ihren Rappen unterwegs waren, muss an diesem Tag unbeantwortet bleiben. Fakt ist, dass es in Hauenstein in der Pfalz früher jede Menge Schuhfabriken gab. Davon ist nur noch eine übrig, aber das Schusterhandwerk hat Spuren hinterlassen – nicht nur in Form des Hauensteiner Schusterpfads.

Hauenstein ist ein El Dorado für Schuhfetischisten. Jeden Sonntag ist in dem Örtchen verkaufsoffener Sonntag entlang der Schuhmeile. Dann stellen die rund zwei Dutzend Schuhgeschäfte ihre Waren vor die Eingänge. Schiebetüren öffnen sich mit leisem Zischen, dahinter der trockene Geruch von Leder und Chemie. Angeblich ist Hauenstein das größte Schuhdorf der Welt. Im Ort ist das Deutsche Schuhmuseum zu Hause.

Als wir durch Hauenstein laufen, leuchtet am Straßenrand ein riesiger Stöckelschuh, rot wie eine Himbeerzunge. Ein Tischler hat einer Bank am Hauensteiner Schusterpfad Füße verpasst, die aussehen wie eine Mischung aus holländischem Holzschuh und Pantoffel. Der Weg selbst ist mit einem Halbschuh auf gelbem Grund markiert.

Holländische Holzschuhe oder Pumps sind freilich nicht die beste Wahl, um auf dem Hauensteiner Schusterpfad zu flanieren – Bergstiefel müssen es aber auch nicht sein. Feste Turnschuhe reichen für den weichen Waldboden und den Wiesensaum aus. Die Wege sind nur kurz steil – kaum bin ich aus der Puste, bin ich auch schon wieder oben auf einem der Felsen, an denen man sich schwerlich sattsehen kann.

Der Hauensteiner Schusterpfad ist einer der vielen Premiumwanderwege in der Pfalz. Mit rund fünfzehn Kilometern und meist moderaten Steigungen muss sich niemand über die Gebühr quälen, der ein Stück Pfalz erwandern will. Es bleibt genug Zeit, um bei einem Tagesausflug auf einem der vielen Felsvorsprünge zu sitzen, den Duft der Kiefern einzusaugen, den Blick auf waldumrahmte Pfälzer Dörfer zu genießen oder eben um Schuhe zu kaufen.

Roter Sandstein ragt aus dem Wald

Die Felsformationen sehen aus, als hätte der Grand Canyon Ableger in der Pfalz bekommen. Es liegen so viele Steine wie Riesenskulpturen im Wald, dass sie die Landschaft prägen wie die Markklößchen die Suppe. Mit dem Grand Canyon können die Felsen auf dem Hauensteiner Schusterpfad nicht mithalten, aber ein bisschen Canyon-Gefühl kommt doch auf, wenn der rote Sandstein am Rand des Wanderwegs in der Sonne leuchtet.

Die Wanderung beginnt auf dem Parkplatz eines Supermarkts direkt hinter der Schuhmeile. Wer seinen Proviant vergessen hat, hat hier die Chance, noch mal aufzutanken. Vom Asphalt aus sind die ersten Felsen schon zu sehen – ein Vorgeschmack auf das Premiumsegment. Sie bilden ein Tor zur Schusterwanderwunderwelt.

Sofort verliert sich der Ort im Wald. Eine Eidechse schießt durchs Unterholz. Kiefern spalten Sonnenstrahlen, Sand federt die Schritte ab, Trampelpfade drängen sich an den Hang, Stöckchen knacken wie knuspriges Knäcke. Nach einem kurzen Anstieg schwebe ich über dem Dorf.

Die Bank am Aussichtspunkt namens Nedingfelsen ist schon von anderen Wanderern belegt. Sonnenwetter und die Premium-Auszeichnung haben sie nach draußen gelockt. Das Gütesiegel verheißt einen Hauch von Exklusivität, von edlem Ambiente und mindestens gehobenem Standard. Die Pfade der armen Schuster sind als Premiumwanderweg in den Adelsstand deutscher Wanderwege erhoben worden.

Punkte sammeln für das Premiumsegment

Wer zu diesem erlesenen Kreis gehören will, muss sich vom Deutschen Wanderinstitut zertifizieren lassen und idealerweise in 34 verschiedenen Kategorien punkten. Ist der Weg mühsam begehbar? Minuspunkt. Strommasten und Mülldeponien an der Route? Pech gehabt. Mit ein paar Schlössern, Burgen, Schluchten und Denkmälern stehen die Chancen schon besser, in den exklusiven Verein der Premiumstrecken aufgenommen zu werfen.

Der Hauensteiner Schusterpfad hat eine Menge Premiummaterial im Angebot. Da sind die schon erwähnten Felsen, die rot aus grünen Blätterdächern ragen, etwa der Kreuzelfelsen oder der Hühnerstein, auf den eine fast senkrechte Metallleiter nach oben führt. Da ist die dicke alte Eiche, die bei einem Attentat schwer verletzt wurde und nach langem Siechtum nun als trauriges Mahnmal menschlicher Dummheit langsam zerfällt. Da sind die Streuobstwiesen, Mischwälder und das Winterkirchel, eine Wallfahrtsstätte mitten im Wald, an ich sofort Lust bekomme, für einige Minuten die Seele baumeln zu lassen.

Als wir dort ankommen, flackern Kerzen vor dem Altar. Heilige an den Wänden warten auf Gebete. Der Engel auf dem spitzen Kirchturm bläst stumm in seine Trompete. Das kleine Bauwerk hat eine rührende Geschichte, die zeigt, was Menschen leisten können, wenn sie sich zusammentun.

Schon in früheren Zeiten stand auf dem Bergsattel eine Marienkapelle, die aber irgendwann zerstört wurde. Die Männer, die den Wiederaufbau in Angriff genommen haben, waren Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Sollten sie mit dem Leben davonkommen, so schworen sie sich, würden sie die Kapelle wiederaufzubauen. Mit diesem Schwur begann ein Jahre dauerndes Gemeinschaftsprojekt.

Rund 250 Menschen machten sich nach dem Krieg jeden Tag von Erfweiler auf den Weg nach Hauenstein in die Schuhfabriken. Im Gepäck hatten sie Backsteine und Ziegel – das Baumaterial für das Winterkirchel. Ob die Menschen von damals zu schätzen wussten, dass sie auf einem Premiumwanderweg unterwegs waren, wage ich zu bezweifeln. Hoffentlich hatten sie wenigstens gute Schuhe.

Pfalz: Hauensteiner Schusterpfad

Land: Deutschland (Rheinland-Pfalz)

Anreise: Hauenstein ist beispielsweise von Landau aus per Bahn erreichbar.

Gehzeit: rund viereinhalb Stunden (24. April 2021)

Herausforderungen: Der Hauensteiner Schusterpfad ist nicht besonders schwierig zu erwandern. Es gibt einige kürzere Aufstiege; die Beschilderung ist sehr gut. Nur an wenigen Stellen muss man ein wenig nach der nächsten Markierung Ausschau halten. Die Route führt fast durchgängig über schmale Waldpfade, Forst- und Wiesenwege.

Höhepunkte: Felsentisch, Kreuzelfelsen, Hühnerstein, rote Felswände, die aus dem Wald herausragen, Winterkirchel, Ausblick auf den Pfälzerwald. Einziges Manko des Weges: auf einem kurzem Teilstück ist das Rauschen der Schnellstraßen allgegenwärtig.

Du hast Lust bekommen, weitere Premiumwanderwege zu entdecken? Dann empfehle ich dir die Wandergeschichten zum Ganerbenweg oder zum Leininger Klosterweg.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Barbara Rossmeissl sagt:

    Bin gespannt auf weitere Besprechungen von Wanderwegen

    Gefällt 1 Person

    1. Jana sagt:

      Ja, die kommen bestimmt. Ich wandere mehr als dass ich schreibe. Deshalb dauert es immer ein bisschen, bis ein neuer Bericht online ist.

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