Rhein: Weibsbilder

Ein Interview mit der Germania und der Loreley zu der Frage, was einen Fluss eigentlich so romantisch macht

Dieser Text ist für meine Bewerbung zum sechsten Wanderbloggertreffen Rheinland-Pfalz enstanden. Das Motto: »Königlich wandern am romantischen Rhein«. Da ich mich nicht für besonders kompetent in Sachen Romantik halte, habe ich mich mit zwei Expertinnen für das Thema Rheinromantik ausgetauscht. Eine große Hilfe waren sie allerdings nicht

Vor ein paar Tagen habe ich die Loreley und die Germania auf einen Drink eingeladen – zu einer feministischen Dreierrunde. Wir mussten reden. Die Sache mit dem romantischen Rhein ging mir nicht aus dem Kopf. Das Tourismusnetzwerk Rheinland-Pfalz organisiert ein Bloggerwandern unter dem Motto »Königlich wandern am romantischen Rhein«. Vielleicht darf ich mitfahren. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Richtige bin. Mit Romantik habe ich es nicht so. Von den Expertinnen erhoffe ich mir Insiderinfos.

»Also erstmal muss es heißen: ›BloggerInnenwandern: KönigInnenlich wandern am romantischen Rhein‹«, schimpft die Germania und haut mit der Faust auf den Tisch, dass der Bierschaum wackelt.

Die Loreley nickt, schaut nachdenklich auf den Boden und kämmt ihr goldenes Haar, als wäre sie die Hauptdarstellerin in einer Shampoo-Werbung. »Romantik bringt nichts als Ärger«, sagt sie und streicht über ihre Locken. »Da spielt man seine weibliche Seite aus und schon gilt man als männermordendes Monstrum. Das ist nicht fair.« Sie nippt an ihrer Weinschorle. Die Loreley mag kein Bier.

»Das hast du dir selbst zuzuschreiben«, faucht die Germania. »Du verführst die Burschen, hockst den ganzen Tag mit deinem weißen Arsch auf einem Stein und hast nur dein Aussehen im Kopf. Vielleicht solltest du dir auch mal was Gescheites anziehen. Hältst allen deine Titten entgegen – was soll das eigentlich?«

»Sei mal nicht so aggressiv«, antwortet die Loreley. »Ich gehe offen mit meiner Körperlichkeit um. Nackte Haut ist etwas ganz Natürliches. Verdamm mich nicht dafür.«

»Pah!«, schnauft die Germania. »Darfst dich halt nicht wundern, wenn man dich auf deine Oberweite reduziert.«

»Ladys«, sage ich, »so komme ich hier nicht weiter. Wie ist das denn jetzt mit der Rheinromantik? Lohnt sich das?« Ich bestelle eine Runde Schnaps zur Beruhigung der Gemüter.

Die Loreley neigt den Kopf zur Seite. »Ich glaube, das ist so ein verlorenes Gefühl, das du bekommst, wenn du von oben auf eine Rheinschleife schaust und ein Schiffchen vorbeischaukelt. Dann wird dir dein Herz so schwer, dass es dich in den Boden zieht. Du erdest dich – als ob du Wurzeln bekommst.«

Die Germania verdreht die Augen und schüttelt den Kopf. »Spinnst du? Du hast dir zu viel durchs Hirn gekämmt, meine Liebe! Romantik ist eine Epoche. Weiter nichts. Ein Konstrukt. Die Zeiten sind vorbei. Das hat schon der Kästner erkannt.« Sie zitiert:

»Wir wandeln uns. Die Schiffer inbegriffen.

Der Rhein ist reguliert und eingedämmt.

Die Zeit vergeht. Man stirbt nicht mehr beim Schiffen,

nur weil ein blondes Weib sich dauernd kämmt.«

Die Loreley lässt nicht locker. »Die Epoche mag vorbei sein, aber das Gefühl kommt manchmal zurück. Der Rhein hilft dir dabei. Sich wie in einem Märchen fühlen, eins werden mit der Natur, die Mythen auferstehen lassen – das ist schon was.« Die Loreley schwenkt ihren Schoppen. 

Die Germania widerspricht nicht mehr. Ihre Augen werden glasig: »In der Romantik hatte ich meine große Zeit …« Sie seufzt. Der Eichenlaubkranz rutscht ihr in die Stirn.

Der Kellner bringt eine neue Runde. Wir sitzen eine Weile schweigend. Wir trinken. Ich versuche, die Diskussion wieder in Gang zu bringen. »Hat es etwas mit den vielen Burgen zu tun? Den Weinbergen? Wehmut? Sehnsucht? Was ist denn so verdammt romantisch am Rhein? Das ist doch nur ein Fluss!«

Die Germania springt auf. »Nur ein Fluss? Es ist der Fluss! Der deutsche Fluss! Was glaubst du, warum ich mir die Beine in den Bauch stehe? Eine muss es ja tun. Ich bin allzeit bereit, falls die Franzosen kommen.« Sie zückt ihr Schwert und fuchtelt damit in der Luft herum. Hektisch schaut sie sich nach allen Seiten um, als würde sich Napoleon irgendwo hinter dem Tresen verstecken. Sie schwankt, stößt gegen den Tisch. Die Loreley hält zur Sicherheit ihre Weinschorle fest. Die Japaner am Nebentisch gucken pikiert.

Die Germania lässt sich zurück auf den Stuhl fallen. Sie sieht auf einmal sehr müde aus. »Auf die deutsche Nation!“, sagt sie, hebt ihr Glas, trinkt es in einem Zug leer und rülpst. Halbherzig schwenkt sie ein schwarz-rot-goldenen Fähnchen über den leeren Schnapsgläsern, die der Kellner noch nicht weggeräumt hat.

»Jetzt ist aber gut mit dem nationalistischen Geschwafel«, schimpft die Loreley. »Ist ja nicht auszuhalten. Wir leben im 21. Jahrhundert. Die Franzosen sind echt okay.«

Plötzlich fängt die Germania an zu schluchzen. »Für was bin ich denn dann noch da?«, heult sie und schmeißt das Fähnchen auf den Boden. Die Loreley drückt sie an ihre blanke Brust. »Du bist halt ein Denkmal. Erinnerst an die alten Zeiten«, flüstert sie und streichelt der Walküre den Kopf, der ab und zu zusammen mit dem nackten Busen einen Hüpfer macht, weil die Loreley einen Schluckauf bekommen hat. Die Haare von der Loreley hängen im Weinschoppen. Die Germania grunzt. Ihre Wangen glühen, die Augen hat sie geschlossen.

Die Loreley stürzt einen Schnaps hinunter und rutscht noch tiefer in den Stuhl. Der Kopf der Germania fällt ihr in den Schoß. Die Walküre zuckt, röchelt und beginnt zu schnarchen. Ihr Schwert liegt neben dem Fähnchen. »Kannst du kurz auf sie aufpassen?«, fragt mich die Loreley. »Ich glaube, ich muss kotzen.«

Die Loreley stolpert zum Klo, bleibt mit der Haarpracht an der Türklinke hängen. Ich höre sie würgen. Die Germania liegt unter dem Tisch. Speichel läuft ihr aus dem Mund. Ab und zu lallt sie ein bisschen, ein leises Lied, das klingt wie »Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein«.

Ich glaube, ich muss das mit der Rheinromantik selbst herausfinden.

Mittlerweile habe ich die Zusage für das Wanderbloggerwochenende in der Tasche. Es findet vom 16. bis zum 18. Oktober 2020 statt. Veranstalter ist die Rheinland-Pfalz Tourismus GmbH. Mehr dazu und wer sonst noch mit von der Partie ist, erfahrt ihr hier.

Hier könnt ihr nachlesen, was ich auf den vergangenen Wanderbloggerwochenenden getrieben habe, bei denen ich dabei war:

Wanderbloggerwochenende Oktober 2019: Nationalpark Hunsrück-Hochwald: Apfelbaumkind

Wanderbloggerwochenende 2017: Pfalz: Nasenschleim und Beerenwein

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Liebe Jana, das mit der Loreley üben wir noch mal. Die Loreley hat nie Ritter verführt, nur den einen, aber auch der musste erst auf einen Kahn steigen, damit er ihrer ansichtig wurde. Näheres zur Geschichte der Loreley findest Du unter Wikipedia. Hier nur mal ein Auszug: Bereits im Mittelalter wurden Zwerge, Nymphen oder Berggeister für die gefährlichen Strömungen und die Echos am Loreleyfelsen verantwortlich gemacht. Von einer Frauengestalt namens Loreley ist aber zunächst noch nicht die Rede. Der erste, der den Felsennamen auf eine Person übertrug und damit eine Kunstsage schuf, war der Dichter Clemens Brentano.
    Ansonsten aber wie immer sehr einfallsreich beschreiben. Viel Spaß beim Bloggerwandern.

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    1. Jana sagt:

      Lieber Hajo, vielen Dank für deine Erklärung. Aus den Rittern habe ich „Burschen“ gemacht, damit keine historische Verwirrung entsteht. Liebe Grüße!

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  2. Kein Wunder, dass das Ticket kam. Allein dass du dir die Mühe eines eigenen Beitrags gemacht hat, ehrt Dich.
    Dass er dann aber auch noch gleich so ein Knaller ist 😂, unbezahlbar. Danke, Jana. Ich kenne die beiden Ladies aus deiner illustren Runde vom Rheinsteig 2017. Sehr gut getroffen.
    Freu mich auf dich

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    1. Jana sagt:

      Ich weiß nicht, wie ich mich sonst bewerben soll. Mit millionenfachen Klicks kann ich nicht dienen 😁. Bin gespannt, ob wir die beiden treffen. Wir sehen uns dann ja auf jeden Fall!

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  3. lecw sagt:

    Tolle Geschichte, schön geschrieben, Jana! 🙂

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    1. Jana sagt:

      Besten Dank dafür!

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  4. lecw sagt:

    Da musst du gar nichts mehr üben, Jana, das ist ein wirklich gelungener Artikel! Ein schöner Einfall, die Damen in die heutige Zeit zu werfen und die Szene hast du auch sprachlich toll beschrieben. Respekt! 😄👍

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    1. Jana sagt:

      Danke, die Damen würde ich wirklich gerne mal treffen. Es sind zwei sehr spannende nicht-reale Gestalten, in denen sich meiner Meinung nach einiges an Seltsamkeiten der menschlichen Psyche manifestiert.

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