Ausrüstung: Beutelodyssee

[Werbung] In dieser Wandergeschichte geht es um einen Toilettenbeutel, der verlorenging und wieder zu mir zurückkam. Zugegeben ist ein Toilettenbeutel ein profaner Gegenstand, dem die meisten nicht allzu viel Aufmerksamkeit schenken. Aber wenn er fehlt, merkt man, was man daran hat.

Auf all den Wander-und Ourdoorblogs habe ich schon viel über die Anforderungen an die perfekte Regenjacke, die Unterschiede zwischen den Wanderschuhgattungen und die Frage, ob nun ein Tarp einem Zelt vorzuziehen sei, gelesen, aber es war noch kein Text dabei, der sich darum dreht, welcher Toilettenbeutel in den Rucksack eines Fernwanderers gehört. Diese Lücke werde ich nun schließen. Alle Menschen, die Toilettenbeutel und Wandern googeln sollen auf meinem Blog landen. Vielleicht benenne ich den Blog sogar um: Wandern, Wege, Weite, Toilettenbeutel.

Ausgewählte Inhalte

In meinem Wandertoilettenbeutel, der mich Tausend Kilometer über den australischen Bibbulmun und mittlerweile mehrere Hundert Kilometer durch Neuseeland treu begleitet hat, ist nicht viel drin: Zahnbürsten, Nagelfeile- und -schere, Pinzette, Zahnpasta, Medikamente, ein winziges Fläschchen Outdoorwaschmittel, das sich sowohl zum Reinigen von Menschen als auch von allem anderen eignet, Rasierer, Tampons. Manchmal darf eine kleine Haarbürste hinein und ein Deo; beides erhöht die Sozialkompatibilität von meinem Freund und mir, wenn wir in städtischem Gebiet unterwegs sind.

Der Beutel, der alle diese nützlichen Dinge sicher verwahrt, hat eine praktische Schnur, mit der man ihn zuziehen kann. Er ist ein Leichtgewicht. Seine Außenhaut ist robust, sein Inneres wasserabweisend, sein Design zeitlos. Und man kann ihn in die Waschmaschine werfen, so ein wunderbarer Beutel ist das.

Eine Maßanfertigung von Gabi

Jetzt fragt ihr euch natürlich, wo ihr einen so tollen Beutel bestellen könnt. Ich muss euch enttäuschen: Ihr braucht Vitamin B. Mein Beutel ist eine Maßanfertigung, genäht von meiner lieben Kollegin Gabi, einem DYI-Genie (Do it yourself), die auf ihrer Nähmaschine aus ein paar Fetzen Stoff einen Beutel zaubern kann. Ihre Kunstwerke könnt ihr euch, auf ihrem Blog myneedleworks anschauen.

Das Desaster ist dann im Hostel in Picton passiert, einem Städtchen im Norden der neuseeländischen Südinsel. Nach einer Nacht in einem Zehnbettzimmer klauben mein Freund und ich all unser Zeug zusammen und tragen es auf die Terrasse, um zu packen und die Langschläfer nicht zu wecken. Dort lasse ich ihn zurück, meinen geliebten Beutel, und fahre mit dem Bus nach Kaikoura.

Die Ära der langen Nägel und feuchten Zahnbürsten

Damit beginnt die lange Periode der Beutellosigkeit. Die Zahnbürsten, die wir nachkaufen, finden fortan in einem Zippo Asyl, wo sie unter dem feuchtem Mikroklima leiden. Unsere Finger- und Zehennägel wachsen, bis sie Gabis Katze Odin Konkurrenz machen. Nach ein paar Wochen sind mein Freund und ich so verzweifelt, dass wir den Nägeln mit der Feile zu Leibe rücken, die am Tag des Verlustes aus irgendeinem Grund nicht im Beutel war. Fußnägel feilen ist so wie bei einer Kundenhotline anrufen: Man braucht viel Geduld.

Einen neuen Beutel zu kaufen, kam nicht in Frage, denn der Beutel war bereits auf dem Weg zu mir. Dem Hostel hatte ich eine Vermisstenanzeige geschickt, samt Beutelfoto. Nach ein paar Tagen ungewissen Bangens fand sich die verlorene Beutelseele im Hostel in Picton.

Meine Idee, wie Beutel und ich wieder zusammenfinden würden, war so einfach wie genial. Ich würde dem Hostel von Kaikoura aus einen frankierten und adressierten Umschlag schicken. Zielort: Hanmer Springs, wo mein Freund und ich Weihnachten verbringen würden. Bis dahin waren es zu diesem Zeitpunkt noch vierzehn Tage. Das sollte der Beutel schaffen. Hat er aber nicht.

Fast täglich frage ich im Hostel in Hanmer Springs nach einem Umschlag für mich, aber der Betreiber schüttelt nur traurig den Kopf. Irgendwann wird klar: Mein Freund und ich müssen weiter, ohne Beutel.

Bevor wir Hanmer Springs verlassen, rufe ich nochmal in Picton an. Der Beutel sei unterwegs, versichert man mir. Also schildere ich dem Hostelbetreiber in Hanmer Springs mein Problem und spreche von dem emotionalen Wert, den der Beutel für mich hat, wie unersetzlich er sei und wie wichtig für mein Seelenleben. Der Betreiber verspricht, eine Nachricht zu schicken, sobald der Beutel eintrifft.

Die erlösende Nachricht erreicht uns rund eine Woche später. Der Beutel ist in Hanmer Springs. Ich wiederhole das Prozedere mit dem frankierten, adressierten Umschlag und bitte den Hostelbetreiber, meinen Beutel nach Arthur’s Pass ins Besucherzentrum zu schicken.

Wiedervereinigung in Arthur’s Pass

Am 21. Januar, mehr als einen Monat, nachdem der Beutel verlorenging, sind wir wieder vereint. Ich löse ihn gegen zehn Dollar Paketaufbewahrunfsgebühr beim Besucherzentrum aus und knuddele ihn ein bisschen.

Es gibt nur eine Sache, die meinem Beutel noch fehlt: ein GPS-Sender, damit ich immer weiß, wo er gerade ist. Ich werde Gabi fragen, ob sie sowas einnähen kann.

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