Taranaki: Fotoshooting

Auf einmal sind wir allein. Alle anderen haben die Hütte verlassen, haben alles stehen und liegen gelassen und sind nach draußen gehechtet.

Der Berg!, sage ich zu meinem Freund und bin ein bisschen aufgeregt. Wahrscheinlich ist der Berg zu sehen.

Er nickt, wir lassen alles stehen und liegen und hechten nach draußen. Auf der Wiese vor der Hütte steht ein Dutzend Wanderer und starrt Mount Taranaki an, als würde die Queen über seinem Gipfel aus einem Helikopter springen und dabei ihren Hut festhalten.

Am Horizont reckt sich ein einsamer weißer Kegel in den Abendhimmel. Wie in Karamell getunktes Vanilleeis schaut der Gipfel des Herrn Taranaki aus. Das Publikum zückt Handys und Fotoapparate und lobpreist die Schönheit des Berges.

Wenn Berge sich streiten

Der Taranaki ist schüchtern. Er zieht sich gern hinter eine Fassade aus Wolken und Nebel zurück und macht sich so unsichtbar. Deshalb sind an diesem Abend alle so aus dem Häuschen und gratulieren sich gegenseitig zur Bergsichtung. Manche irren tagelang um Taranaki herum und sehen nur Wolkengrau.

Meine Theorie: Taranaki hat an diesen Tagen keine Lust, immer am selben Platz auf Neuseelands Nordinsel zu hocken und sich von eingeschleppten Possums und Hermelinen die Brust vollkacken zu lassen. Er macht, während die Wolken die Stellung halten, lieber einen Ausflug: Der Vulkan pilgert zu Mount Pihanga, um mit ihr in einer glühend heißen Affäre Bergkinder zu zeugen, die sich auf der Südinsel Neuseelands niederlassen.

Einer Māori-Legende nach sollen die Berge Taranaki und Tongariro einst um die liebliche Pihanga gekämpft haben. Es gab noch weitere Nebenbuhler, aber Tongariro hat sie alle vertrieben. Seitdem hängt der Taranaki als frustrierter Einsiedler und einziger Berg weit und breit im Westen der neuseeländischen Nordinsel herum und hadert mit seinem Schicksal. Er weiß, dass er der schönere Berg ist, mit seinen gleichmäßigen Flanken, seinem dreieckigen Vulkankopf, seiner klaren Silhouette und seinem kräftigen, breiten Fuß in jagdgrünem Gewand. Aber Tongariro war der stärkere.

Wahrscheinlich weil der Taranaki ein solcher Adonis von Berg ist, hat er es auf Instagram weit gebracht. Am zweiten Tag unserer Wanderung rund um den Taranaki erfahren mein Freund und ich von dem berühmten Foto.

Wir sitzen seit zwölf Uhr mittags an der Pouakai Hütte – es waren an diesem Tag nur drei Stunden Marsch – und beobachten, wie sich Wanderer den Berg hinaufschleppen.

Unbekannte Berühmtheit

Mein Freund plaudert mit den hechelnden Bergbesuchern, die auf der Hütte eine kurze Rast einlegen. Sie wollen alle zum See.

Welcher See?, fragen wir. Die Besucher starren uns an, als wüssten wir nicht, dass soeben die Queen über jenem See aus einem Helikopter gesprungen ist und dabei ihren Hut festgehalten hat.

Man klärt uns auf: In der Nähe der Hütte befände sich ein See, in dem sich der Taranaki spiegele. Das sei ein berühmtes Instagram-Motiv.

Unter dem Hashtag Taranaki finde ich die Bilder: Im Wasser glitzert erhaben das Antlitz des Taranaki. Davor machen Menschen in Outdoorkleidung Luftsprünge.

Falls ihr euch schon lange fragt, ob Instagram nicht nur eine Scheinwelt zeigt oder ihr euch manchmal wundert, dass euer Leben nicht so glanzvoll ist wie die Filterblasenwunderwelt, könnt ihr euch beruhigt zurücklehnen. Ich bringe die Wahrheit ans Licht: Der See, der auf den Fotos aussieht, als wäre er mindestens so groß wie der Taranaki, ist nur eine Pfütze, ein gerade mal knöcheltiefer Tümpel, ein blauer Fliegenschiss auf der Landkarte. Meistens spiegeln sich darin höchsten ein paar Grashalme. Die Energie, vor dem Berg herumzuspringen, dort stundenlang auf passendes Wetter und den perfekten Sonnenstand zu warten, dürften die wenigsten aufbringen. Niemand würde diesem Teich Beachtung schenken, wären da nicht diese Instagram-Fotos. Keiner postet ein Taranaki-Bild mit den Hashtags #boringlake, #noreflection und #cloudymountain.

Als wir am nächsten Tag unserer Wanderung den Möchtegernsee erreichen, machen wir ein Foto, auch wenn sich da nix spiegelt und weder die Queen noch akrobatische Künste von Outdoorliebhabern zu sehen sind. Ist einfach ein schöner Berg, der Taranaki. Vielleicht nehme ich das Bild für Instagram.

Pouakai Circuit (Alternativroute über Ram Track und Kokowai Track)

Land: Neuseeland

Anreise: Mit dem Intercity-Bus nach New Plymouth, von dort wiederum mit dem Intercity-Bus nach Egmont Village, von wo aus wir zum Ausgangspunkt der Wanderung (North Egmont) getrampt sind.

Gehzeit: drei Tage für 25 Kilometer (10. bis 12. November 2018). Wer mehr Ehrgeiz hat, kann den Track auch an zwei Tagen bewältigen.

Herausforderungen: Ich weiß nicht, wie viele Stufen es waren, wahrscheinlich aber mindestens tausend. Wer wie ich kein alpines Wandern gewohnt ist, dürfte den Track mit seinen Höhenmetern ziemlich anstrengend finden. Wer Schwierigkeiten mit den Knien hat, könnte beim vielen Bergabgehen Probleme bekommen. Da ein Teil des Weges wegen Erdrutsch gesperrt war, haben wir die Alternativroute über den Kokowai Track genommen. Der Weg ist dort teils stark ausgewaschen, matschig und man muss über Treppen aus Wurzeln kraxeln. Dafür ist der Track gut beschildert, verlaufen wird man sich kaum.

An- und Abreise zum Track ist etwas kompliziert. Von New Plymouth aus gibt es ein Shuttleunternehmen, falls ihr kein eigenes Auto habt, um nach North Egmont zu kommen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist Mount Taranaki nicht erreichbar.

Höhepunkte: Mount Taranaki, Ahukawakawa-Sumpf, Baumfarne, Hängebrücke über den Waiwakaiho

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Wieder so herrlich witzig. Ich mach mich gleich mal auf, bei Insta das Bild von der Queen, äh dem Berg zu suchen. Neugierig bin ich jetzt schon…

    Gefällt 1 Person

    1. Jana sagt:

      Die Bilder von der Queen… äh Berg… findest du bestimmt!

      Gefällt 1 Person

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