Serra de Monchique: Semmelmafia

Ich stehe gedanklich kurz davor, mir eine stilisierte Semmel auf den Oberarm tätowieren zu lassen, als Renate (Name von der Redaktion geändert) ihre Bluse lupft, um dem Keller zu zeigen, dass sie keine Backwaren zwischen ihren Brüsten gehortet hat. Währenddessen lassen Dietmar und Agnes (Namen ebenfalls geändert) die Schmuggelware im Rucksack unter dem Tisch verschwinden. In Papierservietten gehüllt rutschen zwei Wurstbrötchen in die Taschendunkelheit.

Ich drapiere eine Scheibe Käse und Karottenstreifchen auf meiner Semmel und sinniere, ob die Tattoosemmel von bunten Flammen umgeben sein sollte. Für ein dramatischeres Erscheinungsbild. Oder ob ich mir eher einen Totenschädel in die Haut stechen lassen werde, wie er in einen Käseweck beißt. Als Erkennungszeichen unseres Geheimbundes: der Semmelmafia.

Guckt er gerade?, fragt Dietmar. Die Luft ist rein, sage ich. Zwei weitere Semmeln werden Opfer des organisierten Verbrechens.

Wir schultern unsere Rücksäcke und schleichen aus dem Speisesaal, vorbei an den Wachen. Noch ein Schritt. Die Brötchen sind über die Grenze. Morgen fangen wir an, einen Tunnel zu graben.

Unser Kodex ist ehrenhaft: Wir schmuggeln nur für den Tagesbedarf. Wer wandert, braucht Mitnahmesemmeln. Daran ändern die üppigen Mahlzeiten im portugiesischen All-inclusive-Hotel an der Algarve nichts, das die Brötchen bewacht, als handele es sich um die Goldbestände von Fort Knox.

Semmelentführung ist verboten, obwohl es im und um das All-inclusive-Hotel weit und breit keinen Bäcker gibt. Welche Strafe auf Semmelschmuggel steht, wissen wir nicht. Einige Jahre im Château d’If wahrscheinlich.

Später, auf dem Gipfel des Fóia, dem höchsten Berg der Serra de Monchique, nach knapp drei Stunden Wanderung zeigt sich, dass illegale Semmeln besonders lecker sind. Der Gedanke, nicht im Château vermodern zu müssen und sich stattdessen von der portugiesischen Sonne brutzeln zu lassen, macht unserer Wandertruppe Appetit. Vielleicht liegt es auch an der frischen Luft, dem Blick in die Ferne oder den zurückgelegten Höhenmetern.

Bist du einer von uns? Mitglied der Semmelmafia? Dann gib dich zu erkennen: Einfach mit dem Brötchen winken oder doch eins tätowieren lassen.

Der höchste Gipfel der Serra de Monchique (aus: Claus-Günter Frank: Algarve – 36 Wandertouren)

  • Land: Portugal
  • Anreise: Flugzeug von Frankfurt am Main nach Faro, per Mietwagen zum Ausgangspunkt der Wanderung, dem Gipfel des Fóia
  • Länge: 7,5 km
  • Gehzeit: knapp 3 Stunden
  • Höhepunkte: Kaffeetrinken im kleinen Örtchen Monchique, Kuhquerung auf der Strecke, Korkeiche
  • Herausforderungen: Semmeln erst am Ende der kurzen Tour vertilgen

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