Burgensteig: Heiliger Faultierschwur

Vielleicht bin ich mit einem Faultier verwandt. Zumindest um drei Ecken. Das schreiben doch die Wissenschaftsjournalisten immer so: Der Mensch hat so und so viel Prozent identisches genetisches Material mit einem Maiskolben. Oder einer Honigmelone. Oder einem Waschbär. Und wenn ich die Wahl habe zwischen Honigmelone und Faultier, dann lieber Faultier.

Jedenfalls bewege ich mich zu Fuß meinem Freund zufolge sehr faultiermäßig, weshalb wir auf einer Etappe des Burgensteigs testen wollen, wie langsam ich wirklich unterwegs bin. Denn bei der Planung von Wanderrouten ist die Kenntnis der Durchschnittsgeschwindigkeit eine nützliche, wenn nicht gar unerlässliche, Information.

Teststrecke: Heppenheim-Hemsbach

Unsere Teststrecke: Wir laufen von Heppenheim nach Hemsbach. Ich gelobe am Bahnhof von Heppenheim, an diesem Tag zügig zu marschieren: Heiliger Faultierschwur. Noch ein Blick auf die Uhr – und los geht’s.

In der Heppenheimer Altstadt laden die Fachwerkhäuschen zum Flanieren ein. Ich habe sie durchschaut: Faultiererbe, innerer Schweinehund und Fachwerkhäuschen sitzen alle unter einer Decke. Nicht mit mir!

Den Zecken auf den Wiesen am Weinberg macht mein Sprinttempo nichts aus. Sie sitzen lauernd auf ihren Grashalmen herum, schon ganz angeödet vor lauter Warterei. Trotz des mörderischen Tempos, mit dem ich den Weinberg emporstampfe, stürzen sie sich todesmutig auf ihre Beute, ergo auf mich. Bei der ersten Rast – die Zeit wird genau gestoppt, als ginge es um die letzten Millisekunden bei der Weltmeisterschaft im 100-Meter-Lauf – müssen die Zecken den grausamen Zerquetschungstod sterben.

Sturm auf den Weinberg

Wir stürmen weiter die Weinberge hinauf und entlang, zwischen denen sich Steinmauern schlafen gelegt haben. In der Mittagssonne spurten wir über Felder, die sich wie Sofakissen in die Landschaft betten, vorbei am Vier-Ritter-Turm (an dem aber keine Ritter weit und breit zu sehen sind) und durch Wald, wo wir den Steinernen Gaul passieren (mit viel Fantasie ist in dem Felsklotz so etwas wie ein Pferd erkennbar) – und immer noch halte ich das Tempo. Das Faultier in mir kommt bei der Geschwindigkeit nicht mehr mit. Bei geschätzten gut drei Kilometern pro Stunde fliegen die Aussichtspunkte nur so vorbei.

Wir folgen weiter dem Wegzeichen, einer kleinen blauen Burg. Der aufkommende Sommerregen hält uns nicht auf. Die Zecken schütteln mittlerweile voller Bewunderung die Köpfe, der Steinerne Gaul blickt uns neidisch hinterher. Der Puma in meinem genetischen Erbe ist geweckt. Er hat das Faultier verschlungen.

Als Hochgeschwindigkeitswanderer merken wir nicht, dass die kleine blaue Burg irgendwann verschwunden ist. Vom Regen angefeuchtet wie eine abgeleckte Briefmarke stehen wir vor einer geteerten Straße, die auf unseren Wegbeschreibungen nicht zu entdecken ist. Das Smartphone weist den Weg Richtung Hemsbach. Weit ist es zum Ziel nicht mehr. Aber ohne genaue Kilometerzahl ist die Geschwindigkeitsstatistik dahin. Macht nichts. Ich weiß auch so, dass wir mit einem Affenzahn unterwegs gewesen sein müssen.

Burgensteig (Etappe Heppenheim – Hemsbach) auf einen Blick:

  • Land: Deutschland
  • Anreise: Regionalbahn von Heidelberg
  • Länge: rund 14 Kilometer
  • Gehzeit: rund 5,5 Stunden (Sommer 2016)
  • Höhepunkte: Heppenheim Altstadt, Hohlweg, Weinstöcke
  • Herausforderungen: Höhenmeter, Mittagssonne im Weinberg ohne Schatten, Zecken

 

Mehr Lesestoff

Manuel Andrack zieht auf seinem Blog folgende Bilanz: »Von Heppenheim nach Bensheim auf dem Burgensteig (der nicht mehr Burgenweg heißt!) – das waren ungefähr zehn Kilometer Weinwandervergnügen. Eine schöne Mischung aus Bergstraßen-Toskana, Wäldern, einem Schloß und natürlich den großartigen Weinen der Hessischen Bergstraße.«

 

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